StartseiteRegionalBodenseeFriedrichshafen„Das hat mich psychisch fertig gemacht“: Schüler wird Opfer von Mobbing

Betroffener leidet über Monate

„Das hat mich psychisch fertig gemacht“: Schüler wird Opfer von Mobbing

Friedrichshafen / Lesedauer: 8 min

Florian Unger wagt an der Berufsschule in Friedrichshafen einen Neuanfang, aber bald schon wird sein Schulalltag zur Qual. Hier spricht er über seinen Leidensweg.
Veröffentlicht:03.12.2023, 19:00

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Florian Unger wirkt, als würde ihn so schnell nichts aus der Fassung bringen. Der 24-Jährige hat eine ruhige, selbstbewusste Art. Wenn er spricht, drückt er sich gewählt aus, macht einen intelligenten Eindruck. Die Vermutung liegt nahe, dass der aufgeweckte junge Mann an der Berufsschule problemlos den Unterricht meistert.

Aber die Realität sieht anders aus. Florian Unger musste über viele Monate hinweg leiden, weil ihn Mitschüler gemobbt haben. Beleidigungen und blöde Sprüche gehörten zu seinem Alltag. Und am Ende stand der Schüler sogar kurz davor, seine Ausbildung abzubrechen.

Doch von vorn: Alles beginnt im September 2022, als Florian Unger an die Claude-Dornier-Schule in Friedrichshafen kommt. „Ich bin im zweiten Lehrjahr eingestiegen“, sagt er.

Klasse folgt einer eigenen Dynamik

Zuvor hatte er in der Pflege gearbeitet - während der Corona-Zeit aber gemerkt, dass dieser Bereich nichts für ihn ist. Deshalb entschloss er sich, Maurer zu werden. Und da er bereits eine Ausbildung in der Tasche hat, kann er die Zeit seiner neuen Lehre entsprechend verkürzen.

Florian Unger kommt also in ein bereits bestehendes Klassen-Gebilde - und fühlt sich schnell unwohl. Weil er viel im Unterricht mitmacht, nennen ihn andere Schüler „Streber“. Die Klasse, das habe er schnell gemerkt, folge einer bestimmten Dynamik, sagt Florian Unger. „Es gab zwei ,Anführer’, vor denen viele Angst hatten. Und die versammelten die ganze Horde um sich.“

Sie sagten zu mir, dass ich dumm bin - dass ich nichts kann.

Florian Unger

Fortan muss sich Florian Unger täglich verbale Attacken gefallen lassen. „Sie sagten zu mir, dass ich dumm bin - dass ich nichts kann“, erinnert er sich. Aber nicht nur mit Worten wird gehänselt.

Die Schüler werfen mit zusammengeknülltem Papier durch den Klassenraum oder spritzen mit einer Wasserpistole. „Am Anfang habe ich versucht, das alles zu ignorieren. Aber dadurch wurde es nur schlimmer“, sagt Florian Unger.

Schulleitung hat oft mit Mobbing zu tun

Deshalb versucht er, sich mit Worten zu wehren - allerdings ebenfalls ohne Erfolg. „Ich bin nur noch wütender geworden“, berichtet er. Schließlich habe er einmal sogar einfach den Unterricht verlassen. „Ich musste aus der Situation fliehen“, so der 24-Jährige.

An der Claude-Dornier-Schule wird das Thema Mobbing ernst genommen, wie Schulleitung und Lehrer im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“ berichten. „Wir haben leider laufend Erziehungsfälle. Das ist natürlich auch der Größe unserer Schule geschuldet“, sagt Daniel Grupp, stellvertretender Schulleiter.

Sobald die Schulleitung mitbekomme, dass es in einer Klasse zu Mobbing kommt, werde man auch aktiv, fügt Grupp an - und zeigt einen dicken Ordner, in denen nur die sogenannten Erziehungsfälle aus diesem Schuljahr dokumentiert sind.

Und wie gehen die Verantwortlichen dann vor? Im speziellen Fall von Florian Unger habe es wiederholt Gespräche gegeben, sagt seine Klassenlehrerin Karin Vollmar. Sie habe die Schüler, von denen das Mobbing ausging, mit ihrem Verhalten konfrontiert und ermahnt. Das habe zeitweise für eine Verbesserung der Lage gesorgt.

Oft heißt es: „Ist doch alles nur Spaß.“

„Das Problem ist, dass beim Thema Mobbing vieles ganz unterschwellig ist“, sagt Karin Vollmar. Wenn sich junge Männer untereinander gängelten, heiße es oft: „Das ist doch nur Spaß.“ Oft seien die Hänseleien so subtil, dass sie im Unterricht gar nicht auffielen.

Was auf dem Pausenhof oder bei WhatsApp passiert, bekommen wir gar nicht mit.

Klassenlehrerin Karin Vollmar

Hinzu komme, dass die Lehrer und die Klassen nur einen Bruchteil der Zeit zusammen seien. „Was auf dem Pausenhof oder bei WhatsApp passiert, bekommen wir gar nicht mit“, erklärt sie.

Gerade der digitale Bereich bereite immer mehr Schwierigkeiten, sagt Stefan Oesterle, Schulleiter der Claude-Dornier-Schule. Was dort geschrieben werde, sei nicht nur schwer nachverfolgbar - die Hemmschwelle sei auch deutlich niedriger als im direkten Miteinander.

Im Internet eskaliert die Situation

Es ist auch der digitale Raum, in dem die Situation in Florian Ungers Klasse letztlich eskaliert: Schüler filmen mit dem Smartphone ihre Lehrerin. In der WhatsApp-Gruppe der Klasse, in der zu diesem Zeitpunkt auch noch Florian Unger Mitglied ist, wird der Videoclip beleidigend kommentiert. Obwohl er Angst davor hat, wie seine Peiniger darauf reagieren werden, geht er mit dem Video zur Schulleitung.

Und die findet den Vorfall gar nicht witzig. Wie in solchen Fällen üblich, habe er alle Schüler der Klasse einzeln befragt, berichtet der stellvertretende Schulleiter Daniel Grupp. Dabei habe sich herausgestellt, dass es mehrere Täter gegeben hat.

Sie werden zur Verantwortung gezogen - und bei der „Schärfe der Bestrafung“ sei auch die Mobbing-Vorgeschichte in der Klasse berücksichtigt worden, so Grupp. Zwei Schüler sind fortan vom Unterricht freigestellt - müssen sich den Stoff für ihre Abschlussprüfungen also selbst erarbeiten.

Solche drastischen Maßnahmen sind laut Daniel Grupp nicht immer notwendig. „In der Regel versuchen wir, die Täter verbal zu erziehen“, sagt er. Oft würden auch die Betriebe der Azubis informiert, was in vielen Fällen Wirkung zeige.

Mobbing ist kein Straftatbestand

Ein Problem sei aber, dass die Fälle oft sehr spät bei der Schulleitung landen würden, wie Stefan Oesterle anfügt. Im Allgemeinen ist „Mobbing“ laut Oesterle ein recht schwammiger Begriff, der „inflationär“ eingesetzt werde.

Als Straftatbestand bei der Polizei gibt es Mobbing nicht - sondern es sind verschiedene Delikte, die darunter fallen. „Und sobald solche Straftaten erfolgen, sind wir verpflichtet, einzuschreiten“, so Oesterle.

Im Nachgang würde man die Mobbing-Fälle in den Klassen aufarbeiten. Und für Schüler, die Redebedarf - auch zu anderen Themen - hätten, stünde eine Schulsozialarbeiterin bereit. Zudem setzt die Claude-Dornier-Schule auf Prävention: „Wir sind gerade dabei, ein neues Programm aufzulegen“, berichtet Stefan Oesterle. Ziel sei es, Schüler zu mehr Zivilcourage zu animieren.

Wie es Florian Unger heute geht

Entsprechend froh sind Schulleitung und Lehrer, dass sich Florian Unger getraut hat, über die Probleme zu sprechen. „Ich finde es toll, dass sich Florian gemeldet hat“, sagt seine Klassenlehrerin Karin Vollmar.

Der 24-Jährige selbst ist jetzt, nach dem Verweis seiner Mitschüler, erleichtert. „Früher hatte ich Angst, in die Schule zu gehen. Das hat mich psychisch fertig gemacht“, berichtet er. Er habe sogar mit dem Gedanken gespielt, seine Ausbildung abzubrechen.

Das ist nun anders. „Meine Lehre will ich auf jeden Fall durchziehen“, so Florian Unger. Ihm sei es wichtig gewesen, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. „Ich will darauf aufmerksam machen, dass Mobbing überall sein kann - und dass sich etwas ändern muss“, sagt er.