Romanze

Russlands Seele zum Leuchten gebracht

Zwiefalten / Lesedauer: 3 min

Karina Aßfalg und Liliana Roth interpretieren russische Romanzen
Veröffentlicht:27.11.2018, 14:58
Aktualisiert:22.10.2019, 14:00

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Russische Romanzen mit ihrer Fülle von Emotionen und tiefen Gefühlen zu hören, ist ein besonderes Erlebnis. Karina Aßfalg (Sopran) und Liliana Roth am Flügel setzten beim Prälaturkonzert in Zwiefalten das um, was russische Komponisten in ihren kunstvollen Gesängen zum Ausdruck brachten.

Beide Interpretinnen sind in Russland geboren, beide schöpfen aus der Kraft ihrer Heimat, beide bringen in tief beeindruckendem Gesang und in der Kunst am Flügel Russlands Seele zum Leuchten. Um dies in der Prälatur, dem „schönsten Raum in klösterlichen Gemäuern“ zu erleben, konnten die vorgestellten Romanzen als Winterträume nur im russischen Original gesungen werden. Jede Art von Übersetzung wäre fehl am Platze gewesen. Als sehr hilfreich erwies sich die detailreiche Moderation von Bettina Eppler.

Zarte Eingangstakte der Pianistin führten zu ersten melodischen Eindrücken mit Karina Aßfalgs einfühlsamer Stimme. Zu später Stunde einer Frühlingsnacht erinnerte sich Nikolaj Listov an den Klang eines schönen Walzers, den die Sopranistin aus den empfindsamen Tiefen ihrer Stimme in die Höhen des barocken Raums aufsteigen ließ. Nachdrücklich fortgeführt wurden diese Empfindungen bei Michail Glinkas „Blut glüht im Liebesrausch“ mit Temperament und musikalischer Intensität beider Interpretinnen.

Mit dem Auftreten der Roma, als professionelle Interpreten von Romanzen, flossen Gefühle der Sehnsucht in die Art russischer Kunstlieder des 19. Jahrhunderts ein. Solche Zigeunerromanzen bargen tiefgehende Gefühle in sich, wie auch beim „Leuchte, mein Stern“ von Peter Bulachov. Große melodische Bogen stellte Liliana Roth bereits beim Vorspiel vor, dazu passend der sich steigernde Klangraum der Sängerin.

Perlende Passagen über dezenter Begleitung prägten das erste Klaviersolo mit einem Walzer aus der Schneesturm-Suite von Georgy Sviridov. Nach voluminösen Bausteinen zeigte ein freudvolles da capo das Interpretationstalent der Pianistin.

Leidenschaft und Dramatik

Mit Leidenschaft meinte die Sopranistin: „Auf der ganzen Welt gibt es nicht so schöne Augen wie seine. Wenn er mich anschaut, kocht mein Herz.“ Dazu poetisch einfühlsam mit stimmlicher Schönheit der Blick auf „verblühte Chrysanthemen im Garten“ von Nikolaj Harito, der im Alter von 32 Jahren bei einer Hochzeitsfeier auf einem Bauernhof stirbt. Hoffnungsvoll die populäre Romanze am „Zaungätterchen“, wo ein Mann auf seine Geliebte wartet, voll Dramatik hingegen das Ehedrama „Alter Ehemann, grausiger Ehemann“, von der Sopranistin temperamentvoll in Szene gesetzt.

Liebenswürdig transparent hingegen im ausdrucksvollen Klangraum der Stimme Guriljevs „Sehnsucht des Mädchens“ und die lyrisch fröhliche Romanze „Mein Glück – mein Schätzchen“ mit strahlendem Melodiebogen.

Klare Akkorde, durch sichere Halbtöne ausgeweitet, führten zu rhythmisch gut strukturierter Melodieführung bei der zweiten Romanze aus der Schneesturm-Suite als weiterem Beweis für die Meisterschaft von Liliana Roth am Klavier. Das Klangbild stets variierend und erweiternd, die gesamte Klaviatur in ihr Spiel mit einbezogen, endete der musikalische Schneesturm in entschwindenden Pianissimo.

Dass ein Zigeuner in der „hellen Nacht“ Sehnsucht nach seiner Liebsten verspürt, ist ebenso verständlich wie nachvollziehbar, wie der Inhalt der eher traditionellen Liebesserenade „Ich bin da, Inesilj“. Ganz anders – mit viel Wärme in der Stimme– die musikalische Traurigkeit bei Ponomarenkos „In seiner frohen Birkensprache sagt der goldne Hain nichts mehr“. Voll Schönheit hingegen mit romantisch dezenten, aber auch heiter-neckischen Aspekten die Versicherung in der Eheromanze „Oh, nein, nicht dich lieb ich noch heut so heiß“ als Beispiele der russischen Romanzen des 20. Jahrhunderts.

Nicht enden wollender Beifall gab es für ein tief bewegendes Erlebnis mit den Romanzen Russlands, die nur in der Muttersprache gesungen einen echten Einblick in die russische Seele hervorrufen können. Nicht weniger bezaubernd waren die „Moskauer Nächte“ als Zugabe, melodisch im Originalsound, doch auch hierzulande weitgehend bekannt.