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Teststäbchen

Ungewollt Schwanger? Kaum Ärzte am Bodensee für Patientinnen, die abtreiben wollen

Friedrichshafen / Lesedauer: 5 min

Frauen, die ungewollt schwanger werden und abtreiben wollen, müssen oft weite Wege auf sich nehmen
Veröffentlicht:01.08.2022, 19:00

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Zwei Striche auf dem Teststäbchen, daneben das Wörtchen „schwanger“: Wo für die eine Frau eine wundervolle Zeit des Wartens auf ihr Wunschbaby beginnt, bricht für die andere, die ungewollt den positiven Schwangerschaftstest in der Hand hält, eine Welt zusammen. Sind seit der Befruchtung nicht mehr als zwölf Wochen vergangen, haben Frauen hierzulande allerdings die Möglichkeit, die Schwangerschaft abzubrechen. Doch wo finden Betroffene am Bodensee eine Ärztin oder einen Arzt dafür?

„Die Situation für Frauen, die einen Abbruch der Schwangerschaft erwägen, ist in Bezug auf Ärzte generell sehr schwierig, da hier die Versorgung sehr dürftig ist – bis auf eine Ausnahme müssen die im Landkreis Lindau lebenden Frauen immer längere Wege dafür zurücklegen“, sagt Angela Wolf vom Lindauer Landratsamt. Ihres Wissens nach gebe es direkt im Landkreis keinen Arzt, der einen Schwangerschaftsabbruch vornimmt.

Beratungsstellen stehen Betroffenen zur Seite

Immerhin: Die staatlich anerkannte Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen biete im Landratsamt Schwangerschaftskonfliktberatungen an, ergänzt sie. „Sollten sich Schwangere nach der Beratung für einen Abbruch entscheiden, können sie dort eine Liste von Ärzten, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführen, einsehen und sich die Adressen notieren. Diese können wir leider nicht herausgeben“, erklärt Angela Wolf weiter.

Dass die Ärztinnen und Ärzte, die Abbrüche vornehmen, dies nicht öffentlich bekannt machen, liegt nicht nur daran, dass dies noch bis zum 18. Juli 2022 ein Tatbestand des deutschen Strafrechts war, sondern auch an einer Stigmatisierung. Davon weiß auch Monika Maria Hostenkamp , Frau von Benedikt Johannes Hostenkamp, dem einzigen Arzt in Vorarlberg, der Schwangerschaftsabbrüche durchführt. „Viele Ärzte finden Abbrüche inhaltlich richtig, aber trauen sich dann doch nicht“, sagt die Arztgattin, die seit 1987 an der Seite ihres Mannes in der Praxis tätig ist.

Doch die Nachfrage von ungewollt Schwangeren ist Monika Maria Hostenkamp zufolge groß – circa 300 Abtreibungen werden jährlich im Schnitt in der Praxis der Hostenkamps durchgeführt. „Wir haben vor 25 Jahren damit begonnen, weil wir von mehreren Fraueninitiativen darum gebeten wurden. Mit Stigmatisierung hatten wir in Vorarlberg relativ wenige Probleme, da wir nicht dort wohnen“, schildert sie.

Wenn das Land jetzt nicht tätig wird, gibt es hier spätestens in einem Jahr keinen Arzt mehr, der das macht.

Monika Maria Hostenkamp

An das Land Vorarlberg appellieren die Hostenkamps, sich nun aber schnellstmöglich um weitere Ärzte, die Abbrüche vornehmen, zu bemühen. „Wir sind jetzt 70 Jahre alt und haben schon länger gemacht, als wir eigentlich wollten. Wenn das Land jetzt nicht tätig wird, gibt es hier spätestens in einem Jahr keinen Arzt mehr, der das macht“, sagt Monika Maria Hostenkamp. Sie und ihr Mann sind überzeugt: „Schwangerschaftsabbrüche gehören zur Gynäkologie dazu, man muss die Patientinnen auch bei dieser Thematik gut versorgen.“

Eine Frau, die in Deutschland abtreiben will, muss vorher an einer Beratung teilnehmen und braucht die Bescheinigung darüber. In Friedrichshafen übernimmt Sabine Hornig von der Schwangeren- und Schwangerenkonfliktberatung der Diakonischen Bezirksstelle Friedrichshafen diese Beratung. „In jedes Gespräch starten wir mit der Frage, auf welchem Boden die Entscheidung für oder gegen das Kind steht. Denn wir wissen, dass die Verarbeitung schwierig werden kann, wenn das im Nebulösen bleibt“, erläutert Hornig.

Viele machen sich vorher Gedanken

Die meisten Frauen würden sich bereits vorher Gedanken machen – „etwa 80 Prozent haben eine Tendenz, wenn sie zu uns kommen“, sagt die Theologin. Manche Frauen seien aber auch „ganz ambivalent. Dann geht es darum, mit ihnen gemeinsam herauszufinden, was ihre inneren Wünsche sind“, beschreibt sie den Beratungsprozess. Die Frauen bekommen von Hornig und ihrer Kollegin zudem eine Liste mit Ärzten, an die sie sich wenden können. Dazu zählen ihr zufolge Anlaufstellen in Friedrichshafen, Pfullendorf, Ulm, Tuttlingen, Engen und Radolfzell.

Das sind dann sehr berührende Momente.

Sabine Hornig

Wie sich die Frauen letztendlich entscheiden, bekommt Hornig anschließend nicht mitgeteilt. „Es sei denn, sie kommen später in die Schwangerenberatung. Oder – das ist mir auch schon ein- oder zweimal passiert – es klingelt und eine Frau, die mal an der Beratung teilgenommen hat, steht mit einem ein- oder zweijährigen Kind vor der Tür. Das sind dann sehr berührende Momente“, sagt Hornig. Insgesamt werde die Beratung sehr positiv wahrgenommen, fügt sie außerdem an.

Dass es Abbrüche gebe, könne man jedoch genauso wenig wegdiskutieren wie die Tatsache, dass die ärztliche Versorgung bei Schwangerschaftsabbrüchen ein Problem sei, meint sie. „Die Ärztinnen und Ärzte, die es gibt, müssen ähnlich große Gebiete wie wir als Konfliktberaterinnen versorgen“, schildert sie. So kämen per Gesetz etwa 40 000 Einwohner auf eine Stelle, fügt Hornig an. Auch die Stigmatisierung der Ärzte, die Abbrüche durchführen, ist in ihren Augen ein großes Problem. „Es geht hier ja nicht um irgendwen, sondern um ihre eigenen Patientinnen“, sagt sie.

Zurück in die Illegalität?

Der Weg in eine gute Versorgung ist aus Sabine Hornigs Sicht noch ein langer. „Es besteht außerdem die Gefahr, dass es – wenn jetzt bald einige Ärztinnen und Ärzte in den Ruhestand gehen – keine Anlaufstellen mehr gibt. Es wäre absolut fatal, wenn gerade Schwangerschaftsabbrüche wieder in die Illegalität abrutschen würden“, warnt sie.