Flugzeugabsturz

20 Jahre nach Überlinger Flugzeugabsturz: Bruder findet Zuflucht, wo die Schwester gestorben ist

Friedrichshafen / Lesedauer: 8 min

Viele Jahre lang kommt Taras Kostenko an den Bodensee, um seiner Schwester zu gedenken, die 2002 beim Flugzeugabsturz von Überlingen gestorben ist. Jetzt lebt er am See – nach der Flucht aus Charkiw.
Veröffentlicht:22.06.2022, 17:00
Aktualisiert:05.12.2022, 14:01

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Die Sonne lässt die sanften Wellen des Bodensees noch einmal glitzern, bevor sie hinter den nahen Hügeln versinkt. „Was für eine wundervolle Landschaft“, sagt Taras Kostenko , als er Anfang Juni in einem Lokal oberhalb von Überlingen sitzt und aufs Wasser blickt.

Seit dem 1. Juli 2002 fühlt sich der Russe mit dem Bodensee verbunden, seit jener Nacht, in der seine Schwester Oksana bei einem Flugzeugzusammenstoß 11.000 Meter über Owingen und Überlingen ums Leben kam.

Viele Male war der heute 42-Jährige seitdem am See, als Gast, als Trauernder. Doch jetzt ist Kostenko als Schutzsuchender hier, als Flüchtling. Er lebt seit drei Monaten in Sipplingen. Nach zehn Tagen und langen Nächten im Luftschutzbunker hat er mit seiner schwangeren Frau und zwei kleinen Kindern Charkiw verlassen, die zweitgrößte Stadt der Ukraine.

„Das war so unwirklich“

In der Nacht vom 1. auf den 2. Juli 2002 ist er hochgeschreckt, erzählt Kostenko. Er sei fast aus dem Bett gefallen, ungefähr zu dem Zeitpunkt, als ein baschkirischer Passagierjet und ein Frachtflugzeug sich hoch über dem Bodensee berührten und dann abstürzten, mit insgesamt 71 Menschen an Bord.

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Dass seine Schwester Oksana, 30 Jahre alt, auf dem Weg zur Promotion in Kunstgeschichte und mit festen Hochzeitsplänen für den Herbst, an Bord war, das hat der damals 22-Jährige erst am nächsten Tag erfahren, auf dem Weg zur Arbeit. „Das war so unwirklich“, erzählt Kostenko. „Unsere Welt stand still. Und um uns herum lief einfach alles weiter.“

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Über 1000 Polizisten und Helfer suchen nach dem Absturz die Unglücksstelle ab. (Foto: Rolf Haid/dpa/Schwäbische.de)

Dass Oksana in dem Flugzeug saß, das 49 Kinder und Jugendliche aus der russischen Teilrepublik Baschkortostan nach Barcelona bringen sollte, war Zufall. Sie jobbte damals in einem Reisebüro und sprang für eine Kollegin, deren Kind erkrankt war, als Begleiterin der Tour ein.

Eigentlich hätte die Reise, mit der die Schüler für gute Leistungen belohnt werden sollten, schon einen Tag früher starten sollen, doch die Gruppe verpasste ihren Flug in Moskau.

Unglückliche Verkettungen

In der Unglücksnacht waren die Sicherheitssysteme der für den Bodenseeraum zuständigen Flugüberwachung in Zürich wegen Wartungsarbeiten teilweise außer Betrieb, auch die Telefonanlage. Ein Fluglotse in Karlsruhe sah das Unheil kommen, bekam aber keine telefonische Verbindung in die Schweiz.

Kurz vor dem Zusammenstoß lagen auch noch das Kollisionswarnsystem TCAS an Bord der beiden Maschinen und der verantwortliche Fluglotse in Zürich über Kreuz.

Von all den kaum fassbaren Zufällen und unglücklichen Verkettungen wusste Taras Kostenko noch nichts, als er am dritten Tag nach dem Unglück mit seinen Eltern an den Bodensee kam. Seine erste Flugreise, in einem Charterflugzeug mit vielen anderen Angehörigen, bezahlt vom Bürgermeister seiner Heimatstadt Belgorod.

Mit einem Funken Hoffnung, schließlich waren zu dem Zeitpunkt noch nicht alle Opfer des Absturzes identifiziert. Eine DNA-Probe des Vaters brachte dann Gewissheit.

Nie war jemand von uns allein.

Taras Kostenko

„Es war alles so gut organisiert“, erinnert sich Kostenko. „Nie war jemand von uns allein.“ Am ersten Jahrestag des Absturzes hatten die Angehörigen die Möglichkeit, die Orte zu sehen, an denen ihre Liebsten gefunden worden waren. Viele Stellen, verteilt auf mehrere Quadratkilometer, zwischen Überlingen und Owingen. „Ich weiß heute noch, wie es da gerochen hat. Ein Weizenfeld. Wir waren wie in Schockstarre.“

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Erst der Morgen danach bringt das ganze Ausmaß der Tragödie ans Licht: Am 1. Juli 2002 prallen kurz vor Mitternacht bei Überlingen am Bodensee eine russische Passagiermaschine und ein Frachtflugzeug des Kurierdienstes DHL zusammen. (Foto: Rolf Haid/dpa/Schwäbische.de)
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Die große Schwester: Oksana Kostenko. (Foto: Kostenko/Schwäbische.de)

Schlau und gebildet war seine große Schwester, sagt Kostenko. Sie liebte Kinder und war eine begabte Zeichnerin. „Sie hat viel gelesen und konnte mit ihren Erzählungen alle in den Bann ziehen.“ Noch heute hat er, der kleine Bruder, Kontakt zu vier Freunden seiner Schwester. Der Schmerz sei auch 20 Jahre danach nicht geheilt, sagt er. „Die Gefühle sind nur etwas stumpfer geworden.“

Ein Requiem für die tote Tochter

Kostenko war oft am See, meist zum Jahrestag, 2017 zum letzten Mal gemeinsam mit seinen heute über 80 Jahre alten Eltern. Sie leben bis heute in Belgorod. Die Reisen nach Deutschland wurden immer beschwerlicher für die beiden. Sein Vater, ein ausgebildeter Sänger, hat 2017 ein Requiem geschrieben für die verlorene Tochter.

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Auf reisen: Oksana Kostenko. (Foto: Kostenko/Schwäbische.de)

Dass sein 42-jähriger Sohn jetzt am Bodensee in Sipplingen wohnt, hat mit dem Absturz zu tun, vor allem aber damit, dass sich sein Leben ein zweites Mal auf brutale Weise verändert hat, ohne dass er dies hätte beeinflussen können.

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Das Grab von Oksana Kostenko in Belgorod. (Foto: Kostenko/Schwäbische.de)

Seit 1996 lebt Taras Kostenko in Charkiw, 35 Autominuten entfernt von seiner Heimatstadt Belgorod. Seine Frau Tanja hat einen ukrainischen Pass, die gemeinsamen Söhne Timofei (7) und Tichon (4) auch. Er betreibt ein Architekturbüro, 25 Mitarbeiter, eine Filiale im russischen Belgorod. Er plant die Volleyballarena seiner Heimatstadt, in der auch der VfB Friedrichshafen schon aufgeschlagen hat.

Viele Jahre sei es kein Problem gewesen, welcher Pass in seiner Geldbörse steckt. Auf die Frage, seit wann es Probleme zwischen Russen und Ukrainern in Charkiw gebe, antwortet Kostenko: „Seit dem 24. Februar.“ Dem Kriegsbeginn.

Keiner von uns weiß, was wirklich hinter dem Konflikt steckt.

Taras Kostenko

Zu politischen Fragen will er sich nicht öffentlich äußern, sagt der gebürtige Russe. Nur so viel: „Niemand hätte je gedacht, dass so etwas möglich ist im 21. Jahrhundert. Keiner von uns weiß, was wirklich hinter dem Konflikt steckt.“

Fakt ist, dass Charkiw kurz nach dem Angriff unter schwerem Beschuss liegt. Kostenko, die beiden Jungs und seine Frau Tanja, die mit dem dritten Buben hochschwanger ist, suchen Schutz in einem Keller. Zehn Tage lang, mit 13 anderen Menschen.

Es sei dort Corona ausgebrochen, mit den Kindern habe er nur kurz tagsüber an die frische Luft gehen können. „Sie hatten natürlich Angst, auch wenn wir versucht haben, sie seelisch zu schützen“, erzählt Kostenko. So habe man die Luftangriffe als „Hagel“ bezeichnet. Doch die Kinder sind aufgeweckt, unterscheiden schnell den „guten“ vom „schlechten“ Hagel.

Schüsse auf russische Autos

Am neunten Tag, nachdem das Dach des Nachbarhauses weggeschossen worden sei, beschließen er und seine Frau, Charkiw zu verlassen. Zunächst wollen sie nach Belgorod fahren, wo die Großeltern wohnen. Doch dann hört er, dass Autos mit russischem Kennzeichen – so wie seines – auf der Straße dorthin beschossen worden seien.

Sie fliehen nach Westen. 29 Checkpoints der Armee müssen sie passieren, einmal stehen sie in einem 35 Kilometer langen Stau, erzählt Kostenko. Schließlich landet die Familie am Bodensee, in der Region, in der vor 20 Jahren seine Schwester ihr Leben verloren hat.

Der Familienvater kennt Menschen hier, die er bei seinen Besuchen zu den Jahrestagen kennen und schätzen gelernt hat. Eine Familie aus Friedrichshafen ist darunter, die einmal sofort zur Stelle war, als Kostenkos Mutter zusammengebrochen ist.

Eine Wohnung in Sipplingen

Sie finden eine Wohnung in Sipplingen, bei einer Familie, die auch zwei Kinder hat. „Jörg und Antje kümmern sich so toll um uns“, erzählt der 42-Jährige. „Wir verstehen uns, obwohl sie kein Russisch und wir kein Deutsch können.“

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Am 15. Jahrestag des Flugzeugabsturzes ist Taras Kostenko zum letzten Mal gemeinsam mit der Mutter an der Gedenkstätte in Überlingen (Foto: Alexei Makartsev/Schwäbische.de)

Sie haben sich eingelebt in Deutschland, erzählt der Architekt. Timofei und Tichon gehen in den Kindergarten. Trifon, der dritte Sohn, ist am 10. Juni im Überlinger Krankenhaus zur Welt gekommen. „Was mir noch fehlt, ist die Sprache. Und ein Job. Ich bin es nicht gewohnt, herumzusitzen“, sagt Kostenko. Sein Ziel ist klar: „Natürlich will ich zurück. Alle wollen zurück.“

Das Haus in Charkiw immer im Blick

Im Moment sei das aber kein Thema. Die Ukraine versinke im Chaos, im Winter drohe vielen der Hungertod. Sein Haus habe er immer noch im Blick, sagt er, per App, dank zahlreicher Überwachungskameras. Er zeigt kurze Filme auf dem Handy, auf denen ukrainische Soldaten zu sehen sein sollen, die sich Zutritt zu mehreren Gebäuden verschaffen.

Aufnahmen seiner Überwachungskameras, „mein Haus, meine Firma“, sagt Kostenko. „Im Frieden hat man Zeit, Probleme durch Gespräche zu lösen“, sagt er. „Aber im Krieg...?“

Seine Schwester Oksana wollte immer mal in Deutschland leben. „Das war ihr Traumland“, erinnert sich der Bruder. „Das hat sie jetzt irgendwie an mich übergeben.“ Seine Mutter konnte das nicht. Sie hat ihn immer nur ein paar Tage ausgehalten, den Blick auf die sanft glitzernden Wellen des Bodensees.

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Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Tanja, Timofei (7), Tichon (4) und Taras Kostenko. (Foto: Kostenko/Schwäbische.de)