Gefahr

Horror-Clowns können Kinder traumatisieren

Friedrichshafen / Lesedauer: 4 min

Diplom-Psychologin erklärt Folgen des Horror-Clown-Phänomens auf ein Kind
Veröffentlicht:28.10.2016, 17:55
Aktualisiert:23.10.2019, 11:00

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Die sogenannten Horror-Clowns geistern gerade durch die Öffentlichkeit: das schaurige Bild eines blutverschmierten Clowns oder Geschichten von Kettensägen-Gestalten auf dem Schulhof. Welche Gefahren das Phänomen für Kinder birgt und wie Eltern damit umgehen sollten, erklärte Diplom-Psychologin Annika Dohrendorf im Gespräch mit Anja Reichert .

Frau Dohrendorf, wie kann sich die Begegnung mit einem „Horror-Clown“ auf ein Kind auswirken?

Schwierig dabei ist vor allem, dass Clowns normalerweise mit etwas anderem verbunden werden – nämlich mit Freude, Spaß, Aufregung und Zirkus. Plötzlich erscheinen diese Clowns aber in einem anderen Rahmen. In dieser Rolle verstärkt sich das Erschreckende und damit auch die Wirkung, die so etwas haben kann. Wenn es ein einfach maskierter Mann ist, ist das schon schlimm genug, aber wenn es diese Rolle ist, die eigentlich was Schönes und Positives sein soll, kann sich das eben noch potenzieren.

Muss man zwischen Kindern und Jugendlichen unterscheiden?

Bei Kindern sollte gerade dieser Aspekt als nochmal bedenklicher als bei Jugendlichen angesehen werden. Jugendliche haben einfach schon viel durch die Medien mitbekommen: Es gibt Whats-App-Kettenbriefe, die die Jugendliche gewarnt haben, jetzt nach Dunkelheit beispielsweise noch rauszugehen. Heißt, dass sie einfach schon mehr in der Thematik sind und daher auch vorbereiteter. Damit dürfte zumindest das Erschrecken über einen Clown, der plötzlich bedrohlich auftritt, bei ihnen etwas vermindert sein. Kinder oder wenig vorbereitete Jugendliche werden aber aus einer „heilen Welt“ gerissen. Das kommt als zweite, bedrohliche Ebene noch hinzu, wenn sie einen als Clown maskierten Täter erleben.

Was sind die Folgen?

Es kann natürlich zu einer Traumatisierung führen, muss aber nicht. Es hängt immer unter anderem von persönlichen Eigenschaften ab: Wie fasse ich das auf? Wie kann ich es verarbeiten? Kann ich mit jemandem darüber sprechen? Erhalte ich Hilfe und Unterstützung? Wie reagiert mein Umfeld? Aber es hängt auch von Kontextbedingungen ab: War ich allein in der Situation oder waren wir eine Gruppe, die das erlebt hat? In einer Gruppe kann so ein Erleben weniger schlimm sein, wie wenn ich es alleine erleben muss, weil dann die Situation einfach weniger bedrohlich ist. In der Gruppe fühle ich mich stärker. Das alles sind ganz wichtige Faktoren, die die Verarbeitung eines solch schlimmen Erlebnisses beeinflussen können.

Was können Eltern im Vorfeld tun?

Es ist sinnvoll, dass Eltern ihre Kinder vorbereiten – gerade auch in Bezug auf Halloween. Eltern sollten erklären, dass es im Moment etwas gibt, was erschreckend ist, was gefährlich ist. Aber – das ist dann wieder die hohe Kunst – ohne es zu dramatisieren, also ohne den Kindern im Vorhinein schon Angst zu machen. Denn so schlimm das Phänomen ist, die wenigsten erleben es real. Wenn ich es zu sehr vorher aufbausche, kann ich sonst bei den Kindern eine generelle Angst vor dem nach draußen gehen bewirken. Das heißt, möglichst sachlich und ruhig mit den Kindern darüber zu sprechen, ohne es zu dramatisieren und Angst zu verbreiten, ist sinnvoll.

Was tun, wenn es tatsächlich zu einem Vorfall kam?

Dann ist es sinnvoll, zunächst viel Sicherheit verbreiten: in den Arm nehmen, trösten bis hin zu „Jetzt bist du zu Hause, wir schließen die Tür ab, dir kann nichts passieren.“ Es ernst aufnehmen, sich erzählen lassen und nicht abwiegeln, im Sinne von das war doch nicht so schlimm. Natürlich sollten sich Betroffene auch an die Polizeistellen wenden. Im Anschluss sollte man gut beobachten, wie sich das eigene Kind in den nächsten Tagen und Wochen verhält. Die meisten Kinder schaffen es ganz gut, solche Erlebnisse zu verarbeiten, wenn ich aber merke, dass Anzeichen da sind, dass es mein Kind doch nicht gut verarbeiten kann, sollte ich Hilfe rufen. Das kann zunächst eine Beratungsstelle sein.

Was sind das für Anzeichen?

Anzeichen für eine unzureichende Verarbeitung der Erlebnisse können sein, dass das Kind anfängt, massiv zu klammern und nicht mehr alleine rausgehen will, dass sich ein Kind, das sonst sehr offen und extrovertiert war, auf einmal total zurückzieht und verschließt. Weitere Anzeichen können auch anhaltende Schlafprobleme sein. Dabei sollte man einen einzelnen Alptraum nicht überbewerten, da dies zunächst einmal eine sinnvolle Verarbeitungsweise darstellt. Erst wenn die Schlafprobleme anhalten, ist es bedenklich.