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Mit NS-Vergangenheit: Wer war Max Grünbeck?

Friedrichshafen / Lesedauer: 6 min

Staatswissenschaftler, Katholik, Publizist, ambitioniert, erfolgreich: In Friedrichshafen hat er Spuren hinterlassen. Seine Karriere begann in den 30er-Jahren in Berlin.
Veröffentlicht:01.12.2023, 04:59

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Er war die prägende politische Figur der Nachkriegszeit in Friedrichshafen: Max Grünbeck (1907-1984), promovierter Staatswissenschaftler, Katholik, Publizist und zeitlebens politisch ebenso ambitioniert wie erfolgreich. Nun wollen ihm die Grünen wegen seiner NS-Vergangenheit unter anderem die Ehrenbürgerwürde entziehen. Wer war der Mann, der fast drei Jahrzehnte die Geschicke der Stadt geleitet hat?

1936: Auswärtiges Amt

Die berufliche Karriere von Max Grünbeck begann 1936 im Auswärtigen Amt in Berlin. Seit 1933 war er Mitglied in der SS, ab 1937 der NSDAP sowie weiterer NS-Verbände wie der Deutschen Arbeitsfront und der Reichskulturkammer. Nach Naziherrschaft und Kriegsende setzte Grünbeck seine Laufbahn fort und krönte sie ab 1948 in Friedrichshafen.

Seine erste Wahl zum Bürgermeister jährt sich am 5. Dezember zum 75. Mal. Drei Wahlperioden blieb Grünbeck die unangefochtene Nummer eins auf dem Chefsessel des Häfler Rathauses wie auch in den Aufsichtsgremien von Zeppelin-Stiftung und ZF.

Friedrichshafen wächst rapide

In seiner Amtszeit wurden nicht nur die Kriegszerstörungen in der Stadt weitgehend beseitigt und der Wiederaufbau vorangetrieben. Friedrichshafen wuchs rapide, wurde 1951 Große Kreisstadt und 1975 Hauptsitz des Bodenseekreises. Die Zeppelin-Industrie blühte wieder auf, wobei Grünbeck mit Geschick, Beharrlichkeit und Sachverstand Hindernisse überwand und neue Wege eröffnete.

Mit Hilfe der Zeppelin-Stiftung wurden in seiner Amtszeit beispielhafte soziale Einrichtungen wie Kindertagesstätten, Altenpflegeheime, Jugendhaus, Hallenbad oder das Klinikum gebaut. Neue Wohngebiete entstanden, mehrere Schulen wurden neu gebaut beziehungsweise erweitert und die Messe gegründet.

Treffpunkt bundespolitischer Prominenz

Sein Wohnhaus in Kressbronn wurde ab 1967 zum Treffpunkt bundespolitischer Prominenz. Der damalige Kanzler Kurt Georg Kiesinger, mit dem Grünbeck seit seiner Berliner Zeit befreundet war und der ihn als Landesgeschäftsführer der CDU 1948 nach Friedrichshafen empfohlen hatte, machte in Grünbecks Haus Urlaub und bereitete mit Willy Brandt, Herbert Wehner, Franz-Josef Strauß, Helmut Kohl, Rainer Barzel und anderen wichtige bundespolitische Entscheidungen vor. Daraus entwickelte sich der „Kressbronner Kreis“, zu dem später auch Helmut Schmidt dazustieß.

Für seinen Einsatz und die Erfolge erhielt Grünbeck die höchsten Auszeichnungen: 1956 anlässlich der Einweihung des neuen Rathauses das Große Bundesverdienstkreuz und 1978 die Verdienstmedaille des Landes. Er wurde Ehrensenator der Universität Tübingen, nach seinem Ausscheiden aus dem Amt 1977 wurde ihm die Ehrenbürgerwürde von Friedrichshafen verliehen.

Ehrenbürger auch in Peoria, Wichita und Sao Caeto do Sul

Ehrenbürger war er zu diesem Zeitpunkt schon in Peoria/Illinois (USA), Wichita/Kansas (USA) und in Sao Caeto do Sul (Brasilien). Posthum setzten ihm die Stadtväter 1986 ein Denkmal, indem sie dem Neubau der Stadtbücherei an der Katharinenstraße den Namen Max-Grünbeck-Haus gaben. Heute befinden sich darin neben einer Kindertagesstätte das Stadtarchiv und die Bodenseebibliothek. In Passau gibt es eine Max-Grünbeck-Straße.

Während Grünbecks 28 Dienstjahre von 1949 bis 1977 in Friedrichshafen gut dokumentiert sind, blieben die Informationen über sein Wirken während der NS-Zeit in Berlin dürr. Nach seiner Promotion 1936 in München wurde er Sachbearbeiter für internationales Devisenrecht bei der Reichsstelle für Außenhandel in Berlin.

1944 zum Legationsrat befördert

1939 stieg er zum persönlichen Referenten des Leiters der Handelspolitischen Abteilung im Auswärtigen Amt auf und wurde 1941 Referatsleiter. 1942 wurde er zum Regierungsrat und 1944 zum Legionatsrat befördert.

Durch ein Urteil der Münchener Spruchkammer vom 18. Februar 1948 soll er in einem Entnazifizierungsverfahren entlastet worden sein. Gesicherte Erkenntnisse darüber, was er nach Ende des Krieges bis zu seiner Wahl in Friedrichshafen getan hat, fehlen bis heute. In Friedrichshafen interessierte man sich dafür nicht sonderlich. Grünbeck selbst wollte darüber nicht sprechen. Memoiren verfasste er nicht.

Anstoß durch SZ-Artikel

Es sollten fast drei Jahrzehnte nach dem Tod Grünbecks am 29. Februar 1984 ins Land ziehen, bis man wagte, Fragen nach der Vorgeschichte des hoch verdienten Oberbürgermeisters zu stellen. Einen ersten Anstoß gab unter anderem ein Bericht der Schwäbischen Zeitung vom 30. Januar 2013 unter dem Titel „Max Grünbecks Berliner Karriere bleibt im Dunkeln“.

Im Zuge der Umbenennung des Hermann-Schenk-Weges in Fischbach stellten die Grünen Anfang 2013 den Antrag, auch die NS-Vergangenheit von Grünbeck ergebnisoffen untersuchen zu lassen. Im Gemeinderat stieß dieses Ansinnen auf Ablehnung. Man beauftrage aber das Stadtarchiv mit weiteren Recherchen, deren Ergebnis ein halbes Jahr später präsentiert wurden.

„Keine Verstrickungen“

Wie es hieß, hätten diese Nachforschungen keine Hinweise auf Verstrickungen Grünbecks in nationalsozialistische Verbrechen ergeben. Auch sei er nicht als Antisemit aufgetreten. Wie der Leiter des Stadtarchivs, Jürgen Oellers in einem anderen Zusammenhang berichtete, soll Grünbeck in den 30er-Jahren in München einen Juden vor einem Nazi-Anschlag gerettet haben.

Die Gemeinderatsmehrheit wollte das Thema vom Tisch haben. Das Wissen über Grünbeck sei zwar lückenhaft, räumte zum Beispiel der CDU-Fraktionsvorsitzende Achim Brotzer ein, doch seine Fraktion wolle sich nicht inquisitorisch anmaßen, nachträglich ein politisches Urteil zu fällen (SZ vom 26.11.2013). Man wolle deshalb auf eine weitere Überprüfung der Biografie Grünbecks verzichten, entschied der Gemeinderat Ende November 2013 und zog damals einen Schlussstrich unter das Thema.

Die Causa Schenk

Anders verlief die Causa Schenk: Die Erschließungsstraße zum neuen Fischbacher Baugebiet Muntenried wurde nach dem ehemaligen Bürgermeister Hermann Schenk benannt, der von 1913 bis 1937 die Amtsgeschäfte in Fischbach-Schnetzenhausen führte. Aufgrund seiner Mitgliedschaft und seinem Rang als Scharführer in der SA (ab 1933) und der Zugehörigkeit zur NSDAP (ab 1939) war davon auszugehen, dass er ein überzeugter Nazi gewesen war.

Ein von einem Ulmer Historiker im Auftrag der Stadtverwaltung erstelltes Gutachten bestätigte diese Einschätzung, woraufhin der Gemeinderat 2012 den Straßennamen in Bodanstraße änderte. Die Stadt wolle sich dadurch klar von der „potenzieller Würdigung nationalsozialistisch tätiger Personen abgrenzen“, heißt es in dem Beschluss.

Antisemit Eberle

Als Rassist und Antisemit entthront wurde 2018 Joseph Eberle. Seit 1959 trug die Ailinger Schule seinen Namen. 1884 in der Reinachmühle geboren, machte sich Eberle nach Studium und Promotion in Philosophie vor allem in Österreich als katholischer Publizist einen Namen. In seinen Schriften vertritt er ein ausgesprochen rechts-konservatives Weltbild, propagiert gemäß „göttlichem Gesetz und Naturrecht“ eine ständische Gesellschaft und lehnt liberale Demokratie ab.

Vor allem aber hetzt er gegen Juden, die er für den kulturellen Verfall verantwortlich macht und ihnen unterstellt, die Weltherrschaft anzustreben. Fast jede seiner Schriften triefe vor antisemitischen Vorwürfen, urteilte Stadtarchivar Jürgen Oellers. Nach dem Anschluss Österreichs verboten die Nazis 1941 Eberles Zeitschrift „Schönere Zukunft“. Eberle wurde acht Monate in einem Konzentrationslager interniert und erlebte das Ende des Krieges bei einer befreundeten Familie in Bezau. 1947 ist Eberle in Salzburg gestorben.