Schiff

Riedlinger Theatersommer feiert Premiere

Riedlingen / Lesedauer: 5 min

Der Riedlinger Theatersommer begeisterte mit einem „szenisch musikalischen Bilderbogen“
Veröffentlicht:30.06.2022, 15:00

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Der Riedlinger Theatersommer hat Fahrt aufgenommen. Begeisterungsfähige Laienschauspieler haben ihm dank der engagierten Arbeit der Profis vom Theater Lindenhof Leben eingehaucht, sind in viele Rollen geschlüpft, haben getanzt, gesungen, lustige, berührende und traurige Begebenheiten und Lebensumstände zum Thema Ein- und Auswanderung in Szene gesetzt, Geschichtliches vermittelt, nachdenklich gestimmt, vor allem aber unterhalten und das gut zwei Stunden lang mit „Donaustrand und Meeresrauschen“ an der Donau hinter der Neuen Festhalle.

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Sie lieferten in dem „szenisch musikalischen Bilderbogen“, wie Lindenhof-Intendant Stefan Hallmayer das von Peter Höfermayer geschriebene Stück nennt, eine grandiose Gemeinschaftsleistung ab, bildeten mit Musik und Kulisse ein stimmiges Ganzes ab, mit viel Beifall und „Bravo“-Rufen honoriert von einem bestens aufgelegten Premierenpublikum. Mit Szenen-Applaus hatte es zwischendurch seine Anerkennung für besonders gelungene Darbietungen kundgetan und damit auch besondere Talente gewürdigt, die sich bei dem Schauspiel herauskristallisiert haben.

Beeindruckende Charaktere – geniale Darsteller

Einige kennt man schon von den beiden letzten Theatersommern, andere gehören zu den Neuentdeckungen, wie zum Beispiel Sabrina Sauter als Margret, die Jakob umgarnt, der vor ihrer Zudringlichkeit flüchtet, während sich sein Zwillingsbruder Frieder gerne hofieren lässt. Geradezu genial, wie Anton Köberle in der Doppelrolle die unterschiedlichen Charaktere der beiden Brüder darstellt. Sein ganzes komödiantisches Pulver verschießen darf in drei Rollen Klaus Kehle, als machtvoller Kapitän, trinkfreudiger Pater und lässiger Richter.

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Wie wandelbar er – je nach Rolle und Aufgabe – ist, zeigt als einer der beiden Senioren Gerhard Otto mit stets großer Präsenz, frömmelnd als Pfarrer, zupackend als Bauer, herablassend als Amtskassierer. Mit Ursula Seeger, Cora Wank, Gabi Seifried, Rosita Pfeiffer und Sophie Hirsch und all den anderen sind auch die Frauenrollen stark besetzt, ergänzt um die Teenager Lili Grace Baranac, Lorena Weber und Antonia Bobke, die nicht nur als Cheerleader die Bühne rocken.

Ein gelungenes Ganzes

Große Präsenz beweisen die Kinder Karla Geisler und Nico Wank bei ihren verschiedenen Auftritten, beim Kampf um die letzte Kartoffel, hungernd oder auch auf dem Schiff in eine neue Heimat. Nicht weniger Beachtung finden dürfen die Männer als verzweifelte Bauern, die Hab und Gut verkaufen müssen, oder Macht ausübende Amtsträger, wie Ulrich Widmann als Schultes mit seinen beiden Amtsdienern Johannes Traub und Dietmar Ziegler als Löhle und Döhle.

Nicht weniger überzeugen Michael Kopf, Armin Bauschatz, Winne Knein und Hannes Schwendele. Doch nicht nur die Genannten, sondern jeder an seinem Platz in der von ihm jeweils dargestellten Figur trägt zu einem gelungenen Ganzen bei, bringt in Massenszenen Bewegung auf die Bühne oder erheischt in kleinen Auftritten Aufmerksamkeit.

Solo der Freiheitsstatue

Besonders imponierend als Gesamtkunstwerk sind der in zwei Gruppen intonierte Rap mit Ortsnamen von nah und fern und der Feststellung: „Se wandret aus nach Übersee“ oder das Schlusslied „Mensch“, das bezeugt, wie musikalisch aufgestellt die Schauspieler und Schauspielerinnen sind, allen voran Hildegard Maria Ritter mit einem Solo als Freiheitsstatue. Überhaupt die Musik: Die Stadtkapelle unter der Leitung von Michael Reiter ist mit herausfordernden Kompositionen von Wolfram Karrer dabei, dem musikalischen Leiter des Theaters Lindenhof, der auch den Chor einstudierte. Dann das kleine Theaterorchester, das den Line-Dance begleitet und junge und gereifte Musiker und Musikerinnen an ganz unterschiedlichen Instrumenten wunderbar verbindet.

Geschichte auf die Segelleinwand projiziert

Dank der – stets nach Zeitepoche – immer wieder wechselnden Kostüme, für die Ilona Lenk, ehrenamtlich unterstützt von Doris Frick-Kottermanski, verantwortlich zeichnet, vermutet man eine viel größere Zahl an Protagonisten auf der Bühne, treten sie doch wechselnd als Menschen des 17., des 19. und 20. Jahrhunderts auf. Sie und Ralf Wenzel als technischer Leiter sind auch für das Bühnenbild zuständig, beherrscht von einem großen Segel, auf das verschiedene Bilder projiziert werden, solche aus der Geschichte Riedlingens oder von mächtigen Wellen, die das Schiff durchschaukeln, auf dem die Auswanderungswilligen mit ihren Koffern ins gelobte Land schippern.

Dass dazu auch eine Reihe Riedlinger Juden gehörten, die so ihr Leben retten konnten, während andere deportiert und umgebracht wurden, wird bei dem Thema „Weggehen und Heimkommen“, um noch einmal Stefan Hallmayer zu zitieren, nicht ausgespart. Eine berührende Szene, wie auch jene Auftritte mit Olja Ilic und Richard Krauss, die als Maria und Josef noch immer auf der Suche nach einer Herberge sind.

Die Freude am Gelingen

Was am Mittwochabend nach wochenlangen Proben auf der Bühne zu sehen war und bei weiteren fünf Vorstellungen noch zu sehen sein wird, ist allen voran den beiden Regisseuren Carola Schwelien und Peter Höfermayer zu verdanken, denen dafür nicht nur der Beifall aller und der Akteure im Besonderen galt, sondern auch das Lob von Bürgermeister Marcus Schafft, der darin die ehrenamtlichen Organisatoren Andrea Traub und Roland Uhl mit einbezog. Er würdigte die Zusammenarbeit mit dem Theater Lindenhof, betonte den für die Finanzen zuständigen Rückhalt im Gemeinderat und bekannte, die Stadtverwaltung habe mitgefiebert. Blieb die Freude über das Gelingen.