Überlebensstrategie

Nachhaltigkeit als Überlebensstrategie - das Beispiel vom Bodensee macht's vor

Friedrichshafen / Lesedauer: 8 min

Kann der Mensch nachhaltig leben? Um die aktuellen Probleme zu lösen, braucht es vor allem Kooperation und das Bewusstsein für Dringlichkeit. Die Bodenseefischer haben es vorgemacht.
Veröffentlicht:15.10.2022, 09:00
Aktualisiert:19.10.2022, 13:55

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Von der Klimakrise bis zum Artensterben: Die Menschheit steckt in der Krise. Während die einen das Problem weiterhin verdrängen oder verharmlosen, macht sich bei anderen Resignation breit: Der Mensch sei halt ein Egoist, der ungebremst in sein Verderben rennt, weil er nicht anders kann. Doch ist das wirklich so? Um das zu beantworten, hilft auch ein Blick auf die Bodenseefischerei.

Die Mannheimer Wissenschaftlerin Annette Kehnel glaubt das jedenfalls nicht. „Was mir als Historikerin immer wieder auffällt, ist die extreme Kurzsichtigkeit der Gegenwart“, schreibt Kehnel in ihrem Buch „Wir konnten auch anders – Eine Geschichte der Nachhaltigkeit“.

Die Professorin für Mittelalterliche Geschichte möchte unseren Vorstellungshorizont erweitern und vergessene Formen des Wirtschaftens in die Diskussion um mehr Nachhaltigkeit einbringen. Dabei spielen auch die Fischer vom Bodensee eine große Rolle, aber dazu später.

„Anlass waren sicherlich meine Studierenden, die Fridays for Future Bewegung, für die das Buch geschrieben ist. In dieser Generation ist die Suche nach Lösungen für die Zukunft viel größer, weil sie die Folgen des Klimawandels ja ausbaden müssen“, sagt Kehnel im Gespräch mit Schwäbische.de.

Ideen aus der Vergangenheit

Wir haben oft ein verzerrtes Bild von der Vergangenheit, sagt Kehnel. Die große Erzählung von Fortschritt und Aufstieg lässt alles von früher finster, schmutzig und ärmlich erscheinen. Keiner will zurück ins Mittelalter. „Deswegen haben wir Angst vor Veränderung, weil wir nicht zurückfallen wollen in eine angeblich so entbehrungsreiche und ärmliche Vergangenheit. Aber ich glaube, manchmal ist es lohnend, sich auf dem Weg in die Zukunft der Vergangenheit zu zuwenden und zu sehen, was die Erfahrung unserer Vorfahren zu bieten hat.“

Zusammen mit einer Kollegin, die nachhaltiges Management unterrichtet, und der Direktorin für Kreislaufwirtschaft beim Chemiekonzern BASF hat sie mehrere Beispiele für nachhaltiges Wirtschaften zusammengetragen.

Ein bekanntes Problem ist die sogenannte „Tragödie der Allmende“. Der Begriff, geprägt vom Biologen Garrett Hardin, beschreibt, dass gemeinschaftliche Güter, die frei zugänglich sind, übernutzt werden, da jeder nur nach seinem eigenen Nutzen handelt und die Gemeinschaft für den Schaden aufkommen muss. Das klingt zunächst einleuchtend. Doch auch der Mensch ist auf diese Erkenntnis schon deutlich früher gestoßen – und hat daraus gelernt.

Bodenseefischerei: Nachhaltigkeit als Überlebensstrategie

Bereits im Mittelalter wurden große Waldflächen in Deutschland gerodet, um Platz für Siedlungen und Landwirtschaft zu schaffen. Schon früh bildeten sich deswegen Waldgemeinschaften, die die Nutzung des Waldes regelten. Der Kahlschlag wurde jedoch durch industrielle Nutzung des Holzes als Baustoff und Energielieferant im Bergbau oder in Glashütten beschleunigt.

Das führte dazu, dass beispielsweise der Schwarzwald Mitte des 19. Jahrhunderts fast vollständig entwaldet war. So entstand in dieser Zeit langsam ein Umdenken in der Forstwirtschaft. Da Bäume Jahrzehnte für ihr Wachstum brauchen, müssen sie für die eigenen Enkelkinder gepflanzt werden.

Dieses Bewusstsein war es auch, dass die Fischer am Bodensee schon vor Jahrhunderten veranlasste zu kooperieren.

„Der Bodensee gehörte niemandem, wurde aber gleichzeitig von vielen verschiedenen Akteuren genutzt. Dazu gehörten das Kloster St. Gallen, Kloster Salem, die Städte Konstanz, Überlingen, Lindau. Sie haben alle diesen See genutzt und trotzdem haben sie Überfischung vermeiden können“, sagt Kehnel. Ihr Historikerkollege aus Trier, Michael Zeheter, hat das System der Bodenseefischerei in einer Dissertation untersucht.

Lokale Entscheidungen als Erfolgsrezept

Denn nicht der Schutz der Umwelt stand im Fokus der Bodenseefischer, sondern das eigene Überleben und das der Nachkommen. Das Erfolgsrezept am See: Die Regeln wurden nicht vom Staat vorgegeben, sondern von den Nutzern selbst festgelegt und flexibel auf aktuelle Bedingungen angepasst.

„Die Fischer haben sich selber Regeln gegeben“, erklärt die Historikerin. „Wenn es beispielsweise wenig Bodenseefelchen gab, dann wurde auf den jährlich stattfindenden Fischertagen beschlossen, die Maschengröße zu erweitern, sodass mehr Fische durch die Maschen und zum Laichen kamen. Das heißt, die Fischer – heute würden wir sie stake holder nennen – haben gemeinsam beschlossen, auf kurzfristige Gewinne zu verzichten, zugunsten von langfristiger Nutzbarkeit der Ressource See.“

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Diese Ordnung hatte über Jahrhunderte hinweg Bestand. Viele der Regeln der Bodenseefischer finden sich auch in den acht Gesetzen der Nachhaltigkeit wieder, die auf die der Ökonomin und Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom zurückgehen.

„Ostrom hat sehr klar gezeigt, unter welchen Bedingungen nachhaltiges Wirtschaften von sogenannten ‚Commons‘-Institutionen funktioniert: Die Leute vor Ort müssen sich auf klare Regeln verständigen. Die Regeln müssen an ganz bestimmte Situationen anpassbar sein. Die lokalen Nutzer vor Ort sind entscheidend, die Regeln der gemeinsamen Nutzung müssen regelmäßig an die gegebene Situation angepasst werden und es muss Sanktionen geben. Das sind Befunde, die die Forschungen zur mittelalterlichen Bodenseefischerei zutage brachten“, führt Kehnel aus.

Als glückselige Hippie-Kommune sollte man sich das aber nicht vorstellen:

Wenn Sie sich am Bodensee nicht an die Regeln gehalten haben, wenn Sie Felchen gefischt haben, obwohl eigentlich Schonzeit war, sind Sie rausgeflogen. Es war kein Friede-Freude-Eierkuchen-Wirtschaften, sondern es waren sehr harte Sanktionen, die zu Gefängnisstrafen – oder noch schlimmer – Verbannung, also Ausschluss aus der Gemeinschaft führen konnten.

Ähnliche Beispiele finden sich auch in der Almwirtschaft in den Alpen, die beispielsweise den Viehbestand reguliert und so eine Überweidung verhindern soll. Das Beispiel mit den Bodenseefischern gefällt Kehnel aber besonders gut:

Diese Frage stellt sich im 21. Jahrhundert ganz massiv: Lassen sich gemeinsame Ressourcen, die keinem gehören, von allen gemeinsam verantwortungsvoll nutzen? Das betrifft die Atmosphäre, das betrifft die Ozeane, das betrifft das Grundwasser.

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Teilen macht sexy

Zuletzt hat die sogenannte Sharing Economy mehr Aufmerksamkeit erfahren. Es existieren immer mehr Angebote zum Teilen von beispielsweise Autos oder Kleidung. „Ich habe viele Freunde, die es als Bereicherung erleben, kein eigenes Auto zu besitzen. Man muss sich nicht um alles kümmern. Nutzt das Auto, wenn man es braucht, und den Rest macht ein Car sharing Anbieter – shared mobility ist das Konzept der Zukunft. Sehr komfortabel. Mit Verzicht hat das nichts zu tun.“, sagt die Autorin.

Der Mensch sei zum Teilen geboren, meint Kehnel. Schon allein die menschliche Sprache ermöglicht uns, Informationen auszutauschen und gemeinsame Ziele zu verfolgen. Dabei profitieren wir vom Wissen und der Arbeit anderer. Und offenbar macht Kooperationsfähigkeit auch sexy, denn nach den Arbeiten des Anthropologen Michael Tomasello hatten Menschen, die teilen konnten, mehr Kinder: „Teilen war der Schlüssel zum Erfolg des Homo sapiens.“

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Erst in jüngster Zeit habe Teilen durch die negativen Erfahrungen mit faschistischer oder sozialistischer Planwirtschaft ein schlechtes Image bekommen, glaubt Kehnel. Der Kapitalismus habe scheinbar gesiegt. Der Mensch sei nun mal egoistisch und verfolge nur den eigenen Nutzen, so die gängige Überzeugung. Dass das auch schon in den Wirtschaftswissenschaften längst überholt ist, hat sich noch nicht in der Breite herumgesprochen.

Wenn Teilen reich macht

Dabei sind Klöster wie das Kloster Salem oder das Kloster Weingarten im Mittelalter mit dem Konzept des Teilens sehr reich geworden. „Finanzstarke Großunternehmen“ nennt die Historikerin sie.

Die Klöster setzten weitestgehend auf Selbstversorgung, aber verkauften ihre Erzeugnisse auch auf Märkten. So konnten sie Güter kaufen, die sie nicht selbst herstellen konnten, wie etwa Salz. Die Klöster wurden damit im Laufe der Zeit so reich und mächtig, dass es ihnen schließlich zum Verhängnis wurde. Im Zuge der Säkularisierung im 19. Jahrhundert verloren sie ihren Besitz weitestgehend wieder.

Müll ist dagegen etwas sehr Modernes. Zuvor waren Ressourcen viel zu wertvoll, um sie einfach wegzuwerfen. Papier war zunächst ein Recyclingprodukt aus alten Kleidern und Lumpen, auch Baustoffe und viele andere Produkte wurden wiederverwertet. Biologisch nicht mehr abbaubare Wegwerfprodukte in der Masse entstanden dagegen erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Müll

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Bedürfnislosigkeit als Quelle zum Glück ist in der menschlichen Ideengeschichte ebenfalls vielfach aufgegriffen worden. Ob Diogenes in der Tonne, Franz von Assisi oder auch das Märchen vom Hans im Glück zeigen, dass der Wunsch nach Minimalismus keineswegs neu ist.

Heute äußert sich das in der Tiny-House-Bewegung oder im Erfolg der Ausmist-Expertin Marie Kondo. „Dass die Sehnsucht nach Unbeschwertheit durch überflüssigen Besitz ein steter Begleiter der Menschheit war, wurde mir erst beim Schreiben des Buches klar“, erzählt Kehnel.

Die Wirtschaft weltweit nachhaltig zu gestalten, um das Überleben künftiger Generationen zu sichern, bleibt eine große Herausforderung. Hoffnung gibt der Autorin, dass sich tatsächlich in vielen Unternehmen gerade etwas verändert.

Ihr Buch soll dabei zum Nachdenken anregen. Es bedeutet aber nicht, dass wir jetzt sämtliche Errungenschaften der vergangenen Jahrhunderte aufgeben müssen: „Es geht nicht um ein Zurück ins Mittelalter. Es geht darum, unseren Möglichkeitssinn für die Zukunft zu schulen. Wir müssen nicht alles neu erfinden.“