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Schwierige Mitarbeitersuche

Ehrenamt in Gefahr? Freiwillige im sozialen Bereich werden immer seltener

Friedrichshafen / Lesedauer: 5 min

Ob bei der Arbeit mit Kindern oder in der Tafel: Ehrenamtler ermöglichen in Friedrichshafen viele soziale Angebote. Doch das Engagement lässt nach – aus mehreren Gründen.
Veröffentlicht:05.12.2023, 05:00

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Freitagmorgen, kurz nach 9 Uhr: Im Tafel-Laden in Friedrichshafen sind die Regale schon gut gefüllt. „Wir haben um halb acht angefangen“, sagt Elke Rumpf. „Es ist ein harter Job, aber wir alle machen ihn furchtbar gern“, fügt sie an, während ihre Kolleginnen Salatköpfe, Lauch und anderes Gemüse in die Warenregale einsortieren.

Wobei, ein richtiger „Job“ ist das, was die Mitarbeiterinnen der Tafel machen, nicht. Sie arbeiten ehrenamtlich, bekommen keinen Cent. Und doch würde es ohne sie das Tafel-Angebot, das täglich mehr als 150 von Armut betroffene Menschen in Friedrichshafen in Anspruch nehmen, nicht geben.

Von politischer Seite wird häufig betont, wie wichtig das Ehrenamt für die Gesellschaft in Deutschland ist. Nicht zuletzt der internationale Tag des Ehrenamts, der jährlich am 5. Dezember stattfindet, soll die Bedeutung der Freiwilligen betonen.

Doch zugleich lässt in vielen Vereinen das Engagement nach. Gerade im sozialen Bereich finden sich immer weniger ehrenamtliche Mitarbeiter. Und das geht so weit, dass teilweise wichtige Angebote gefährdet sind.

Es tut weh, wenn Termine ausfallen müssen

„Unsere Ehrenamtlichen werden älter und älter - und Jüngere kommen kaum nach“, sagt Gabi Müller von der Lebenshilfe Bodenseekreis. Der Verein engagiert sich für Menschen mit geistiger Behinderung. „Zu uns kommen Menschen in jedem Alter, von 10-jährigen Kindern bis hin zu Rentnern. Aber unser Hauptaugenmerk liegt auf Erwachsenen“, so Müller.

Stefanie Wirth (von links) und Gabi Müller von der Lebenshilfe sind auf der Suche nach Ehrenamtlern.
Stefanie Wirth (von links) und Gabi Müller von der Lebenshilfe sind auf der Suche nach Ehrenamtlern. (Foto: Florian Peking)

Der Kern des Angebots sind Freizeit- und Sportgruppen, die jede Woche werktags stattfinden. „Was wir da unternehmen, ist jahreszeitabhängig. Wir gehen ins Kino, machen einen Spieleabend, kochen oder gehen auch mal auf den Weihnachtsmarkt“, sagt sie.

Als Gabi Müller vor 14 Jahren bei der Lebenshilfe anfing, sei es noch kein Problem gewesen, jeden Abend eine Freizeitgruppe für die Menschen mit Behinderung anzubieten. „Heute kriegen wir es freitags nicht mal 14-tägig hin“, sagt sie. Wenn Termine ausfallen müssen, tue das weh, fügt ihre Kollegin Stefanie Wirth an. „Für viele ist das das Highlight in ihrer Woche.“

Aber nicht nur die Menschen mit Behinderung profitierten von dem Angebot - auch die rund 80 Freiwilligen der Lebenshilfe seien „mit Herzblut“ dabei und bekämen durch ihre Mitarbeit viel zurück. „Unser größtes Anliegen ist, dass am Ende des Abends alle mit einem Lächeln nach Hause gehen“, sagt Gabi Müller.

Viele wollen Flexibilität und Freiheit

Dass trotzdem immer weniger Menschen die Arbeit machen wollen, liegt ihrer Einschätzung nach an mehreren Gründen. Früher hätten sich viele schon im Schulalter engagiert. „Aber seitdem G8 eingeführt wurde, haben die Schüler kaum noch Zeit“, so Gabi Müller. Nach der Schulzeit würden viele dann in einer größeren Stadt studieren gehen - und auch anderswo einen Arbeitsplatz finden.

Freiheit ist bei vielen heute das Wichtigste

Gabi Müller, Lebenshilfe Bodenseekreis

Insgesamt seien die Menschen viel mobiler geworden, berichtet sie. Aber auch Jungrentner - eine Gruppe, die sich traditionell häufig ehrenamtlich engagiere - würden sich oft nicht mehr festlegen wollen. „Freiheit ist bei vielen heute das Wichtigste“, sagt Gabi Müller.

Es sind Erwartungen, die sie gut verstehe - und die man bei der Lebenshilfe auch berücksichtigen würde. „Die Mitarbeit bei uns kann sehr flexibel gestaltet werden“, sagt Stefanie Wirth. Mindestens drei Stunden für eine Freizeitgruppe oder zwei Stunden für eine Sportgruppe sollte man aber investieren können.

Allein gelassen werde man nie, es seien stets andere, erfahrene Ehrenamtliche mit dabei. Außerdem bekomme man eine Schulung, erläutert Wirth. Besondere Vorkenntnisse seien nicht nötig. „Es darf sich wirklich jeder trauen und mal hereinschnuppern“, sagt Stefanie Wirth.

Tausende Stunden freiwilliger Arbeit

Der Kinderschutzbund Friedrichshafen kämpft mit ganz ähnlichen Herausforderungen. „Die Altersstruktur in unserem Verein bewegt sich eher in Richtung Pensionsalter“, sagt der Vorsitzende des Vorstands Norbert Büchelmaier. Beim Kinderschutzbund leisten etwa 50 Ehrenamtliche knapp 6000 Stunden freiwillige Arbeit im Jahr.

Und das auf ganz unterschiedliche Weise - zum Beispiel als Schülerpaten oder am Kinder- und Jugendtelefon, das anonyme und vertrauliche Beratung bietet. „Mit zwei bis vier Stunden Mitarbeit pro Woche kann man bei uns schon richtig viel beitragen“, sagt Kirsten Bauermeister, die ebenfalls im Vorstand des Vereins ist.

Kirsten Bauermeister (von links) und Norbert Büchelmeier vom Kinderschutzbund wünschen sich mehr Wertschätzung für das Ehrenamt.
Kirsten Bauermeister (von links) und Norbert Büchelmeier vom Kinderschutzbund wünschen sich mehr Wertschätzung für das Ehrenamt. (Foto: Florian Peking)

Die Bereitschaft, sich für andere einzusetzen, sei stark rückläufig, so Bauermeister weiter - und das obwohl man so viel zurückbekomme. „Der Wettbewerb mit Alternativen ist heute so groß“, sagt Norbert Büchelmeier. Viele würden sich eher selbst verwirklichen wollen - und ihre Zeit zum Beispiel im Fitnessstudio verbringen als bei einer ehrenamtliche Tätigkeit im sozialen Bereich.

Im Team helfen alle einander

Auch neue potenzielle Ehrenamtler zu erreichen, sei schwieriger geworden. „Viele holen sich ihre Infos nur noch aus den Sozialen Medien“, sagt Büchelmeier. Und dort würden Vereine wie der Kinderschutzbund neben all der anderen Konkurrenz meist untergehen.

Die Ukrainerin Liliia Pshenychna hilft seit kurzem in der Tafel mit. Durch die Arbeit verbessert sie auch ihre Deutschkenntnisse.
Die Ukrainerin Liliia Pshenychna hilft seit kurzem in der Tafel mit. Durch die Arbeit verbessert sie auch ihre Deutschkenntnisse. (Foto: Florian Peking)

Wer sich im Kinderschutzbund engagieren will, brauche keine Vorerfahrung - müsse aber verlässlich sein, sagt Kirsten Bauermeister. „Bei uns im Team hilft jeder dem anderen und alle packen mit an. Und wir haben auch eine Menge Spaß“, sagt sie.

Viel Spaß und Freude an ihrer ehrenamtlichen Arbeit haben auch die rund 40 Ehrenamtlichen, die in der Tafel mit anpacken, wie Elke Rumpf berichtet. Seit kurzem mit dabei ist die Ukrainerin Liliia Pshenychna, die mit ihrer Tochter vor dem Krieg geflohen ist.

Sie besucht fast täglich einen Deutschkurs - hat freitags aber frei und hilft dann in der Tafel mit. „Mir macht es Spaß hier und die Arbeit ist gut fürs Deutsch lernen“, sagt sie. Ihr Fall zeigt, dass ehrenamtliche Arbeit nicht nur verbindet, sondern auch eine Art Vorbereitung für ein neues Leben sein kann: Nach dem Ende ihres Deutschkurses will Liliia Pshenychna einen Job finden - zum Beispiel in einem Supermarkt.