Werft

Die MS Altenrhein darf wieder im Bodensee schwimmen

Friedrichshafen / Lesedauer: 5 min

Nach Jahrzehnten wird die „Altenrhein“ probeweise wieder im Bodensee eingewassert
Veröffentlicht:17.08.2022, 12:00
Aktualisiert:17.08.2022, 13:04

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Wenn eine alte ehrwürdige Dame mit einem Gewicht von vier Tonnen, einer Länge von 15 Metern und einer Breite von 2,8 Metern so gedreht werden soll, dass sie die Prozedur unbeschadet übersteht, ist das eine gewaltige Herausforderung.

Die kann nur im Team gemeistert werden. Also kurbeln Bootsbaumeister Moritz Pulter und die Bootsbauer-Lehrlinge Klara Schreiber, Linda Lang und Alsaidi Moamin in der Michelsen-Werft in Seemoos jeweils zu zweit auf Kommando synchron an den zwei großen Kurbeln einer Vorrichtung, mit deren Hilfe die MS Altenrhein gedreht werden soll.

Bisher war die 1927 als Schlepp- und Passagierschiff für das legendäre Flugschiff Do X in der mittlerweile aufgegebenen Bodan-Werft in Kressbronn gebaute Altenrhein für ihre Restaurierung mit dem Kiel nach oben gelagert. „Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Sieben. Acht. Neun. Zehn“, schallt die Stimme von Werftchef und Bootsbaumeister Karsten Timmerherm durch die Michelsen-Werft.

Beeindruckende Originalbilder

Kurze Pause, durchschnaufen, die Arme vom anstrengenden Kurbeln ausschütteln, dann geht es wieder von vorn los. „Eins. Zwei….“ Langsam, ganz langsam dreht sich die behäbige Dame, die für die Dornier-Werke im Schweizer Altenrhein in Dienst gestellt worden war. Jetzt gibt sie beeindruckende Blicke frei – als das Schiff im Sommer 2020 nach Jahrzehnten an den Bodensee zurückkehrte, war das Innere verbaut.

Wer sich im Sommer 2020, als die verbaute Altenrhein in eine Depothalle nahe dem Bodensee-Airport geschoben wurde, nicht vorstellen konnte, dass das „Riesenschiff“, wie Bootsbaumeister Moritz Pulter sagt, wieder in den Ursprungszustand versetzt werden könnte, erkennt jetzt: Das Vorhaben gelingt.

Originalbilder gibt es beeindruckende: Auf historischen Fotos befördert die Altenrhein, angetrieben von einem 65 PS (48 kW) starken 6-Zylinder-Maybach-Motor, Passagiere zur Do X. Oder legt mit ihrem schlanken Rumpf und dem hohen Bug unter dem Riesenschiff an.

Was das Schiff über die Jahre erlebt hat

Ein reines Arbeitsschiff sieht anders aus – offenbar hatte Dornier-Testpilot und -Einflieger Franz Zeno Diemer, der die Pläne für das Schiff gezeichnet hat, Sinn für Ästhetik, wollte ein passendes Pendant zur weltberühmten Do X schaffen.

Das wissen sowohl der Werft-Chef als auch seine Mitarbeitenden. Mit großer Liebe arbeiten sie an der „Altenrhein“, einem für sie „einzigartigen Projekt“, wie Bootsbauer-Lehrling Linda Lang sagt. „Man sieht, wofür man arbeitet. Das ist einfach klasse.“

Restaurierung

Sensation in Friedrichshafen: Neuer Glanz für ein Dornier-Arbeitsschiff

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Laut Motorboot-Kontrollkarte wurde das Schiff 1940 bis 1944 stillgelegt. Ab 1948 waren die Flugzeug- und Fahrzeugwerke Altenrhein (FFA), Nachfolgerin der Dornier Werke Altenrhein, Schiffseigner. 1955 wurde die Altenrhein offenbar bei der Bergung eines vor Horn im Kanton St. Gallen in den Bodensee abgestürzten P-16-Prototyps der FFA eingesetzt. 1990 begann ein Schiffsliebhaber die Altenrhein zu restaurieren. Jahre später wurden diese Arbeiten beendet.

Zwei Stunden dauert allein das Umdrehen

Dann hörte man nichts mehr von diesem Arbeitsschiff – bis eine Mail im Oktober 2019 des damaligen Schweizer Eigners im Dornier Museum ankam. „Die Altenrhein ist gestrandet und sucht ein neues Abenteuer“, schrieb der damaligen Schweizer Schiffseigner. David Dornier, Enkel von Claude Dornier, ließ das Schiff im Sommer 2020 von seinem Liegeplatz an einem Elsässer Kanal zurück an den Bodensee holen.

Dort, in einer Depothalle am Bodensee-Airport, wurde mit der Restaurierung begonnen. Im November 2021 zog die MS Altenrhein in die Werft nach Seemoos um. „Wir haben Teile des Kiels erneuert, Planken eingeschäftet und zudem die Außenhaut gebrettet, also mit einem auf ein Brett aufgezogenes Schleifpapier mit 40er-Körnung geschliffen“, erklärt Karsten Timmerherm.

Bodenseeufer

Neuer Chef in Friedrichshafener Traditions-Werft

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Nach zwei Stunden anstrengender Arbeit ist die Altenrhein umgedreht – ohne auch nur eine Schramme abbekommen zu haben. Aufatmen allerseits. Doch die Arbeit ist an diesem Tag noch nicht getan: Der anstrengenden Aktion folgt an jenem Tag eine weitere: Bevor auf den mittlerweile grundierten Rumpf nach und nach 14 Farbschichten aufgezogen werden, soll das Schiff wie schon die Flugboote und Schiffe von Claude Dornier über die historische Slipanlage in den Bodensee gelassen werden – die Kontrolle der Wasserlinie steht noch an.

Eine fast ikonische Szenerie

Ein Kran der Zeppelin-Metallwerke, der eine Last von bis zu 10 000 Kilogramm bewältigen kann, hievt noch ein 1750 Kilogramm schweres Bleigewicht in den drei Tonnen schweren Rumpf – es simuliert die noch fehlenden Ruder, den noch nicht eingesetzten 90 PS starken Dieselmotor und die Innenausbauten.

Erst dann geht es langsam aber sicher ins Wasser. Menschen stehen im Uferbereich, staunen – die Szenerie erinnert an das Foto, auf dem Kinder den Aufstieg des ersten Zeppelin-Luftschiffes 1900 in der Manzeller Bucht beobachten.

Schleifpapier

MS Altenrhein: Neuer Glanz für ein abgetauchtes Schiff

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Moritz Pulter und Linda Lang sitzen fast schon wie Gallionsfiguren auf der Altenrhein, als diese langsam ins Wasser gleitet. Beiden ist die Anspannung anzumerken. Wird die Altenrhein schwimmen? Der Werftchef und Klara Schreiber gleiten in einem kleinen Boot ebenfalls auf der Slipanlage Richtung Wasser. Sie werden mit Kreide die reale Wasserlinie auf dem Schiffsrumpf markieren.

Schiff kann auf der Interboot bestaunt werden

Nach spannenden Minuten des Wartens schwimmt die Altenrhein. Die Werftmitarbeiter und auch David Dornier sind erleichtert, strahlen. Letzterer nähert sich seinem Schiff in der Badehose durchs Wasser gehend. Bald reicht es ihm bis zum Hals. Der „Böötler“, wie er selbst von sich sagt, hält sein Handy hoch, filmt und fotografiert die alte Dame aus einer ganz besonderen Perspektive.

Nach dieser Aktion wird die Altenrhein wieder in die Halle gebracht. Arbeit gibt es noch zur Genüge: So wollen beispielsweise auch die zehn Bullaugen wieder auf Hochglanz gebracht werden. Der 79-jährige Jochen Frik, der einst seine Bootsbauer-Lehre in der Michelsen-Werft gemacht hat und ein begeisterter Fan der Altenrhein ist, berät mit David Dornier das Vorgehen.

Wer will, kann das Schiff im September auf der Interboot bestaunen. Im Frühjahr kommenden Jahres, hofft David Dornier, soll die Altenrhein wieder im Bodensee schwimmen. „Das wird ein Festtag werden“, verspricht er. Den nicht nur er, sondern alle Beteiligten und Altenrhein-Fans herbeisehnen.