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Arbeiten in luftiger Höhe

Durch Zufall zu einem der seltensten Jobs der Welt

Friedrichshafen / Lesedauer: 8 min

Seit Kindertagen begeistert sich Marko Hollerer für das Fliegen. Unverhofft findet er am See seinen Traumjob. Heute ist er in seinem Beruf einer von 17 weltweit.
Veröffentlicht:25.12.2023, 19:00

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Einige Passagiere sind an diesem Morgen schon früh angereist, ob von Neugier getrieben oder doch von der Angst des Zuspätkommens.

Gespannt warten sie am Maschendrahtzaun und versuchen einen Blick ins Innere der Halle zu erhaschen, deren Tore sich langsam aufschieben. Wie ein Bühnenvorhang offenbaren sie, was der Schriftzug auf der Vorderseite des Hangars bereits verrät: einen Zeppelin.

Vor der Halle wartet ein Mann in Uniform. Er trägt weißes Hemd und Krawatte. Vier silberne Streifen auf seinen Schultern, im Fachjargon Epauletten, zeigen seinen Dienstrang.

Im Angesicht des Luftschiffes wirkt Marko Hollerer wie eine Spielfigur. 75 Meter lang – und damit zwei Meter länger als ein Airbus A380 – ist der Zeppelin NT, den der Flugkapitän heute steuern wird.

Ein Beruf mit Seltenheitswert

Seit dem Ende seiner Ausbildung 2018 gehört Marko Hollerer zu dem kleinen Kreis derer, die sich offiziell Zeppelin-Pilot nennen dürfen. Weltweit gibt es von ihnen lediglich 17, sieben davon in Friedrichshafen. Zur Deutschen Zeppelin Reederei (DZR) fand Marko „eher durch Zufall“, wie er selbst sagt.

Eigentlich hatte er sich für eine Pilotenstelle bei der regionalen Fluggesellschaft Intersky beworben. Als er für ein Auswahlverfahren nach Friedrichshafen reiste, sah er allerdings die Zeppeline und wurde neugierig. „Wo ich herkomme, kennt man das so nicht“, erklärt er.

Für mich gab es Zeppeline nur in Verbindung mit Hindenburg.

Marko Hollerer, Zeppelin-Pilot

Aufgewachsen ist Marko in der Steiermark in Österreich, etwa eine Autostunde entfernt von Graz. Seine Faszination für das Fliegen hat ihm sein Großvater in die Wiege gelegt. Luftschiffe hatte er allerdings lange nicht auf dem Radar. „Für mich gab es Zeppeline nur in Verbindung mit Hindenburg“, erinnert er sich.

Sein Weg in die Fliegerei startete er als Zwölfjähriger mit dem Modellfliegen. Mit nur 16 Jahren steuerte er zum ersten Mal einen Segelflieger und vier Jahre später nahm er den Privatpilotenschein in Angriff.

Vor dem Zeppelin wirkt Marko Hollerer ziemlich klein.
Vor dem Zeppelin wirkt Marko Hollerer ziemlich klein. (Foto: Rolf Schwark)

Pilotenausbildung in der Abendschule

Und dennoch: Beruflich schlug Marko zunächst eine Laufbahn abseits der Fliegerei ein. „Ursprünglich bin ich gelernter Elektro- und Umwelttechniker“, erzählt er. Seine Berufspilotenausbildung habe er nebenher in der Abendschule gemacht - nicht zuletzt wegen der Kosten. Im Anschluss bewarb er sich bei verschiedenen Fluggesellschaften als Pilot.

„Nachdem ich in Friedrichshafen war, habe ich im Internet über Zeppeline und die Reederei recherchiert“, erzählt der heute 39-Jährige.

Ein Bewerbungsschreiben, drei Jahre Ausbildung und 2300 Flugstunden später steht er an diesem Morgen im August vor dem Hangar. Gemeinsam mit der Bodencrew wird er den Zeppelin aushallen. In seiner Hand hält Marko ein Gerät, mit dem er die Windstärke prüft.

Fliegen ist nicht alles

Die Wetterverhältnisse im Blick zu haben, ist ein wesentlicher Bestandteil von Markos Arbeitsalltag. Bereits zwei Stunden vor dem ersten Flug – diesmal ist es 7 Uhr – beginnt er mit den Vorbereitungen im Pilotenbüro.

Luftaufnahmen und Fotografien von Zeppelinen zieren die Wände. An einem der Schreibtische sitzt Marko und klickt sich durch die Programme auf seinem Bildschirm.

Mithilfe verschiedener Wetterkarten und Vorhersagen prüft er, ob es sicher ist zu starten. Temperatur, Wind und Thermik beeinflussen, wie sich der Zeppelin in der Luft verhält. „Bei uns ist es wichtig, frühzeitig zu reagieren“, sagt Marko.

Es komme vor, dass er Flüge absagen muss, wenn das Wetter sich zunächst noch von seiner besten Seite zeigt – manchmal zum Frust der Passagiere. An diesem Tag sieht die Vorhersage allerdings vielversprechend aus.

Die Flugplanung am Schreibtisch ist für den Beruf des Zeppelin-Piloten unerlässlich.
Die Flugplanung am Schreibtisch ist für den Beruf des Zeppelin-Piloten unerlässlich. (Foto: Rolf Schwark)

Doch mit den Wetterdaten allein ist die Arbeit am Schreibtisch noch nicht getan. Für die Flugplanung öffnet Marko eine Tabelle am Bildschirm. Basisgewicht, Wasserballast, Helium-Reinheit. 6495 Kilo, 100 Kilo, 98 Prozent. Sperrige Wörter und sperrige Zahlen reihen sich aneinander und wirken auf den Laien wie wahllos zusammengewürfelt.

Für den Flugkapitän sind sie wichtige Parameter, um das Gewicht des Zeppelins und den nötigen Kraftstoff zu berechnen. Zeitgemäß nutzt er dafür die Taschenrechner-App auf seinem Handy.

Auf moderne Technik und mobile Geräte allein wollen sich die Zeppelin-Piloten allerdings nicht verlassen. „Die relevantesten Daten drucken wir uns immer aus“, sagt er.

Es könne schließlich immer passieren, dass ihn Tablet und Co. an Bord dann doch im Stich lassen. Deshalb trägt er eine Mappe voller Papiere unter dem Arm, als die Crew um 8 Uhr den Startschuss für das Aushallen gibt.

Abflug braucht viel Vorbereitung

Kurze Zeit später steht Marko vor dem Hangar und signalisiert der Bodencrew mit einem Daumen nach oben, dass sie den Zeppelin nun sicher auf den Flugplatz bringen können. Der Wind weht an diesem Morgen nur schwach, wie das Messgerät in seiner Hand anzeigt.

Dennoch schwankt das Luftschiff leicht, als ein Lastkraftwagen es an einem Mast befestigt auf den Rasen zieht. Die Passagiere zücken hinter den Zäunen ihre Handys und machen Fotos.

Marko lässt sich davon nicht ablenken. Während die Fluggäste ihn und seine Arbeit beäugen, kontrolliert der Pilot den Zeppelin. Das ist Teil des sogenannten Run Ups, bei dem alle Systeme überprüft werden. Oder wie der Kapitän schnörkellos beschreibt: „Man schaut sich alles mal an.“

Während des Run Ups muss Marko Hollerer aufmerksam sein. Das Heck des Zeppelins kommt bereits durch leichte Windstöße in Bewegung.
Während des Run Ups muss Marko Hollerer aufmerksam sein. Das Heck des Zeppelins kommt bereits durch leichte Windstöße in Bewegung. (Foto: Rolf Schwark)

An der Gondel, in der später 14 Passagiere Platz nehmen, geht es los, weiter zur Außenhaut und zu den Triebwerken. Marko drückt, klopft oder zieht an einem Einzelteil nach dem anderen. Mal passiert nichts, mal ist ein lauter Luftstrom zu hören. Die ausbleibende Reaktion des Piloten zeigt: Das soll so sein.

Anschließend geht der Run Up in der Gondel weiter. Marko nimmt vorne links Platz, wo er auch während des Fluges sitzen wird. Ihn und seinen Co-Piloten trennt eine Armatur voller Knöpfe, Hebel und Bildschirme. „Wir kontrollieren auch den Ölstand“, sagt Marko und rotiert seinen Zeigefinger mehrfach in Richtung der Bodencrew.

Als sich die Rotorblätter der Triebwerke in Bewegung setzen, wird es laut; zu laut, um die Zurufe aus dem Fenster der Gondel noch verstehen zu können. Mit Handzeichen tauschen sich der Pilot und die Bodencrew während der letzten Kontrollen aus.

Eine andere Art zu fliegen

Dass sie sich tatsächlich wortlos verstehen, sehen auch die Passagiere, die um 8:53 Uhr die Gondel besteigen. Deren Inneres erinnert an einen etwas klein geratenen Schulbus. Zwei Crew-Mitglieder und 14 Gäste finden hier Platz. Auf den ersten Blick ungewöhnlich: Zwischen Markos Sitz und denen seiner Fluggäste liegen nur wenige Zentimeter.

Der Pilot freut sich, wenn er so auch während des Fluges mal die eine oder andere Frage beantworten kann. „Wir haben in der Regel gut gelaunte Passagiere“, sagt er. Anders als beim Linienflug habe niemand Stress oder Zeitdruck. Und dennoch, so zeigen es strahlende Gesichter, ist die Freude der Gäste groß, als der Zeppelin pünktlich um 9 Uhr endlich abhebt.

Wenn man fünfmal in die eine Richtung fliegt, ist es schön, auch mal in die andere zu fliegen.

Marko Hollerer, Zeppelin-Pilot

Nach einem letzten deutlichen Handzeichen von Marko an die Crew löst sich das Luftschiff vom Mast und steigt hoch. Der erste Flug des Tages geht mit einer Geschwindigkeit von 60 bis 70 Kilometern pro Stunde in Richtung des Rheinfalls.

Das ist eine der Lieblingsstrecken Markos, endgültig darauf festlegen möchte er sich aber nicht. Grundsätzlich findet er: „Wenn man fünfmal in die eine Richtung fliegt, ist es schön, auch mal in die andere zu fliegen.“

Während des Fluges hat Marko die gesamte Zeit die Kontrolle. In Passagiermaschinen übernehme der Autopilot den Großteil der Arbeit, doch der Zeppelin verlange von ihm noch richtiges Handwerk: „Wir fliegen wirklich alles manuell.“ Außerdem sorge die Wetterlage immer für das Extra an Spannung.

Zwischen Schichtdienst und Freizeit

An diesem Morgen zeigt sich die Bodenseeregion von ihrer schönsten Seite. Zwar bedecken dünne Wolkenschwaden den Himmel, doch dafür ist die Sicht weit. Durch die Panoramafenster des Zeppelins sind die Alpen und das Allgäu zu sehen. Dort ist Marko gerne unterwegs, wenn er nicht gerade im Dienst ist.

An bis zu sechs Tagen pro Woche arbeiten die Zeppelin-Piloten, häufig auch am Wochenende, immer im Schichtdienst. Marko stört sich daran aber nicht wirklich. Vielmehr bietet der Dienstplan auch Vorteile: „Unter der Woche etwas unternehmen zu können, ist angenehm, weil weniger los ist.“

Historie

Die Zeppeline vom Bodensee

Der Zeppelin NT ist mit 75 Metern deutlich kleiner als seine historischen Vorgänger. LZ 127 "Graf Zeppelin" kam beispielsweise auf eine Länge von 237 Metern. Bei seiner ersten Überfahrt nach Nordamerika am 11. Oktober 1928 beherbergte das Luftschiff 20 Passagiere und eine 40-köpfige Besatzung. Heutzutage sind bei einem Zeppelin-Flug nur noch zwei Crew-Mitglieder an Bord.

Statt nach dem Ende einer Frühschicht die Beine hochzulegen, nutzt Marko die Zeit am Nachmittag mit seiner Freundin. Gemeinsam genießen die beiden die Vorzüge der Region, insbesondere die Nähe zu den Bergen.

„Es gibt superschöne Wandermöglichkeiten“, schwärmt er. Und auch auf dem Wasser ist Marko mit dem Stand-Up-Paddel-Board sportlich unterwegs. Dafür fährt er auch gerne einmal Richtung Meersburg.

Nach seinem recht kurzfristigen Umzug nach Deutschland und einer gewissen Umgewöhnungszeit hat sich der Zeppelin-Pilot mittlerweile gut am See eingelebt, auch weil die Region seiner Heimat in der Steiermark sehr ähnelt.

Das gelte sowohl für die Mentalität der Menschen als auch für die Landschaft rund um den Bodensee – eine Landschaft, die zumindest von oben wohl kaum jemand so gut kennt wie Marko Hollerer.