StartseiteRegionalBodenseeFriedrichshafenKolossa, Rufbus, Zungenkuss: Nostalgie-Facebook-Gruppe in Friedrichshafen explodiert

Rufbus

Kolossa, Rufbus, Zungenkuss: Nostalgie-Facebook-Gruppe in Friedrichshafen explodiert

Friedrichshafen / Lesedauer: 5 min

Mehr als 1200 Mitglieder posten in der ersten Woche nach Gründung Erinnerungen an ihr Leben in der Zeppelinstadt
Veröffentlicht:29.01.2014, 16:50

Von:
Artikel teilen:

Erst bei „1a“ shoppen und danach ein „Elefantenohr“ von Stojas Imbiss: In der gerade erst gegründeten Facebook-Gruppe „Friedrichshafen damals, gestern heute“, geben sich Mitglieder einem kollektiven Erinnerungsrausch hin. Schwaebische.de hat mit dem Gründer gesprochen.

„Bei uns heißt es heute noch: Ich geh mal kurz ins Kolossa“, schreibt eine Userin begeistert in der vor kaum einer Woche gegründeten Facebook-Gruppe unter das Bild eines alten Preisschildchens. „19,95 DM, Kolossa“, steht darauf in grauer Schrift auf gelbem Grund. Dazu der charakteristische Stern, Symbol für den Supermarkt in Friedrichshafen-Manzell, der in den 90er-Jahren erst zu „Eurospar", später zu „Kaufland“ wurde.

So wie diese Userin schwelgen in der Facebook-Gruppe mit den explodierenden Nutzerzahlen Hunderte weiterer Häfler und ehemaliger Häfler in Erinnerungen. Sie posten Bilder längst vergangenener Jahrzehnte am Bodensee: Eines zeigt einen Seehasen-Umzug in den 60er- oder 70er-Jahren, ein anderes das alte Saba-Werk hinter dem heutigen Marktkauf. Ein Foto mit ZF-Lehrlingen aus dem Jahr 1957 wurde 33 Mal geliket, eine rotstichige Ansicht eines Parkplatzes - heute vom Textilwarenhaus C&A überbaut, begeistert gut 50 Menschen.

Sie alle schwelgen auf Facebook in Erinnerungen an alte Zeiten. Der kollektive Erinnerungsrausch ist indes keine neue Idee: „In Karlsruhe oder Stuttgart gab es das schon“, sagt der gebürtige Häfler Peter Liptau, der die Gruppe in der vergangenen Woche als Ausgabe Friedrichshafen ins Leben gerufen hat. „Ich dachte, in meiner Heimatstadt muss es das auch geben“, sagt er weiter - und hat mit diesem Gedanken offenbar einen Nerv getroffen.

1300 Mitglieder in zehn Tagen

In kaum zehn Tagen explodierte die Nutzerzahl von „Friedrichshafen - damals, gestern, heute“ auf (Stand Mittwoch) über 1300 Mitglieder. Ständig werden neue, längst vergessene Ansichten der Stadt gepostet, die ihr Gesicht in den letzten Jahrzehnten sehr verändert hat. „Das ist Erinnerungsschwelgerei 2.0. Man stimuliert sich gegenseitig, um sich an früher zu erinnern“, sagt Liptau, der hauptberuflich als Architekturhistoriker am Karlsruher Institut für Technologie arbeitet.

Seine Intention zur Gruppe war aber keineswegs fachlicher Natur, Liptau geht es zunächst um Emotion und die Erinnerungen der Masse: „Das sind auch meine Erinnerungen. Ich habe viel Zeit dort verbracht“, so Liptau. Gleichwohl sei es faszinierend zu sehen, „welches Erbe die Stadt in den letzten 50 Jahren gesammelt hat.“

70er, 80er, 90er - oder doch die Nachkriegszeit?

Die meisten Bilder, die derzeit auf Facebook gepostet werden, stammen aus den 70er-, 80er- und 90er-Jahren. Doch auch die ersten Nachkriegsjahre und das vergangene Jahrzehnt scheinen die Nutzer zu faszinieren. „Auch viele ältere Menschen aus der Stadt haben aus dieser Zeit Bilder herausgesucht und eingestellt“, sagt Liptau. „Die Menschen erinnern sich eben gerne an das, was sie selbst noch erlebt haben.“

"Mein Gott, ist das lang her"

Mitunter widmet sich die Gruppe dabei skurrilen Angelegenheiten. Nicht nur Stadtansichten, Umzüge oder Feste werden gepostet. Auch mancher Mittagssnack vergangener Zeiten lebt wieder auf. So war der Imbiss Stojas am Hirschenparkplatz (heute Sparkasse-Gelände) in den 90er-Jahren Treffpunkt ganzer Schülergenerationen, die hier ein „Elefantenohr“ - eine übergroße Schnitzelvariante - gegessen haben. Den Imbiss gibt es zwar noch, doch längst gilt der Schnitzelwecken offenbar als Kult: „Mein Gott wie lang ist das her dass ich mein letztes E-Ohr gegessen hab“, schwärmt eine Userin.

Ganz frei von fachlichem Interesse ist Gruppen-Gründer Liptau indes doch nicht. Im Gespräch mit der SZ bricht sein Interesse für Nachkriegsarchitektur aus ihm heraus: „Was in der Nachkriegszeit aufgebaut wurde, hat diese Stadt sehr geprägt“, sagt der 31-Jährige. Er schätzt die Gruppe auch als Ort, an dem Bausünden und Ikonen der Vergangenheit nochmal zum Vorschein kommen. „Was schade ist, ist der Verlust historischer Bausubstanz“, sagt Liptau. Er hat 2011 einst als Co-Kurator eine Ausstellung über den Architekten Rolf Gutbrod organisiert, der sich unter anderem für die Architektur des Heizwerks im Fallenbrunnen verantwortlich zeichnete. Auch für andere Häfler Architektur kann sich Liptau aber erwärmen: „Viele finden das Häfler Rathaus hässlich. Aber in den 50ern war das ein todschicker Bau. Das Gebäude zeigt, was Architektur dieser Zeit ausmacht.“

In den Kellern schlummern Schätze

Der Gruppengründer hofft nun, das der Hype auf Facebook noch eine gewisse Zeit weitergeht und Häfler Internetsurfer weiter in Erinnerungen schwelgen. Das schaffe schließlich ein Bewusstsein für Geschichte. Was ihn an der Gruppe noch bewegt: „Das hat viele Menschen motiviert, ihre Alben durchzugucken. Und in den Kellern der Häfler ist noch einiges zu finden.“

Nicht alle Nutzer von „Damals, gestern, heute“, werden sich so viele Gedanken über die Stadtgeschichte machen wie der Gruppengründer. Was für sie zählt, ist vor allem die Erinnerung. Und so werden sie noch eine ganze Weile weiter posten: Bilder von der alten Diskothek „Zugenkuss“, die heute „Zirkuss“ heißt, von den grünen Rufbussen längst vergangener Jahre, oder von Autos, die noch in den 70ern wie selbstverständlich auf dem Rathausplatz parkten - direkt vor dem Schaufenster von „Optik Müller“.