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Facebook-Historiker wollen mitreden

Friedrichshafen / Lesedauer: 4 min

7400 Menschen halten die Internet-Nostalgie-Gruppe „Damals, gestern, heute“ weiterhin am Leben
Veröffentlicht:07.08.2015, 19:49

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Die Beliebtheit der 2014 gegründeten Facebook-Gruppe „Damals, gestern, heute“ scheint noch immer anzuhalten. Zwar wächst das Internetforum, in dem Nutzer die Geschichte der Stadt aufarbeiten und fotografisch dokumentieren, heute nurmehr moderat. Dafür haben die knapp 7400 Mitglieder immer öfter eine Meinung zu aktuellen Fragen der Stadtentwicklung – wie dem Schicksal des ehemaligen Hotel Schöllhorn oder des Hinteren Hafens.

Als die Schwäbische Zeitung im Juli über den möglichen Abriss der Friedrichstraße 34, besser bekannt als Hotel Schöllhorn, berichtet, beginnt im Internet ein Schlagabtausch: „Friedrichshafen wird leider immer gesichtsloser. Letzte Zeugen der Zeit werden peu a peu platt gemacht“, schreibt eine Nutzerin namens „Ira Jeronimo“ unter einen Post zum Thema in der Facebook-Gruppe „Damals, gestern, heute.“ „Die Friedrichstraße soll dass neue Aushängeschild der Stadt werden. Modern und schön“, kontert Nutzer „Steven La“ kurz darauf. Es dauert nicht lange, bis dieser und weitere Posts zum Thema mit Hunderten „Gefällt mir“-Klicks und Kommentaren versehen sind – der wichtigsten Währung sozialer Netzwerke im Internet wie Facebook .

Die Diskussion um das Schicksal des Anfang des 19 Jahrhunderts errichteten und heute maroden Gebäudes an der Eckenerstraße ist kein Einzelfall. Immer wieder flammen in der Facebook-Gruppe „Damals, gestern, heute“ ähnliche Debatten auf, wenn es um die Geschichte der Stadt geht. Es mangelt weder an Vorschlägen zur Neugestaltung des Areals am Hinteren Hafen wie zum derzeit wachsenden Bahnhofs-Areal. Der Wille der Häfler, im Internet über das Für und Wider der Erneuerung der Stadt und des Erhalts alter Gebäude zu debattieren, scheint ungebrochen - auch wenn der Hype um „Damals, gestern, heute“ vom Jahresbeginn 2014 heute deutlich nüchternere Züge erhalten hat.

„Die meisten Menschen in der Gruppe verfolgen die Debatten nur und „liken“ Beiträge“, sagt Peter Liptau , Kunsthistoriker und Gründer der Facebook-Gruppe. „Es gibt einen superharten Kern von knapp zehn Leuten, die aktiv Dinge recherchieren und Beiträge erstellen“, sagt Liptau. „Dann gibt es etwa 200 Leute, die vor allem Dinge kommentieren und an Debatten teilnehmen. Und dann gibt es eine große Menge Leute, die Beiträge mit „Gefällt mir“ markieren, wenn ihnen der Inhalt gefällt.“

Wie Bürger die Stadt sehen

Zwar gebe es auch Tage, an denen nur wenig Aktivität auf der Seite zu beobachten sei. „Aber es gibt auch Beiträge, die am ersten Tag 200 „Likes“ bekommen“, sagt Liptau weiter Das passiere meistens dann, wenn kontroverse Themen wie der Abriss oder Neubau von Gebäuden oder die Neugestaltung städtischer Areale auf der Agenda stehen würden.

Ohne Zweifel ist die Facebook-Gruppe des in Karlsruhe lebenden Exil-Häflers Liptau so etwas wie einer Ventil für die Sehnsucht der Häfler nach der Geschichte ihrer Stadt geworden. Weniger klar ist allerdings, ob das als Internet-Phänomen gestartete Forum mehr ist,als nur ein Erinnerungsstrom. „Ich glaube, dass das Forum zeigt, wie die Bürger ihre Stadt sehen“, sagt Liptau deshalb zurückhaltend. Es sei eine Sensibilität für Veränderungen in der Stadt entstanden, „und das wollte ich mit der Gruppe auch erreichen“, so der 32-jährige Internet-Aktivist. Er habe allerdings keine Hinweise darauf, dass die Gruppe schon einmal Einfluss auf Entscheidungen in der Stadt genommen habe.

„Die Gruppe wünscht sich oft, dass Dinge mit Bedacht erhalten werden“, sagt Liptau zum Tenor, der auf Facebook vorherrsche. Am Beispiel der Abrisspläne für das Athen-Gebäude - zu denen er auch einen SZ-Leserbrief verfasst hatte – versucht er, diese Haltung zusammenzufassen: „Die historische Fassade von so einem Gebäude muss ordentlich saniert werden“, sagt er einerseits. „Dieses Haus und die Häuser daneben sind schließlich ein historisches Ensemble und ein Platz, an dem sich die Geschichte der Stadt heute noch ablesen lässt.

Was dem Gebäude fehlt ist doch nur gescheite Farbe und die historischen Fensterläden, die es leider nicht mehr gibt.“ Eine solch umsichtige Sanierung der Front würde ja niemanden hindern, im Hinterhof einen modernen Gebäudekomplex zu bauen.

Geschichte eines Internet-Phänomens

Im Januar 2014 gründet Peter Liptau die Facebook-Gruppe „Damals, gestern, heute. „Bitte wühlt in Fotoalben und Kellern“ lautete sein Aufruf an Häfler, historische Fotos der Stadt im Internet zu teilen.

Nach zehn Tagen zählt die Gruppe 1200 Mitglieder, im Februar 2014 sind es 4000, heute knapp 7400

Ob Fotos aus alten ZF-Hallen, vergangener Seehasenfeste, vergessener Supermärkte oder Diskotheken der Stadt – es gibt kaum etwas, das nicht in der Gruppe zu finden ist.