Verkehrsanbindung

„Sehr verbesserungswürdig“: Häfler Unternehmen kritisieren die Verkehrsanbindung der Stadt

Friedrichshafen / Lesedauer: 4 min

Fehlende Flugverbindungen und Staus - Häfler Unternehmen kritisieren die Verkehrsinfrastruktur
Veröffentlicht:28.12.2022, 05:00
Aktualisiert:05.01.2023, 13:29

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Häfler Unternehmen üben immer wieder Kritik an der schlechten Verkehrsanbindung Friedrichshafens. Zuletzt hatte der Betriebsratsvorsitzende Thomas Bittelmeyer, bei der Betriebsversammlung von Rolls-Royce Power Systems Ende November, deutliche Worte gefunden und sich über die Anbindung beklagt.

Die Verkehrsinfrastruktur ist für die Unternehmen nicht nur mit Blick auf Gütertransporte und Kundenkontakte ein Thema, sondern spielt eine wichtige Rolle bei der Anwerbung und Sicherung von Fachkräften.

„Die Verkehrsinfrastruktur in Friedrichshafen ist für ein produzierendes und global tätiges Unternehmen wie Rolls-Royce Power Systems sehr verbesserungswürdig“, teilt Wolfgang Boller , Sprecher von RRPS mit. Im Zentrum der Kritik: Die Anbindung an die Autobahn und fehlende Flugverbindungen. Der Bahnverkehr sei „aufgrund der bekannten Probleme“ ebenfalls oft keine Alternative.

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ZF befindet sich laut Sprecher im Austausch mit dem Flughafen über die Anforderungen des Unternehmens. (Foto: Felix Kästle/dpa/Schwäbische.de)

Was laut IHK die drängendste Aufgabe ist

„Staus hemmen den Verkehr und Lieferungen auf der Straße; verspätete oder teils kurzfristig ausfallende Züge und Flüge erschweren den Menschen das Reisen“, heißt es von einem ZF-Sprecher. „Aus unserer aktuellen Standortumfrage wissen wir: Die Unternehmen in Friedrichshafen sind recht unzufrieden mit der überregionalen Anbindung über die Straße“, sagt Bettina Wolf, Referentin für Verkehr bei der IHK Bodensee-Oberschwaben.

Als drängendste Aufgabe benennt sie den Ausbau der B30 und der B31. Zwar habe die neue Umgehungsstraße für Friedrichshafen einige Verbesserungen gebracht, so Boller. Aber: „Westlich und östlich von Friedrichshafen staut sich der Straßenverkehr weiterhin.“

Welche Städte auf der Flugwunschliste der Unternehmen stehen

Eine große Bedeutung messen IHK und Unternehmen dem Flughafen bei. „Leider sind die derzeitigen Verbindungen nur bedingt in der Lage, den Bedarf zu decken“, so RRPS-Sprecher Boller. Auf der Wunschliste von RRPS stünden regelmäßige und gleichbleibende Verbindungen der Lufthansa – zumindest werktags – nach Frankfurt. Außerdem Direktflüge zu weiter entfernten Städten innerhalb Deutschlands und Europas.

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Dazu zähle Berlin, wo RRPS eine Tochtergesellschaft betreibe, die im engen Austausch mit Friedrichshafen stehe. Weitere Wunschstädte sind: „Hamburg, weil im Norden Deutschlands wichtige Kunden und Geschäftspartner zu Hause sind, und London, um engeren persönlichen Kontakt mit der Konzernzentrale zu pflegen.“

Für ZF seien diese Städte ebenfalls interessante Ziele, teilt der Unternehmenssprecher mit. „Auch wenn sich seit der Pandemie etliche Termine digital wahrnehmen lassen, gibt es nach wie vor Dienstreisen und den Bedarf an nationalen und internationalen Flugverbindungen, die bei ZF in der Regel über Frankfurt am Main führen.“

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RRPS hält die Verkehrsanbidnung Friedrichshafens für „sehr verbesserungswürdig“. Dazu zählen auch mehr Flüge in die Großstädte Deutschlands und Europas. (Foto: Felix Kästle/dpa/Schwäbische.de)

Unternehmen bei Geschäftsreisen zurückhaltender

Bernd Behrend, Sprecher des Bodensee-Airports, kann die Wünsche, aber auch für die Kritik nachvollziehen. Die Lufthansa habe im Sommer zahlreiche Flüge zwischen Friedrichshafen und Frankfurt wegen Personalknappheit am Flughafen Frankfurt gestrichen.

„Da war der Ärger verständlicherweise groß, zumal es keine Alternative ICE-Verbindung gibt.“ Die Handlungsoptionen des Flughafens seien jedoch begrenzt. „Konkrete Veränderungen und mehr Flugverbindungen sind auch unser Wunsch, aber die Entscheidungen treffen letztlich die Fluggesellschaften, die auch das wirtschaftliche Risiko für Flüge tragen.“

Unternehmen hielten sich mit Geschäftsreisen inzwischen zurück, weil sie Videotools nutzten oder Kosten und CO2 sparen wollten. „Somit steht dem Wunsch nach mehr Direktflügen auch immer das aktuelle tatsächliche Reiseaufkommen bei den Unternehmen gegenüber.“

Pluspunkt: Elektrifizierung der Südbahn

Doch Unternehmen und IHK üben nicht nur Kritik, sie sehen auch die Verbesserungen. Dazu zählt laut ZF die Elektrifizierung der Südbahn. Bei diesem Punkt hakt IHK-Referentin Bettina Wolf allerdings ein. Das sei zwar ein enormer Fortschritt, weil es jetzt im Halbstundentakt Züge ab Friedrichshafen in Richtung Ulm und Stuttgart mit entsprechenden Fernverkehrsanschlüssen gebe. „Allerdings haben wir nun das Dieselloch auf der Bodenseegürtelbahn“, so Wolf, die auf zeitnahe Elektrifizierung, inklusive Überholgleisen, hofft.

„Der Wettbewerb der Unternehmen auf Gütermärkten und um Fachkräfte nimmt zu, deshalb muss die Region alles dafür tun, dass sich die Verkehrsinfrastruktur stetig verbessert und weiterentwickelt“, sagt Wolf, die aber auch anmerkt: Trotz aller Verkehrsprobleme dürfe man nicht übersehen, dass die Unternehmen in Friedrichshafen sehr erfolgreich sind.

Und ein Aspekt wird sich kaum ändern lassen: die „Randlage“ Friedrichshafens, wie RRPS-Sprecher Boller es nennt. Das und die relativ weite Entfernung zu Metropolen sei ein Hemmnis bei der Rekrutierung von Fachpersonal aus dem In- und Ausland. „Eine bessere Verkehrsinfrastruktur kann das nur lindern, nicht beheben.“