Afrikatag

Die „weiße Südafrikanerin“ kämpft gegen das Aids-Virus

Friedrichshafen / Lesedauer: 4 min

Schwester Electa Wild ging vor 56 Jahren in die Mission nach Bloemfontein
Veröffentlicht:30.08.2017, 20:37
Aktualisiert:23.10.2019, 02:00

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Schwester Electa Wild ist kürzlich zu Besuch in Friedrichshafen gewesen. Sie hat einen Spendenscheck der Afrikatage für das Lesedi Centre of Hope bei Bloemfontein in Empfang genommen (die SZ berichtete). Die SZ hat die Gelegenheit genutzt, um mehr über ihr Leben in Afrika zu erfahren.

Schwester Electa lacht, als ihr die erste Frage gestellt wird, sie könne mit ihrer Antwort ganze Bücher füllen. Sie ist braun gebrannt und spricht ruhig und bedacht. Während des Gesprächs muss sie ab und an nach dem richtigen deutschen Wort suchen, wechselt kurzzeitig ins Englische. „Wir sprechen im Orden Englisch miteinander, auch die Schwestern aus Deutschland“, erklärt sie, und dass sie Gottesdienste auf der Lokalsprache Sesothu abhalten würden. Studiert hat die 78-Jährige auf Afrikaans an der Universität Bloemfontein, ihr Fach Lehramt, auch diese auf dem Holländischen basierende Sprache beherrscht sie daher flüssig.

Die lokal üblichen Sprachen zu lernen, das sei ihr wichtig gewesen, sagt Schwester Electa. „Das zeigt den Menschen dort, dass man Respekt vor ihnen und ihrer Kultur hat.“ Auch sonst habe sie sich viel mit der Kultur und den Traditionen vor Ort befasst. „Vor 50 Jahren dachten wir noch, wir kennen die Wahrheit und müssen sie den Leuten bringen, aber das stimmt nicht. Viele der alten Traditionen haben ihr Gutes.“ Sie betont etwa das große Wissen über Naturheilkunde, das vorherrsche und bei vielen Krankheiten eine gute Alternative zur Schulmedizin darstelle. Dann sei da der Glauben an die Ahnen. „Wenn jemand daran glaubt, das seine Ahnen das Leben der Familie mitprägen, das ist doch etwas sehr Schönes. Da kann man nicht sagen: ,Das ist Blödsinn’, bloß weil wir einen anderen Glauben haben.“ Generell sei es ihr wichtig, als gutes Beispiel voran zu gehen. „Unser Bischof damals hat immer gesagt, wenn wir in der Kirche etwas nicht machen oder schaffen, dann können wir es von der Gesellschaft erst recht nicht erwarten.“ Zur vollständigen Integration habe neben der Sprache noch etwas gehört: die Staatsbürgerschaft des Landes, in dem sie nun – mit Unterbrechung – seit 56 Jahren lebe.

Die Frage, ob sie das dann zu einer weißen Afrikanerin mache, bejaht sie und ergänzt: „Zur weißen Südafrikanerin. Das ist schon ein Unterschied.“ Überhaupt zeigt sich im Gespräch das Spannungsfeld zwischen Vision der Gesellschaft und Realität. Auf dem Papier gebe es Vieles nicht mehr, praktisch fehle noch Einiges, um die Folgen der Apartheid zu verarbeiten. „Versöhnung gelingt nicht über Nacht“, sagt sie und spricht davon, wie viele Verletzungen die Weißen den Schwarzen zugefügt hätten. Schwester Electa selbst legt Wert auf gegenseitigen Respekt – ganz gleich, welche Hautfarbe ihr Gegenüber hat. Selbstverständlich spricht sie von „wir“ und meint damit ebenso sich selbst, ihre Mitschwestern sowie die einheimische Bevölkerung. Aktuell seien sie 55 afrikanische und vier deutschstämmige Schwestern. Ihre Herangehensweise in der Mission ist geprägt von ihrem Verständnis von Gerechtigkeit: „Ich habe als Lehrerin immer versucht, meine Schüler bewusst so auszubilden, dass sie nicht als Hilfskräfte von Weißen enden. Viele sind mir nun bildungstechnisch über den Kopf gewachsen, viele arbeiten in der Politik und auf Führungsebene und das freut mich.“

Seit 2003 widmet sie sich der Betreuung und Pflege schwer an Aids erkrankter Menschen. „Wir nennen das Centre nicht Hospiz“, verrät sie. Dabei käme es nicht selten vor, dass das örtliche Krankenhaus jemanden zu ihnen bringe, der dort nicht mehr betreut werden könne und der schon „ganz weit draußen“ sei. Zum Kampf gegen das Virus „HIV“ gehöre vor allem auch viel Aufklärungsarbeit. „Es gibt Mädchen, die suchen sich bereits mit 11 oder 12 Jahren einen Sugar Daddy.“, schildert sie. Da helfe es nur, Mädchen aufzuklären und dafür zu sorgen, dass sie eine gute Ausbildung erhielten. Einfach sei das nicht: „Es herrscht mancherorts einfach zu große Armut und die Jobs werden durch die Industrialisierung immer knapper.“

Zur Person:

Geboren wurde Schwester Electa als Anna Wild am 12. August 1939 in Reinstetten im Kreis Biberach. Sie war das zweite von sieben Kindern.

Ihr Ordensgelübde hat Schwester Electra im Oktober 1960 abgelegt.

Seit 1961 arbeitete sie meist

in Südafrika. Einige Stationen:

April 1961 bis September 1964 Krankenpflege-Ausbildung in Mariannhill

Oktober 1964 bis Januar 1965: Mithilfe im Dienst an den Kranken, rund um Assisi.

Februar 1964 bis November 1968: Studium an der Universität Bloemfontein, BA + University Education, Diplom für die höhere Schule.

Januar bis November 1969: Lehrerin an der St. Bernard’s Highschool in Bloemfontein.

Januar 1970 bis Ende 1996: Lehrerin/Direktorin der Internatsschule Mariasdal.

April 1994: Offizielles Ende der Apartheid.

März 1997 bis März 1998: Erfahrung in Brasilien (Fazenda da Esperança)

April 1998 bis September 2003: Unterricht an der Oberschule PICA PAU für angolesische Schüler in Pomfret am Rand der Kalahari

Ab Oktober 2003 Übernahme der Aidsarbeit in Bloemfontein, Lesedi Centre of Hope