Rührgerät

Flamenco mit dem Rührgerät

Riedlingen / Lesedauer: 3 min

Stefan Sell erweitert Grimms Märchen mit Klangcollagen auf der Gitarre
Veröffentlicht:31.03.2014, 16:05
Aktualisiert:24.10.2019, 15:00

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Stefan Sell besitzt die Gabe, Schüler mit Sprache und Ausstrahlung und mit seiner einfallsreichen Kunst an der Gitarre zu fesseln. Grimms 200 Jahre alte Märchen bekommen durch ihn einen modernen, von jugendlichen Zuhörern gern akzeptierten Glanz.

Antonio in Spanien möchte gerne Gitarren bauen, kann aber seine Steuern nicht bezahlen. Alles haben die Behörden ihm weggenommen, nur nicht eine Truhe gefunden, die im Keller versteckt ist. Durch geschickte Tauschaktionen kann Antonio nun doch „La Leona“ bauen. Seither werden alle Gitarren gebaut wie „La Leona“. Dass man auf ihr auch „El torro“, den Stier Spaniens, interpretieren kann, verblüffte die Schüler der Klassen 5 und 6 in der Aula des Kreisgymnasiums. Doch bald ließen sie sich lautstark mit „Uno - dos - tres“ in das musikalische Märchen einbinden.

Von Spanien führte der begnadete Erzähler seine Zuhörer nach Amerika. Dort gibt es weiße elektrische Gitarren mit Verstärker und einen selbst spielenden musikalischen Zauberkasten. Er spielt auch, wenn der Gitarrist seine Finger von den Saiten weggenommen hat. Zuvor natürlich musste der weiße Einbrennlack zuerst im Backofen seine Festigkeit erlangt haben. Dies alles führte zum Märchen vom klugen Schneider. Des Königs schöne Prinzessin wollte nur den heiraten, der die Frage beantworten kann: „Welche zwei Farben haben meine Haare?“ Natürlich nicht schwarz und weiß wie Pfeffer und Salz oder braun und rot wie der Bratenrock ihres Vaters, sondern golden und silbern. Doch erst, nachdem der Schneider dem übermächtigen Bären Steine statt Nüsse zu fressen gab und seinen Wahlspruch: „Wenn’s weiter nichts ist“ oftmals anwenden konnte, stand der Hochzeit nichts mehr im Wege.

Auch bei der „Prinzessin Mäusehaar“ nahm die Gitarre eine zentrale Stellung ein. Unkenntlich in einen Mantel aus Mäusehaar gewickelt, damit des Königs Diener sie nicht töten können, entlockte Sell seiner Gitarre mit blauem Licht neue Klangwelten mit viel Vibrato verziert. Aus dem Arsenal einer Küche zaubert er eine Bratpfannengitarre: Der Griff wird zum Saitenstiel, die Pfanne selbst zum Klangkörper.

Wer außer Sell kann mit einem handelsüblichen Rührgerät auf der Gitarre einen Flamenco inszenieren, zumal das Rührgerät auch eine Turbostufe hat, die Melodie und Rhythmus temporeich antreibt? Mit Klatschen und Stampfen waren die Schüler voll bei der Sache, ließen sich animieren und begeistern und fanden dadurch auch wieder die Ruhe, dem in allen Einzelheiten erzählten Märchen vom Gestiefelten Kater zu lauschen.

Sell fesselte die Schüler

Auch hier wurden Melodie und Rhythmus sofort von den Schülern aufgenommen. Als moderner Märchenerzähler nimmt Sell seine Zuhörer mit in eine Welt der heutigen Hörgewohnheiten. Er verbindet sein Erzählen mit Klangbildern in kurzweiliger Weise, ohne die ursprüngliche Basis Grimmscher Erzählweise zu verlassen.

Sell fesselt seine Zuhörer, auch eine Aula voller Schüler, neben seiner Kunst auf der Gitarre durch seine Sprache: Mal dramatisch, mal fast flüsternd, variabel in Tempo und Betonung, beweglich in Gesten, die zum Text passen.

Studienrätin Friederike Schröder hat diese Veranstaltung unter Sells Leitmotiv „Mein Klang der Märchen“ organisiert. Die Schüler erlebten eine herrliche Märchenstunde, bei der sie den Künstler erst dann von der Bühne entließen, als er den tosenden Beifall und viele "Zugabe-Rufe" mit der Wiederholung von „El Torro“ und dem Flamenco mit dem Rührgerät wiederholt hatte.