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Das große Interview

Jobabbau bei ZF? Betriebsrat gegen „Denkverbote beim Patentweltmeister“

Friedrichshafen / Lesedauer: 6 min

Will der Konzern wirklich 12.000 Stellen streichen? Achim Dietrich sagt, was für die Arbeitnehmervertretung geht - und was nicht. Und stellt Forderungen ans Management.
Veröffentlicht:06.02.2024, 15:00

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Beim Zulieferer ZF ist Dampf im Kessel. Der Betriebsrat macht mobil gegen Stellenstreichungen. Der Konzern widerspricht, ohne eigene konkrete Ziele und Zahlen zu nennen.

Im Interview erläutert Achim Dietrich, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrat, woe die Arbeitnehmervertretung kompromissbereit ist und wo nicht. Der Gewerkschafter fordert ein Ende der Denkverbote beim High-Tech-Konzern und einen Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung.

Sie haben bei einer Protestkundgebung Mitte Januar davor gewarnt, dass ZF 12.000 der knapp 55.000 Stellen in Deutschland streichen will. Der Konzern sagt: Die Zahl beschreibt nur die Stellen, die bis 2030 abgebaut werden könnten, ohne jemandem kündigen zu müssen. Was stimmt denn nun?

Im Gesamtbetriebsrat wurden uns Folien gezeigt, auf denen zu lesen war, dass bis 2030 von einem Beschäftigungsrückgang von „mindestens 12.000“ auszugehen sei. Warum schreibt man denn „mindestens“, wenn das Ganze nur ein Planungsszenario sein soll? Wir gehen davon aus, dass das Unternehmen genau das vorhat - 12.000 Stellen bis 2030 streichen.

Rechtfertigen ein paar Folien den doch ziemlich massiven Auftritt vor der Konzernzentrale am 17. Januar?

Wie gesagt: Wir gehen fest davon aus, dass diese Pläne auch umgesetzt werden sollen. Keiner im Gesamtbetriebsrat wollte sich der Gefahr aussetzen, dass das Ding ins Rollen kommt und es dann heißt, wir hätten das doch alles gewusst und haben uns nicht gewehrt. Deshalb mussten wir das so deutlich ansprechen. Die Kolleginnen und Kollegen erleben doch auch in ihrem Arbeitsalltag entsprechende Entscheidungen, dass Stellen überwiegend nicht mehr in Deutschland ersetzt werden.

Ansage vom Betriebsrat: „Die Manager machen es sich zu einfach, wenn ihnen nichts anderes als die Schließung von Standorten einfällt."  
Ansage vom Betriebsrat: „Die Manager machen es sich zu einfach, wenn ihnen nichts anderes als die Schließung von Standorten einfällt."   (Foto: Archiv)

ZF hat rund elf Milliarden Euro Schulden, der Wandel hin zur E-Mobilität kostet Unsummen. Woher soll das Geld kommen, wenn nicht gespart wird?

Sparen ist kein Selbstzweck. Es gibt zum Beispiel die Vorgabe, 60 bis 80 Prozent der Tätigkeiten in sogenannten „Best Cost Countries“ erledigen zu lassen. Wenn Beschäftigung ins Ausland verlagert werden soll, dann muss es dort aus unserer Sicht wirklich billiger sein, die Entscheidung muss transparent gefällt werden und die Prozesse müssen im Alltag auch funktionieren, für das Unternehmen und die Belegschaft - das heißt, dass dadurch nicht unklare Zuständigkeiten und zu viele Schnittstellen entstehen dürfen. Reine Lohnvergleiche hinken, man muss die Produktivität gegenrechnen. Wenn hinterher fünf Entwickler in Indien den Job eines deutschen Ingenieurs machen, dann haben wir nichts gewonnen. Wir tragen Sparprogramme mit, aber nicht, wenn der Preis für unsere Stammbelegschaft und für die Innovationskraft der ZF zu hoch ist.

Sparen allein ist dem Betriebsrat zu wenig?

Entscheidend für den Erfolg ist, dass die Motivation der Mitarbeiter hoch bleibt. Das schafft der Vorstand aber nicht, wenn er permanent den Standort Deutschland und die heimischen Jobs in Frage stellt. Wir müssen schauen, dass wir Innovation, Prozesse, Kundenanforderungen, Produktivität in den Werken erhalten. Wir müssen die Kunden mit Innovationen, Liefertreue und Qualität überzeugen, und Qualität hat ihren Preis. Und der Vorstand muss dort, wo es brummt, alle notwendigen Investitionen und Einstellungen freigeben, damit die Kundenumsätze nicht durch uns selbst eingebremst werden.

Für Zündstoff sorgen die geplanten Werksschließungen in Eitorf und Schalke. Beide Werke fahren Verluste ein....

.... sagt das Management. Wir sagen: Beide Standorte erwirtschaften kein Defizit. Das Ammenmärchen von den Millionenverlusten stimmt einfach nicht. Die Standorte werden runtergerechnet, indem man sogenannte Konzernumlagen draufpackt. Werden die Fabriken geschlossen, sind die Konzernkosten ja nicht aus der Welt, sondern verteilen sich auf weniger Standorte.

„Wenn fünf Entwickler in Indien den Job eines deutschen Ingenieurs machen, dann haben wir nichts gewonnen“, sagt Betriebsratschef Dietrich.
„Wenn fünf Entwickler in Indien den Job eines deutschen Ingenieurs machen, dann haben wir nichts gewonnen“, sagt Betriebsratschef Dietrich. (Foto: GBR)

Was fordern Sie für Eitorf (690 Stellen) und Schalke (200 Stellen)?

Wir fordern den Erhalt beider Standorte. Es ist die Aufgabe des Managements, Perspektiven zu erarbeiten. In Eitorf könnten wir uns die Zusammenarbeit mit einem Investor vorstellen, in Schalke könnte etwa durch den Aufbau einer Präzisionsteilefertigung die Beschäftigung gesichert werden. Da hängen hunderte Familien dran. Mal ganz abgesehen davon, dass wir uns die Kosten für einen Sozialplan und die endgültige Stilllegung sparen könnten.

Ist der Kampf um die beiden Standorte nicht auch eine Machtfrage, ein symbolischer Kampf? Schließlich hat ZF in über 100 Jahren noch keine Fabrik in Deutschland dichtgemacht.

Die Schließungspläne für Schalke und Eitorf werden den Konzern nicht retten. Die Manager machen es sich zu einfach, wenn ihnen nichts anderes als die Schließung von Standorten einfällt.


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Man hört, die Aktion am 17. Januar habe intern viel Porzellan zerschlagen. Wie ist denn ihr aktuelles Verhältnis zu Holger Klein, dem Vorstandsvorsitzenden der ZF?

Herr Klein muss sich mit dem schwierigen Erbe, das seine Vorgänger hinterlassen haben, und den Folgen zahlreicher Krisen beschäftigen. Keine einfache Aufgabe, allerdings war er zuvor ja auch schon Vorstandsmitglied. Dass der Vorstand schwierige Entscheidungen treffen muss, ist den multiplen Krisen und den Auswirkungen auf die ZF geschuldet. Das wir uns nicht mehr leisten können, allzu kostspielige Projekte noch weitere Jahre zu finanzieren, gehört zu diesen Entscheidungen, zum Beispiel der Ausstieg aus dem Geschäftsfeld der autonomen Shuttles. Was aber fehlt, ist eine Antwort auf die Frage: Ist die Antwort auf die Schulden und die Krisen Schließung, Stellenabbau, Verlagerung? Die Belegschaft und die Führungskräfte brauchen Ziele und Orientierung, wo die ZF in drei oder fünf Jahren stehen wird

Sie reden aber noch miteinander?

Natürlich. Dass die Zinslast drückt und wir deshalb eine höhere Rendite brauchen, dass wissen wir auch. Hätten wir sonst dem Verkauf der Luftfahrtsparte, dem Einstieg von Foxconn ins Achsengeschäft und dem geplanten Börsengang der Division „Passive Sicherheit“ zugestimmt? Was wir ablehnen, das ist Sparen um jeden Preis. Und was wir auch nicht mittragen: laufendes Geschäft durch Sparzwänge abzuwürgen, die Belegschaft zu verärgern und den Standort Deutschland nur nach Lohnkosten zu bewerten.

Fakt ist, dass batterieelektrische Autos mit viel weniger Leuten produziert werden als Verbrenner. Dass daraus Personalabbau folgt, erscheint ziemlich logisch.

Ja, aber der Vorstand sollte gegen diese Entwicklung aktiv gegensteuern.

Wie denn?

Mit Kreativität. Mit neuen innovativen Produkten, um damit Marktanteile zu gewinnen. ZF hat als Getriebebauer für Luftschiffe angefangen und seither immer wieder neue Geschäftsfelder erschlossen. Diesen Pioniergeist brauchen wir wieder.

Mit welchem Ziel verhandeln sie denn derzeit?

Wir wollen, dass die IG Metall einen Tarifvertrag mit der Unterstützung des Gesamtbetriebsrats aushandelt, der den Beschäftigten in der Transformation die notwendige Sicherheit gibt. Dabei müssen die Pläne des Vorstands offen besprochen werden. Der Gesamtbetriebsrat wird die Rolle, Schließungen, Stellenabbau und Sparvorgaben wohlwollend zu begleiten, nicht antreten. Wir wollen neben den Herausforderungen auch über Perspektiven und Chancen für die bestehenden Standorte und Belegschaften sprechen. Es kann doch nicht sein, dass es beim Patentweltmeister ZF Denkverbote gibt. Wir haben so viel Potenzial und Kreativität in unseren Reihen, dass uns die Kunden weiterhin als besser statt billiger wahrnehmen.