Herzblut

Fahrrad Dürr: „Da hängt viel Herzblut dran“

Friedrichshafen / Lesedauer: 5 min

Ein Zweiradfachgeschäft im Wandel der Zeit
Veröffentlicht:29.05.2016, 19:03
Aktualisiert:23.10.2019, 15:00

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Wenn Häfler – und nicht nur ältere – über das Fahrradgeschäft in der Allmandstraße sprechen, verwenden sie üblicherweise nicht den Namen „Keller Fahrräder“, den der Laden seit fast 25 Jahren trägt. Ins kollektive Bewusstsein hat sich ein anderer Name eingebrannt: „Fahrrad Dürr“. Generationen von Zweiradfahrern haben dort ein Fahrrad gekauft, ihr Mofa reparieren lassen, im Zubehör gestöbert – und den Namen dieses Fachgeschäfts, aus dem längst ein „Citystore“ geworden ist, weitergetragen. Gegen Ende des Jahres wird die Allmandstraße ein komplett neues Gesicht bekommen. Verschwinden wird dann auch das Fahrradgeschäft, das zu einer Institution geworden ist. Ein Streifzug durch die Geschichte vom „Fahrrad Dürr“.

Seit wann es in der Allmandstraße 9 ein Fahrradgeschäft gibt, weiß keiner mehr so genau. Eine neue Ära beginnt dort 1938, als der Augsburger Otto Dürr den Laden vom vormaligen Besitzer „Mangold“ übernimmt. Es zog ihn allerdings weniger an den Bodensee als dass es ihn trieb. Der Grund hierfür: Die große Konkurrenz in Augsburg, die ihn dazu brachte, sich nach einem anderen Standort umzuschauen. Nachdem er von einem Vertreter erfahren hatte, dass es jemanden in Friedrichshafen gibt, der altershalber aufhören will, griff er zu.

Otto Dürr etabliert sich schnell in Friedrichshafen und die Geschäfte gehen gut – bis der Krieg ausbricht. 1940 wird der Zweiradmechaniker eingezogen und an die Front geschickt, die Werkstatt zunächst geschlossen. Wie so viele andere Häfler erlebt die Familie Dürr am 28. April 1944 ihre persönliche Katastrophe: Beim verheerenden Luftangriff wird ihr Haus so stark beschädigt, dass es nur noch notdürftig bewohnbar ist. Auf der gegenüberliegenden Seite der Allmandstraße gibt es übrigens schon zu dieser Zeit ein Haushaltswarengeschäft, das von einem gewissen Karl Fränkel geführt wird. Weil dessen Haus total zerstört ist, teilt man sich Räumlichkeiten im Fahrradladen. Das Schicksal sollte die Familie Dürr und das Unternehmen Fränkel noch öfters zusammenführen.

Schwierige Nachkriegszeit

Im Januar 1945 der nächste tiefe Einschnitt: Jetzt muss auch Otto Dürr junior, erst 17 Jahre alt, in den Krieg. Die Mutter führte das Geschäft alleine weiter. Nach der Ausbildung bei den Gebirgsjägern in Sonthofen gerät Otto Dürr junior wenige Tage vor Kriegsende in amerikanische Gefangenschaft. Im September wird er entlassen und kommt, ebenso wie sein Vater, wieder nach Hause. „Danach haben wir das Geschäft in vollem Umfang wiedereröffnet. Fränkel zog damals nach und nach wieder in sein eigenes Geschäft“, berichtet Otto Dürr junior, der inzwischen 88 Jahre alt ist. Die Nachkriegsjahre hat er als eine sehr beschwerliche Zeit in Erinnerung, weil es kaum möglich war, Fahrräder und Ersatzteile zu bekommen. Reparieren und Improvisieren gehen Hand in Hand. „Man hat halt so gut wie möglich den Kunden geholfen“, sagt Otto Dürr. „Ab und zu gab es einen Eisenschein, mit dem man etwas einkaufen konnte.“

In den 50er-Jahren beginnt der Aufschwung. Der „Fahrrad Dürr“ erweitert sein Sortiment und nimmt nun auch motorisierte Fahrzeuge von Adler oder Zweiradunion ins Programm. Im April 1958 heiratet Otto Dürr, wenig später macht er seinen Meisterbrief als Zweiradmechaniker. 1964 übernimmt er das Geschäft von seinem Vater. Es gibt eine klare Arbeitsteilung: Otto ist für die Werkstatt zuständig, seine Frau Gisela bedient die Kunden im Laden, Schwester Irmgard kümmert sich um die Buchhaltung.

Kein Lifestyle-Objekt

Im Gegensatz zu heute war das Fahrrad in den 60er-Jahren kein Lifestyle-Objekt, sondern ein Gebrauchsgegenstand. „Fahrräder hatten keinen hohen Stellenwert, Autos dagegen waren heiß begehrt“, erinnert sich Gisela. „Uns war es wichtig, die Kunden immer kompetent, freundlich und individuell zu bedienen. Die Fahrräder waren einfach in der Ausstattung, die Leute wollten ja auch nichts ausgeben.“

Das änderte sich Anfang der 70er-Jahre mit dem Beginn der Ölkrise. Das Fahrrad gewinnt an Bedeutung, die Hersteller investieren verstärkt in neue Technik – aus dem eher ungeliebten Fortbewegungsmittel wird im Laufe der Jahre sogar ein begehrter Sportartikel. Die Nachfrage steigt und im Geschäft wird’s langsam eng. Auf der Suche nach einer Erweiterungsmöglichkeit kreuzen sich wieder die Wege mit Karl Fränkel. Der Haushaltswarenhändler, der in dieser Zeit ein Immobilienimperium aufbaut, hätte auch gerne den Fahrradladen gekauft. „Er hat uns Geschäftsräume am Hofener Kreisel angeboten, doch wir haben abgelehnt“, erklärt Otto Dürr. „Der Laurösch in der Nähe, der Fahrrad Schmid in der Ernst-Lehmann-Straße – das kam für uns nicht infrage“, ergänzt Gisela. 1977 können sie den Altpapier- und Schrotthändler Schattmaier nebenan kaufen und das Geschäft erweitern.

Ein Schicksalsschlag trifft die Familie 1979: Klaus-Dieter Dürr, 20-jähriger Sohn von Otto und Gisela, stirbt kurz nach der Gesellenprüfung bei einem Verkehrsunfall – und damit auch die Hoffnung, dass das Geschäft in dritter Generation weiter geführt werden kann. Die Tochter Eveline hat Ethnologie studiert und ist heute Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

In den 1980er-Jahren läuft das Geschäft sehr gut, doch irgendwann beschleicht Otto und Gisela Dürr das Gefühl, dass die Kunden jüngere Ansprechpartner brauchen und es Zeit wird, sich zurückzuziehen. 1992 wird aus dem „Fahrrad Dürr“ eine Filiale der Wangener Firma Keller und die Dürrs ziehen nach Tettnang. 2015 meldet sich die Firma Fränkel wieder: Geschäftsführer Peter Buck fragt an, ob das Haus in der Allmandstraße 9 zu kaufen sei. Weil die Anfrage mit den Umzugsplänen der Firma Keller zusammenfällt, willigen die Dürrs ein. Die Entscheidung fällt ihnen nicht leicht: „Da hängt viel Herzblut dran“, sagen die Dürrs.