Spurensuche

Den Nachkommen die Spurensuche erleichtern

Laupheim / Lesedauer: 3 min

Das Gedenkbuch „Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung“ gibt es online jetzt auch auf Englisch
Veröffentlicht:27.10.2016, 21:14
Aktualisiert:23.10.2019, 11:00

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Geschafft! Das 600 Seiten starke Gedenkbuch „Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung“ ist komplett ins Englische übersetzt und jetzt auch in dieser Sprache im Internet zugänglich. „Damit wird den Nachkommen, die die Sprache ihrer Großeltern und Urgroßeltern meist nicht mehr beherrschen, bei der Suche nach ihren oberschwäbischen Wurzeln geholfen“, sagt Michael Schick, stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft für Geschichte und Gedenken (GGG). Er hat das Projekt federführend betreut.

SZ : Herr Schick, wie lange hat es gedauert, die 100 Kapitel des Gedenkbuchs in englischer Sprache zu veröffentlichen?

Schick: Ziemlich genau zwei Jahre. Es ist schneller gegangen als erwartet. Vor ein paar Tagen habe ich den letzten Text online gestellt. Er wurde mir aus Oregon zugeschickt.

SZ: Wie ist das Projekt ins Rollen gekommen?

Schick: Wenn heutzutage jemand etwas sucht und recherchiert, nutzt er fast immer das Internet. Dort findet man unter www.gedenk-buch.de das von der GGG initiierte Werk schon seit einiger Zeit in der deutschen Originalfassung. Viele Nachkommen von jüdischen Emigranten und Holocaust-Überlebenden können aber kein Deutsch. Ihnen möchten wir mit der englischen Übersetzung des Gedenkbuchs die Nachforschungen zu Laupheim erleichtern. Gerade die in alle Welt zerstreute Generation der Enkel und Urenkel interessiert sich sehr dafür, wo und wie ihre Vorfahren lebten. Regelmäßig kommen Kindeskinder nach Laupheim zu Besuch. Auch das hat uns bestärkt, eine englische Online-Version des Gedenkbuchs aufzulegen.

SZ: Wer hat die Übersetzung bewerkstelligt?

Schick: An eine Auftragsarbeit gegen Bezahlung war natürlich nicht zu denken. Dafür hätten wir wohl zwei bis drei Bausparverträge gebraucht. Jedoch war kein Mangel an ehrenamtlicher Unterstützung. 129 Personen haben als Übersetzer, Lektoren und Helfer mitgewirkt.

SZ: Wo haben Sie die alle gefunden?

Schick: Über Markus Ganser aus Laupheim, der in Heidelberg wohnt und als Software-Entwickler arbeitet, kamen Kontakte zu Hochschulen zustande. Dutzende junger Menschen, die an der Universität Heidelberg Übersetzungswissenschaft studieren oder am Fremdspracheninstitut der Landeshauptstadt München ausgebildet werden, haben im Rahmen von Seminararbeiten Teile des Gedenkbuchs ins Englische übertragen. Tatkräftig mitgeholfen haben ferner Nachfahren unserer ehemaligen jüdischen Mitbürger und Laupheimer, die im englischsprachigen Ausland leben. Das Lektorat übernahmen Janet Weiß, Muttersprachlerin und GGG-Mitglied, und Ben Schwalb, ein in München lebender US-Amerikaner, dessen Urgroßvater auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim beerdigt ist.

SZ: Und alle haben für Gotteslohn gearbeitet?

Schick: Ja. Kosten sind lediglich für zwei Ausflüge nach Laupheim angefallen, die wir für die Übersetzer organisiert haben. Ich kann wirklich nur von Herzen danke sagen, auch für all jene, die nicht mehr zu uns sprechen können, und für alle Menschen, die künftig die Geschichte ihrer Familie wiederfinden werden.

SZ: Eine erfolgreiche Spurensuche kann ja auch zu neuen Erkenntnissen über die ehemalige jüdische Gemeinde Laupheim führen.

Schick: Allerdings. Da haben wir in der Vergangenheit bereits wertvolle Kontakte knüpfen können, zum Beispiel zu Liliana Löwenstein in Argentinien, die über die deutsche Online-Ausgabe des Gedenkbuchs auf ihre jüdischen Vorfahren in Laupheim stieß. Ein Vorteil des elektronischen Mediums ist im Übrigen, dass wir Inhalte jederzeit aktualisieren können. So sind wir durch einen Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung auf die Familie Bronner aufmerksam geworden und stehen jetzt in Verbindung mit Mike Bronner, der von Kalifornien aus eine weltweit erfolgreiche Firma für Bioseife leitet. Wie sich herausstellte, gibt es familiäre Verbindungen zur Seifensieder-Familie Heilbronner in Laupheim. Darüber ist in der deutschen und der englischen Online-Fassung des Gedenkbuchs bereits zu lesen.

Das Gespräch führte Roland Ray.