Zeppelin

Alexander Gerst bezweifelt beim Besuch am Bodensee, dass es im Weltraum friedlich bleibt - mit VIDEO

Friedrichshafen / Lesedauer: 5 min

Humboldt-Gesellschaft ehrt den Wissenschaftler und Astronauten mit Goldmedaille
Veröffentlicht:09.05.2022, 14:00
Aktualisiert:09.05.2022, 15:30

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Als Höhepunkt der 111. Tagung der Humboldt-Gesellschaft für Wissenschaft, Kunst und Bildung e.V., die unter dem Thema „Innovation und wirtschaftlicher Erfolg“ vom 6. bis 8. Mai in Friedrichshafen stattfand, wurde der Astronaut und Wissenschaftler, Alexander Gerst, am Sonntag im Zeppelin-Museum mit der Goldenen Medaille des Vereins ausgezeichnet. Mehr als ein Dutzend solcher Ehrungen hat Astro-Alex, wie er in den Sozialen Medien genannt wird, bereits bekommen.

Entsprechend gelassen nahm der 46-jährige Weltraumstar aus Künzelsau die Ehrung entgegen und stellte sich auf dem Podium zwischen der noblen Maybach Zeppelin-Karosse, dem historischen Flitzer Gaylord Gladiator und der DO X Memorial Big Band den Fragen von Museumsdirektorin Claudia Emmert . Mit ihrem Bekenntnis, „ich beneide Sie um Ihren herausragenden Beruf“, sprach sie den Fans von Astro-Alex aus der Seele.

Botschafter der Raumfahrt

Nicht nur durch zahlreiche Veröffentlichungen und Präsenz auf nahezu allen medialen Kanälen ist Alexander Gerst ein Meister der Kommunikation und Botschafter der Raumfahrt. Selbst auf einem musealen Podium und erst recht in der persönlichen Begegnung versteht Gerst die Menschen aller Altersstufen anzusprechen und zu begeistern.

Die Jugendgruppe der Astronomischen Vereinigung Bodensee hatte extra zu seinem Besuch vor dem Zeppelin-Museum ein Teleskop aufgebaut, was Gerst „super“ fand. Und die ältere Dame, die Gerst gleich drei seiner neuen „Horizonte“-Bücher zum Signieren reichte – „für meine Enkel“ – freute sich unbändig, dass er trotz des Ansturms von Fans ein paar Worte mit ihr wechselte.

Astronauten sind keine Supermänner. Wenn ich das geschafft habe, könnt ihr es auch schaffen.

Dabei pflegt Gerst keine Starallüren. Im Gegenteil, er versichert gegenüber den Kindern und Jugendlichen im Publikum: „Astronauten sind keine Supermänner. Wenn ich das geschafft habe, könnt ihr es auch schaffen.“

Die Weltraumfahrt steht für ihn noch am Anfang. Wie hoch die Hürden sind, hat er beim Auswahlverfahren der Europäischen Weltraumorganisation ESA 2008 mit mehr als 8000 Bewerbern selbst erfahren. Jetzt sitzt Gerst in der Kommission, die in diesem Tagen unter 23 500 Bewerbern vier bis sechs Frauen und Männer auswählt, die eine Astronautenausbildung bei der ESA absolvieren können.

Auf der ISS nur Brüder und Schwestern

Zweimal sechs Monate war Alexander Gerst 2014 und 2018 auf der Internationalen Raumstation ISS . Ob und wann er wieder fliegt, steht in den Sternen. „Nach dem Weltraumflug ist vor dem Weltraumflug“, meint er lapidar. Die Zeichen stünden gut, dass die ISS über das Jahr 2024 hinaus weiter betrieben werden könne, sagt Gerst und erinnerte daran, dass die Raumstation ein kosmopolitisches Projekt sei. „Auf der ISS sind wir Brüder und Schwestern“, sagte Gerst. Für ihn, aber auch für seine russischen Kollegen, sei es deshalb schrecklich, eine solche Entwicklung zu sehen. Den Krieg Russlands gegen die Ukraine nennt Gerst nicht explizit.

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Mond als Sprungbrett zum Mars

Als Astronaut denkt Gerst schon weiter Richtung Mond, dessen Herkunft ja immer noch unbekannt sei. „Wir können dort Teleskope aufbauen, die tiefer ins All blicken oder ihn auch als Sprungbrett zum Mars nutzen“, auf dem womöglich erste Spuren von Leben außerhalb der Erde gefunden werden könnten. Der Krieg in Europa hat diese Pläne vorerst durchkreuzt: Das Projekt Exomars, an dem auch die russische Raumfahrtagentur beteiligt ist, liegt auf Eis.

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Eine „Zeitenwende im Weltraum“ erwartet Gerst nicht nur in geopolitischer Hinsicht. Auch die Kommerzialisierung der Raumfahrt werde weiter voranschreiten. Er halte das für eine „sehr gute Entwicklung“, die allerdings von der Gesellschaft reguliert werden müsse. Ob denn wenigstens im Weltraum alles friedlich bleibe, wollte Claudia Emmert wissen. „Wenn ich auf die Erde schaue, glaube ich das nicht“, sagte Gerst und verwies auf die militärischen Kapazitäten im All.

Das All ist Spielplatz für Milliardäre

Solange es keine nachhaltigen Antriebe gibt, werde der Weltraumtourismus Spielplatz für Milliardäre bleiben. Die Flüge ins All könnten jedoch Türöffner für eine neue Dimension der Raumfahrt sein. „Es wäre eine großartige Sache“, sagte Gerst und empfahl, jedem Staatslenker einen Besuch auf der ISS zu ermöglichen, damit er oder sie sieht, wie klein und empfindlich unsere Erde ist.

Überzeugender Umweltaktivist

Alexander Gerst ist nach seinen zwei Flügen ins All ein überzeugter und überzeugender Umweltaktivist geworden. Vor allem sein Video, mit dem er 2018 aus der ISS die Umweltzerstörung, die globale Erwärmung und Kriege anprangerte, sich für einen nachhaltigeren Lebensstil einsetze und sich bei seinen künftigen Enkeln dafür entschuldigte, dass seine Generation den Planeten in keinem guten Zustand zurückgelassen habe, brachte ihn in den Ruf eines scharfen und unermüdlichen Mahners.

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Dieses Engagement für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen war neben der wissenschaftlichen Leistung und der exzellenten Kommunikation ein entscheidender Punkt für die Ehrung durch die Humboldt-Gesellschaft, wie Vorstandsmitglied Jochen Schauenburg aus Markdorf in seiner Laudatio sagte. Gerst sei als Mensch und Wissenschaftler ein herausragendes Vorbild.

Der Geehrte versicherte, dass er seinerseits die Brüder Humboldt schätze und von ihnen viel gelernt habe. Sein Lieblingssatz von Alexander Humboldt deckt sich mit dem, den Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier 2015 auf der Jahrestagung der Humboldt-Stiftung zitierte: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nicht angeschaut haben.“