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Diskussion um "Landshut" geht weiter

„Eine Kopfgeburt“: Aktivist Rupps kritisiert Bundeszentrale

Friedrichshafen / Lesedauer: 4 min

Die Staatssekretärin im Innenministerium, Juliane Seifert, besucht am Mittwoch das Flugzeugwrack. Noch ist unklar, wo genau der geplante „Lernort“ entstehen soll.
Veröffentlicht:10.07.2023, 17:55

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Offenbar kommt Bewegung ins Dauerthema „Landshut“. Am Mittwoch wird Juliane Seifert, Staatssekretärin im Bundesinnenministerium, wegen des geplanten „Lernorts“ zum Thema Terrorismus und wehrhafte Demokratie Friedrichshafen besuchen. Möglicherweise wird sie Neuigkeiten zum Standort und zum Starttermin mitbringen. Dem „Landshut“-Aktivisten Martin Rupps geht es nicht schnell genug und in die falsche Richtung. Er hat deshalb Brandbriefe an mehrere Politiker geschrieben.

Am späten Mittwochvormittag wird Seifert die Presse über die Hintergründe ihres Besuchs informieren. Noch ist nicht bekannt, wo der Lernort „Landshut“ seine dauerhafte Bleibe finden soll. Bislang ist nur von Verhandlungen über ein Grundstück in Flughafennähe die Rede. Auf gibt es noch kein Datum, zu dem der „Lernort“ eröffnet werden soll.

Waren als Zeitzeugen beim ersten „Landshut“-Workshop der bpb in Friedrichshafen dabei (von links): der damalige Co-Pilot Jürgen Vietor, Passagierin Diana Müll und der ehemalige GSG 9-Angehörige Aribert Martin.
Waren als Zeitzeugen beim ersten „Landshut“-Workshop der bpb in Friedrichshafen dabei (von links): der damalige Co-Pilot Jürgen Vietor, Passagierin Diana Müll und der ehemalige GSG 9-Angehörige Aribert Martin. (Foto: Anke Kumbier)

Gerster und Krüger dabei

Seifert wird begleitet von Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), die dem Innenministerium untersteht und die das „Landshut“-Projekt federführend umsetzen soll. Auch mit dabei: Martin Gerster, SPD–Abgeordneter aus Biberach, der über seine Kontakte im Haushaltsausschuss des Bundestags das „Landshut“-Projekt beim Innenministerium angesiedelt und den Standort Friedrichshafen festgeschrieben hat.

Die Lufthansa–Boeing 737 war im Jahr 1977 von linken, palästinensischen Terroristen entführt worden, um inhaftierte Gesinnungsgenossen aus den Reihen der Rote Armee Fraktion (RAF) freizupressen. Die Grenzschutzspezialeinheit GSG 9 befreite alle Geiseln, der Pilot Jürgen Schumann war allerdings schon zuvor von den Terroristen erschossen worden. Die „Landshut“ flog danach viele Jahre und für verschiedene Gesellschaften weiter und stand zur Verschrottung an, als sie 2017 — selbst bereits flugunfähig — in einer aufsehenerregenden Aktion aus Brasilien nach Deutschland gebracht wurde.

Rupps fordert Restaurierung

Einer der Initiatoren dieser Rückführung war Martin Rupps, Historiker und Journalist, der besonders das Schicksal der Geiseln im Blick hat und sich seit vielen Jahren für ein „Landshut“-Museum einsetzt. Er hat sich nun in Briefen an Staatssekretärin Seifert, die SPD–Co–Vorsitzende Saskia Esken und den Chef der SPD–Bundestagsfraktion Rolf Mützenich gewandt.

Darin spricht er sich für eine Restaurierung der „Landshut“ aus und eine Fertigstellung zum 50. Jahrestag der Entführung der „Landshut“ im Jahr 2027. Rupps sieht die Gefahr, dass viele Geiseln ansonsten eine Eröffnung nicht mehr erleben werden.

Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, schaut sich den Zustand der Passagiermaschine Landshut an, die in einem Hangar am Bodensee Airport in Friedrichshafen steht.
Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, schaut sich den Zustand der Passagiermaschine Landshut an, die in einem Hangar am Bodensee Airport in Friedrichshafen steht. (Foto: lix/dpa)

Er nennt die Pläne der bpb „eine Kopfgeburt“ und unterstellt der Bildungseinrichtung keine Erfahrung für so ein Projekt zu besitzen. Er schlägt vor, einen „,museumspädagogisch hoch erfahrenen politisch vernetzten Kopf“ mit der Leitung des Vorhabens zu betrauen: die Leiterin des Hauses der Geschichte Baden–Württembergs, Paula Lutum–Lenger, die auch Vorsitzende des mittlerweile aufgelösten wissenschaftlichen „Landshut“-Beirats war. Die Historikerin wollte sich auf Nachfrage der „Schwäbischen Zeitung“ zu dem Thema allerdings nicht äußern.

Finale Eröffnung 2027 möglich

Bei der bpb kamen die Aussagen Rupps’ nicht durchweg gut an. Man werde die Maschine zusammenbauen, konservieren und restaurieren, sagte eine Sprecherin der Bundeszentrale. Nicht beabsichtigt sei „eine Rekonstruktion eines vermeintlichen ,Originalzustandes’ des Jahres 1977, da dies sowohl aus didaktischer als auch aus restauratorischer Sicht lediglich Authentizität simulieren würde“.

Der Zeitplan sehe vor, „das Projekt bis 2025 weitgehend auf die Schiene gebracht zu haben“. Eine finale Eröffnung des „Lernorts Landshut“ im Jahr 2027 sei bislang nicht ausgeschlossen.

Die bpb weise, so die Sprecherin, die „notwendige fachliche Expertise wie auch jahrzehntelange Erfahrung in Kontexten der politisch–historischen Bildung auf“. Man arbeite beispielsweise mit dem Deutsche Historische Museum, den Staatlichen Museen zu Berlin, dem Dokumentationszentrum Topographie des Terrors, dem NS–Dokumentationszentrum München und dem Jüdische Museum Frankfurt zusammen.

Feedback „fast ausschließlich positiv“

Der Kreis der ehemaligen Geiseln und Befreier sei heterogen, sagt die Sprecherin. Die bpb stehe mit einigen „in einem direkten vertrauensvollen und produktiven Austausch“, deren Feedback sei „fast ausschließlich positiv“. Die Perspektive der Betroffenen ist laut bpb für die „konzeptionellen Überlegungen relevant und soll darin eingebunden werden“.