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Interview

„Das hat Großstadtniveau“ - Bürgermeister wünscht FN mehr Selbstbewusstsein

Friedrichshafen / Lesedauer: 8 min

Im 100-Tage-Interview spart Andreas Hein nicht mit Lob. Bei Kitas, Halle und Kultur setzt er Schwerpunkte und verrät, was ihm außer Rathausarbeit Spaß macht. Mit Video.
Veröffentlicht:12.02.2024, 12:00

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Schulen, Kitas, Soziales, Vereine, Kultur - das Aufgabengebiet des immer noch neuen Bürgermeisters Andreas Hein ist bunt und vielfältig. Gut 100 Tage nach seinem Amtsantritt nimmt er im Interview mit der „Schwäbischen Zeitung“ einige Problemzonen in den Blick. Er spart auch nicht mit Lob - und verrät auch Interessantes aus seinem Privatleben.

Vor Ihrem Amtsantritt als Bürgermeister in Friedrichshafen im Oktober 2023 haben Sie das Schulverwaltungsamt in Stuttgart geleitet. Nun kann man die Landeshauptstadt zwar nicht mit dem Hafen vergleichen, dennoch die Frage: Was kann Friedrichshafen von Stuttgart in Schulfragen lernen? Und was läuft hier am See besser als am Neckar?

Die Ausgangslage war in Stuttgart auch nicht anders als hier. Wir hatten viele Bauvorhaben, es gab unterschiedliche Bedarfe. Hier wie dort geht es darum, von der Planung möglichst schnell ins Handeln und Umsetzen zu kommen. Der Schlüssel hierfür ist eine fundierte und auch langfristig tragfähige Planung. Deshalb sollten wir von der Pädagogik ausgehend denken und uns fragen, welche Struktur, welche Bauten machen langfristig Sinn, auch dann, wenn sich zum Beispiel landespolitische Vorgaben ändern. So können wir den Plan dann Stück für Stück abarbeiten.

Sie sind jetzt gut 100 Tage im Amt. Haben Sie den Plan schon für die Häfler Schulen?

Ich verschaffe mir gerade für mein gesamtes Dezernat mit Hilfe aller beteiligter Ämter und meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mich großartig unterstützen, einen Gesamtüberblick. Wo wollen wir hin? Fügt sich das gut zusammen? Wichtig dabei ist: Alle Projekte, die schon auf dem Gleis sind, sollen dadurch nicht verzögert werden.

Video: Martin Hennings

Ab 2026 gibt es einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Erstklässler. Die Stadt Ravensburg hat mitgeteilt, dass sie das bis zum Stichtag nicht schaffen wird. Und Friedrichshafen?

Wenn wir den Rechtsanspruch über qualitativ hochwertige, rhythmisierte Ganztagsschulen umsetzen, unter Einbindung des Personals des Betreuungsvereins, der Musikschule und der Sportvereine, dann bin ich zuversichtlich, dass wir das schaffen können. Spannend wird sein, wie viele Eltern vom Rechtsanspruch Gebrauch machen werden.

Für Unter-Drei-Jährige fehlen in der Stadt etwa 300 Betreuungsplätze. Es mangelt an Räumen und vor allem an Personal. Was tun?

Das muss man ein wenig differenzierter betrachten. Beim Personal ist die Lage je nach Träger unterschiedlich. In den städtischen Kindergärten sind im Moment praktisch alle Stellen besetzt. Generell hilft uns in Friedrichshafen, dass wir dank der Zeppelin-Stiftung Kita-Leitungen für ihre Leitungsaufgaben freistellen und zusätzliche Unterstützung, zum Beispiel hauswirtschaftliche Kräfte, einstellen können. Es bleibt eine Aufgabe für alle, den Beruf der Erzieherin und des Erziehers attraktiver zu machen. Im Vergleich zu anderen Kommunen ist Friedrichshafen aber personell verhältnismäßig gut aufgestellt.

Für Andreas Hein steht außer Frage, dass die Zeppelin-Stiftung ein Glücksfall ist, nicht nur für den Kulturbereich.
Für Andreas Hein steht außer Frage, dass die Zeppelin-Stiftung ein Glücksfall ist, nicht nur für den Kulturbereich. (Foto: ah)

Und wie bewerten Sie die räumliche Situation?

Bei der Betreuung Über-Drei-Jähriger stehen wir ganz gut da, im U-3-Bereich haben wir tatsächlich Ausbaubedarf, da der Betreuungsbedarf stetig wächst. Gleichzeitig liegt Friedrichshafen bei der U3-Betreuung über dem Landesdurchschnitt. Dennoch ist der Bedarf höher als das aktuelle Angebot.

Was tun?

Wie im Schulbereich sollten wir vom Ende her denken. Welche Räume brauchen wir wirklich? Wie können wir sie auch mittel- und langfristig möglichst flexibel ohne größere Umbauten nutzen? Um schnelle Fortschritte zu erzielen, spreche ich mich für standardisierte Neubauten in Modulbauweise aus.

Mal zugespitzt gefragt: Ist der Beschluss des Gemeinderats (auf Vorschlag der Verwaltung), auf dem Areal der ZF-Arena Schulsporthallen zu bauen, der Versuch, dem Profivolleyball mit Hilfe des Denkmalschutzes den Garaus zu machen?

Nein, ganz sicher nicht. Die Volleyballer des VfB sind nach wie vor ein Aushängeschild unserer Stadt. Wir als Kommune sind beim Bau von Sportstätten am Gemeinwohl orientiert. Profisport folgt aber anderen Regeln. Wir müssen uns darauf fokussieren, zunächst das Schulsportproblem zu lösen und in zweiter Linie Kapazitäten für Vereine, also den Breitensport, zu schaffen. Die vom VfB-Gesamtverein angedachte Multifunktionshalle kann dazu eine gute Ergänzung sein und auch die Probleme der Profi-Volleyballer langfristig lösen.

„Der Schlüssel ist eine fundierte und auch langfristig tragfähige Planung“, sagt Bürgermeister Hein zum Thema Schulbau.
„Der Schlüssel ist eine fundierte und auch langfristig tragfähige Planung“, sagt Bürgermeister Hein zum Thema Schulbau. (Foto: ah)

Wenn die Bebauung des Areals der ZF-Arena Wirklichkeit werden sollte: Brauchen wir dann noch die Campus-Lösung beim GZG?

Wenn wir die Schülerinnen und Schüler nicht immer wieder mit Bussen zum Sportunterricht bringen wollen, brauchen wir an Stelle der alten Festhalle auch noch einen größeren Sporthallenersatzneubau.

In Ihren Zuständigkeitsbereich fällt auch die Kultur. „Endlich mal ein Bürgermeister, der einen persönlichen Zugang zur Kultur hat“, hat dieser Tage einer aus der kreativen Szene gesagt. Haben Sie diesen Zugang?

Ich mache selbst Musik, habe während des Studiums in München das kulturelle Angebot dort vielfältig genutzt und als Kulturamtsleiter in Winnenden auch die andere Seite, also die des Veranstalters, kennengelernt.

Welches Instrument spielen Sie denn?

Gitarre.

In einer Band?

Ja, früher in Ravensburg, aber eher semiprofessionell.

Wie hieß denn Ihre Band?

Naja, so berühmt waren wir nun auch wieder nicht...

„Ich verschaffe mir gerade für mein gesamtes Dezernat einen Gesamtüberblick“, sagt Andreas Hein.
„Ich verschaffe mir gerade für mein gesamtes Dezernat einen Gesamtüberblick“, sagt Andreas Hein. (Foto: ah)

Nach einem ersten Kennenlernen (oder besser gesagt Wiederkennenlernen, schließlich sind Sie im nahen Ravensburg groß geworden): Wie sehen Sie die Kulturstadt Friedrichshafen?

Ich bin wirklich überrascht, wie groß und wie breit das Angebot ist. Das hat Großstadtniveau, da kann Friedrichshafen durchaus selbstbewusst sein und sollte auch noch selbstbewusster werden. Natürlich hilft uns die Zeppelin-Stiftung. Ein echter Glücksfall.

Gehen wir mal zusammen ein paar kulturelle Baustellen durch. Wie stehen Sie zu einer Erweiterung des Zeppelin-Museums?

Grundsätzlich positiv. Gerade für die umfassende Kunstsammlung fehlt es bisher noch an ausreichenden Präsentationsmöglichkeiten. Das schon bestehende Museumskonzept gibt da ja schon einiges her. Auch hier ist das Ziel: zukunftsfest aufstellen. Das gilt übrigens auch für das Schulmuseum.

Kulturhaus Caserne: cool oder abbruchreif?

Ganz eindeutig cool! Bautechnisch haben wir dort einige Probleme zu lösen, wobei wir den Charme des Ensembles dabei nicht zerstören sollten. Wir können sicher an der Vermarktung in die Region hinein noch arbeiten. Aber insgesamt ist die Caserne ein großes Pfund: Gucken Sie doch mal, wer dort alles auftritt....

Früher haben auch die ganz großen Stars in Friedrichshafen gespielt: Sting, Pink, Elton John, Die Toten Hosen. Wenn das mal wieder passierte, hätten Sie nichts dagegen, oder?

Natürlich würde ich mich freuen, wenn die ganz Großen kommen, auch wenn viele von denen nur noch in Stadien auftreten. Sie spielen aber sicher auf die Zeppelin-Cat-Halle auf der Messe an. Da müssen wir zweierlei bedenken: Die Halle dort ist keine Musikarena, es sind also aufwändige Aufbauten nötig. Und das Kerngeschäft der Messegesellschaft sind Messen, keine Konzerte.

Unter Ihrem Vorgänger Andreas Köster wurde das Projekt „Kulturentwicklungsplan“ aufgesetzt. Knüpfen Sie daran an?

Es ist gut, ein grobes Konzept über alles zu haben. In der Umsetzung bin ich eher dafür, einzelne Pakete zu schnüren. So möchte ich die vielfältigen Angebote noch besser aufeinander abstimmen. Und ich halte es auch für wichtig, das Kulturangebot noch besser mit dem Tourismus und dem Stadtmarketing zu verknüpfen und gemeinsam zu vermarkten. Auch im Tourismus haben wir ja noch Luft nach oben, auch mit Blick auf Tagesausflügler. Friedrichshafen hebt sich ab von den anderen Städten am Bodensee, ist urbaner, lebt aus sich selbst heraus. Ziel muss sein: eine Vermarktung der Stadt aus einem Guss.

Sind Sie selbst denn schon heimisch geworden in Friedrichshafen?

Ich habe eine Wohnung gefunden. Das war nicht leicht, obwohl ich eigentlich dachte, dass mich der Stuttgarter Wohnungsmarkt abgehärtet hat.

Was machen Sie denn, wenn Sie nicht arbeiten?

Am liebsten Musik. Und alles, was mit Bergen und Wasser zu tun hat. Außerdem bin ich seit vielen Jahren in der Fasnet aktiv. Allerdings: Mein Terminkalender ist im Moment schon sehr sehr voll. Das Schöne daran ist aber die Vielfalt der Themen und der Menschen, die ich dabei kennenlernen darf.

Sie sind CDU-Mitglied. Wie wichtig ist Ihnen Ihr Parteibuch?

Bei meiner Bewerbung hier in Friedrichshafen und bei meiner Arbeit spielt es für mich keine Rolle. Ich hatte nie ein Parteiamt und bisher auch kein öffentliches Mandat inne. Auch meine jetzige Kandidatur für den Kreistag des Bodenseekreises ist nicht parteipolitisch motiviert. Vielmehr geht es darum, dass auf Kreisebene viele wichtige Entscheidungen fallen. Hier möchte ich mich im Sinne der Stadt und ihrer Bürgerinnen und Bürger einbringen.

Ein Kind der Region

Andreas Hein wurde 1986 in Ravensburg geboren. Nach dem Abitur am Spohn-Gymnasium studierte er Politik- und Rechtswissenschaft sowie Neuere und Neueste Geschichte in Konstanz und München. Zudem absolvierte er von 2008 bis 2012 ein Parallelstudium: Lehramt für Gymnasien Gemeinschaftskunde, Geschichte und Deutsch. Seine Berufslaufbahn startete er von 2012 bis 2014 als Schulentwicklungsplaner in Stuttgart. Danach leitete Hein fünf Jahre lang das Amt für Schulen, Kultur und Sport in Winnenden.

Von 2019 bis 2023 fungierte er als Amtsleiter des Schulverwaltungsamtes in Stuttgart. Im Oktober 2023 trat er sein Amt als Bürgermeister in Friedrichshafen an. Zu Andreas Heins Dezernat gehören unter anderem die Ämter für Bildung, Betreuung und Sport, Soziales, Familie und Kultur sowie Erwachsenenbildung und Stadtgeschichte, zudem das Karl-Olga-Haus, das Kulturbüro, das Medienhaus am See, die Musikschule, das GZH, das Schulmuseum und die Touristinfo.