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Kunstverein: Das Paradies der Erinnerung

Friedrichshafen / Lesedauer: 3 min

Die aktuelle Ausstellung ist die Premiere der neuen Kuratorin Marlene A. Schenk. Die Kunst von Angyvir Padilla fragt nach Identität im Zeitalter der Migration.
Veröffentlicht:07.02.2024, 18:19

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„Das einzige Paradies ist das verlorene Paradies“, heißt es bei Marcel Proust. Dieser Befund ist tragisch. Aber er lässt sich auch anders auffassen: Nur was wir verloren haben, können wir uns später im Licht der Erinnerung als Paradies vergegenwärtigen. Ob Erinnerung ihren Gegenstand damit zwangsläufig verklärt, sei dahingestellt. Jedenfalls steigert sie das Vergangene in seinem Wert.

Rund um das Wesen der persönlichen Erinnerung kreist nun die Ausstellung „Whispering floors, trembling breaths“ der belgisch-venezolanischen Künstlerin Angyvir Padilla. Mit ihr gibt zugleich Marlene A. Schenk ihren Einstand als neue Kuratorin des Kunstvereins.

Fotos wie Wäsche, die trocknen soll

Padilla bespielt den Kunstverein einerseits karg und streng. Im Hauptraum sind nur fünf Arbeiten zu sehen: Auf Stoff gedruckte Fotografien, die auf Metallbügel gehängt sind - beinahe wie Wäsche, die trocknen soll. Es ist zum einen diese Lässigkeit, die der Präsentation ihre Strenge nimmt. Zum anderen ist es die Unschärfe der Bildmotive.

Denn sie entziehen sich der Klarheit durch einen Schleier aus Paraffin, wie es für Kerzen verwendet wird. Das flüssige Paraffin hat die aufgedruckten Fotos durchtränkt und im Hartwerden einen weißlichen, halbdurchsichtigen Belag auf ihnen gebildet, sowie auf dem Boden angetrocknete Pfützen.

Im gründlich durchdachten und verständlichen Text zur Ausstellung erklärt Marlene A. Schenk, dass es sich bei den Motiven um Aufnahmen handelt, die die Mutter der Künstlerin vor vielen Jahren in der gemeinsamen Wohnung in Caracas gemacht hat. Mit Mühe erkennt man darauf bunten Nippes, ein Tischchen mit einem Blumenstrauß oder den Schnappschuss eines Halbwüchsigen. Zwei weitere Motive bleiben vieldeutig.

Paraffin tropft wie die Zeit dahin

Zwischen den Fotos und der Gegenwart stehen Kindheit und Jugend der Künstlerin. Das Paraffin, das in seinem eigenen Takt über die Textilfotos getropft ist, lässt sich als Metapher auf diese vergangenen Jahre verstehen. Der Schleier dieser Zeit ist das entscheidende Element, der das faktisch Gewesene zum erwähnten verlorenen Paradies verwandeln kann.

Als Betrachter stellt sich hier die Frage nach der eigenen Erinnerungslogik. Vergegenwärtigt man sich selbst auch die eigene Vergangenheit in so nostalgischer Weise wie die Künstlerin? Oder dominiert der nüchterne Blick? Wovon wiederum mag die eigene Perspektive abhängen? Auf welche Bruchstücke der Kindheit schließlich hat die Erinnerungsfähigkeit überhaupt Zugriff - und, vielleicht noch wichtiger: Wo klaffen Lücken?

Durch Zeit und Raum von der Kindheit getrennt

Padillas Verhältnis zu ihren Erinnerungen ist das einer Reisenden. „Home, unfoldable Home“ (deutsch: Aufklappbares Zuhause), nennt sie diese Werkserie. Denn wie einen Koffer und seinen Inhalt nimmt sie die Erinnerung überall hin mit. Als Reisende ist sie von ihrer Kindheit in Venezuela auf doppelte Weise getrennt: zeitlich, aber auch räumlich. Dadurch wird die Erinnerung zum noch kostbareren Gut.

Das zeigt auch die Performance bei der Vernissage: Die Künstlerin agiert zwischen Möbeln von der Anonymität einer Hotelzimmerkulisse. Nichts darin ist mit der eigenen Lebensgeschichte verbunden - und deshalb greift Angyvir Padilla zu einer Strategie: Sie überzieht das unpersönliche Inventar mit Relikten ihrer eigenen Lebensgeschichte. Aus einem Koffer nimmt sie einen Bettbezug, der ebenso mit einem Erinnerungsfoto aus ihrem früheren Leben bedruckt ist wie die dem Koffer entnommene Tischdecke sowie weitere Textilien.

Wie kann ein Leben in der Fremde gelingen?

Diese Performance wirft im Zeitalter der Migration und des oft erzwungenen Heimatverlusts Fragen auf: Wie kann ein Mensch in einem fremden Land heimisch werden, der dort mit wenig mehr als seiner Lebensgeschichte ankommt? Und wie kann sein Leben gelingen, ohne dass die Kultur des Herkunftslands noch die der „neuen Heimat“ verdrängt werden muss?


Die Ausstellung ist bis 30. März im Kunstverein am Buchhornplatz zu sehen. Geöffnet Mittwoch bis Freitag von 15 bis 19 Uhr sowie Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr. Eintritt frei.