Landesakademie

Renommierte Dozenten liefern sich fulminantes Duell an zwei Orgeln

Ochsenhausen / Lesedauer: 3 min

Jeremy Joseph adelt sechstes sommerliches Orgelkonzert in der Basilika
Veröffentlicht:31.07.2022, 11:33

Von:
Artikel teilen:

In Kooperation mit der internationalen Sommerakademie ISAM, der katholischen Kirchengemeinde sowie der Landesakademie für die musizierende Jugend Ochsenhausen hat das sechste sommerliche Orgelkonzert in der Basilika St. Georg unter dem Motto „Bach und Buxtehude “ einmal mehr einen hochklassigen künstlerischen Akzent gesetzt. Gleich zwei Dozenten des renommierten, derzeit an der Landesakademie stattfindenden Orgel-Meisterkurses, der nach den einführenden Worten von Akademiedirektor Professor Dr. Weigele noch niemals zuvor so hohe Teilnehmerzahlen aufwies, lieferten sich zum Konzertausklang auf zwei Orgeln ein spektakuläres Improvisationsduell.

Zwei Pole in Buxtehudes Schaffen

Ließ es der Hauptakteur des Konzertes, der Wiener Orgelprofessor und Gewinner des internationalen Gottfried-Silbermann-Orgelwettbewerbes, Jeremy Joseph, im strukturell und klanglich kontrastreichen Eröffnungsstück, dem Präludium für Orgel in g-Moll von Dietrich Buxtehude (1637-1707), noch spielerisch, leicht und heiter angehen, so führte bereits die folgende Passacaglia in d-Moll mit ihrer strengen kontrapunktischen Form über einem siebentönigen Ostinato zu einer dramatischen Verdichtung und markierte so die beiden Pole von Buxtehudes Schaffen.

Bach wanderte zum bewunderten Altmeister

Anlass für das Konzertmotto und Bindeglied zwischen den beiden Komponisten dürfte die berühmte Fußreise des jungen Johann Sebastian Bach von Arnstadt nach Lübeck zu dem von ihm bewunderten Altmeister Buxtehude im Jahr 1705 gewesen sein. Voller Begeisterung hatte Bach den ihm hierzu gewährten vierwöchigen Urlaub eigenmächtig um ein Vierteljahr verlängert. Buxtehudes vielseitige und erfolgreiche Tätigkeit als Organist und Stadtmusikdirektor sowie dessen umfangreiches und vielseitiges Œuvre waren für den erst 20-jährigen Bach vorbildlich und haben seinen Werdegang entscheidend geprägt.

Im dritten Teil von Bachs „Clavierübung“, der keinesfalls als bloßes Etüdenwerk für Anfänger zu verstehen ist, fasst er in einer breiten stilistischen Palette besonders anspruchsvolle, vertiefende Exerzitien auf höchstem kompositorischen und spieltechnischen Niveau „für Kenner und Liebhaber“ zusammen. Jeremy Joseph gelang es hier über sieben Choralbearbeitungen hinweg einen großen Spannungsbogen aufzubauen und darüber hinaus, sich noch die Kraft und Kondition für das hochdramatische finale Werk „Präludium und Fuge in c-Moll“ zu bewahren.

Werk beeindruckte bei Lady Dianas und Prinz Philipps Beerdigung

Das mit harmonisch und chromatisch raffinierten Passagen durchsetzte Werk erklang sowohl bei der Beerdigung von Lady Diana als auch zur Beisetzung von Prinz Philipp und hinterließ aufgrund seiner kompositorischen Dichte und vor allem mit dem markanten Fugenthema auch hier einen tiefen Eindruck. Überaus befreiend wirkt die epochentypische Hinwendung beider Teile der Mollkomposition in einen hoffnungsvollen Schlussakkord in Dur.

Fast sensationelle Improvisation zweier Dozenten

Das interessanteste Stück des Konzertabends bestand jedoch aus einer fast schon sensationellen Improvisation für zwei Orgeln, wohl auch als Hommage an die barocken Orgelvirtuosen Bach und Buxtehude gedacht. Von beiden ist deren ungewöhnlich hohe Improvisationskunst überliefert. An der Chororgel des Ochsenhausener Orgelbauers Höss „schlug“ jetzt der Stuttgarter Orgelprofessor Jürgen Essl die Tasten. Auf den ersten Eindruck in freier Tonalität, jedenfalls mit ungeniertem Einsatz auch scharfer Dissonanzen, fanden sich in den mal dialogisierenden, mal sich kontrapunktisch ergänzenden Passagen doch immer wieder diatonische Wendungen und Zusammenklänge in erweiterter Harmonik, die den Ablauf strukturierten und Zusammenhalt schufen. Motivisch-thematisch angelegte Teile, Call & Response – Abschnitte, Madrigalismen, pittoreske und rhetorische Figuren, Klangflächen, an Filmmusik von Hans Zimmer oder Klaus Badelt erinnernde Passagen, an elektronische Musik gemahnende Schwebungen oder starke Vibratowirkungen sowie der Einsatz auch selten verwendeter, effektvoller Registrierungen lieferten ein Feuerwerk an, oft auch witzigen und skurrilen Einfällen. Mitunter schienen gar die himmlischen Heerscharen schwerbewaffnet aus den dunklen Wolken über die Menschheit hereinzubrechen. Die Erlösung von allem Übel mündete am Ende schließlich in langanhaltenden Beifall.