Klinikstandort

Düstere Prognose für Klinikstandort: Laupheimer Arzt platzt bei Facebook der Kragen -Sondersitzung im Gemeinderat

Laupheim / Lesedauer: 6 min

Dr. Harald Rothe kritisiert die Sana Klinik – Sondersitzung zum Gesundheitszentrum am Freitag
Veröffentlicht:26.10.2022, 18:30
Aktualisiert:26.10.2022, 19:34

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In einem öffentlichen Facebook-Beitrag hat der Laupheimer Allgemeinmediziner Dr. Harald Rothe in deutlichen Worten das Sana Klinikum Biberach kritisiert. Grund für den Post war nach seiner Aussage eine abgelehnte Aufnahme eines Notfallpatienten in Biberach . „Die Versorgung wird immer enger“, sagt Rothe im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“.

Das Hauptproblem sei die Zentralisierung und der Wegfall der kleineren Krankenhäuser im Landkreis. Diese Situation könne sich in Laupheim weiter verschärfen. In einer außerordentlichen Sitzung des Gemeinderats geht es an diesem Freitag um die wirtschaftliche Situation des Gesundheitszentrums am Standort Laupheim – und vermutlich auch um dessen Zukunft.

Arzt kritisiert medizinische Versorgung auf Facebook

In dem Social-Media-Post beschreibt Harald Rothe einen internistischen Notfall, den er zur weiteren Behandlung in die Klinik nach Biberach verlegen lassen wollte. Als seine Mitarbeiterin die Aufnahme des Patienten telefonisch abklärte, habe eine Sana-Mitarbeiterin ihr vorgeschlagen, „es doch besser in einem anderen Krankenhaus zu versuchen, die Aufnahmekapazitäten seien angespannt“, schreibt Rothe.

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„Es kann doch nicht sein, dass bei internistischen Notfällen, die ich nach Biberach bringen lassen möchte, meiner Mitarbeiterin gesagt wird: ,Gehen Sie woanders hin!’“, ärgert sich der Allgemeinarzt. Er habe den Patienten im Anschluss „mit sofortiger Zusage“ nach Ehingen verlegen lassen.

Rothe: Post keine Kritik an der fachlichen Qualität

Was er in seinem Beitrag beschrieben habe, sei kein Einzelfall, sagt der Laupheimer Arzt. Das habe ihn dazu bewogen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Dies möchte er allerdings nicht als Kritik an der fachlichen Qualität der Biberacher Klinik verstanden wissen. „In Biberach gibt es sehr gute Ärzte und sehr gutes Pflegepersonal“, so Rothe.

Das Problem sei: „Es ist viel zu wenig Personal und das wird zunehmend überbelastet.“ Das sei nicht nur seine Beobachtung, „das höre ich auch von anderen Kollegen“.

Ärztlicher Direktor bestätigt hohe Auslastung in Biberacher Klinik

Dass Notfallpatienten aufgrund von Kapazitätsschwankungen immer wieder an ein anderes Krankenhaus weitergeleitet werden müssen, bestätigt auch Dr. Ulrich Mohl , Ärztlicher Direktor der Sana Kliniken Landkreis Biberach GmbH. „Derzeit sind die Kapazitäten im Biberacher Klinikum insgesamt sowohl mit Corona-Patienten als auch mit sonstigen Patienten, die akutmedizinische Hilfe benötigen und stationär versorgt werden müssen, stark ausgelastet.“

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Rund 90 Patienten suchten im Schnitt täglich die Notaufnahme auf, „an Spitzentagen sind es deutlich über 100“. Die Gründe seien unterschiedlich. Einer davon: Viele Patienten hätten keinen Hausarzt mehr, andere scheuten die Wartezeit auf einen Termin. „Viele Haus-/Fachärzte sind voll ausgelastet und nehmen derzeit überhaupt keine neuen Patienten mehr auf“, erklärt Mohl.

Angespannte Personalsituation

Eine angespannte Personalsituation aufgrund des bundesweiten Fachkräftemangels erschwere die Situation, erklärt der Ärztliche Direktor. Dazu käme seit Wochen ein erhöhter Kranken- und Quarantänestand der Belegschaft aufgrund von Corona. Mohl verweist aber darauf, dass das Klinikum Biberach auch regelmäßig Patienten aus anderen Landkreisen aufnehme, wenn die dortigen Kapazitäten erschöpft seien. Er betont: „Die Primärversorgung von vital bedrohten Patienten aller Fachgebiete war und ist im Biberacher Klinikum zu jeder Zeit gewährleistet.“

Zitat: „Die Primärversorgung von vital bedrohten Patienten aller Fachgebiete war und ist im Biberacher Klinikum zu jeder Zeit gewährleistet.“ Dr. Ulrich Mohl, Ärztlicher Direktor der Sana Kliniken Landkreis Biberach GmbH

Dennoch kritisiert Rothe die Klinikschließungen der vergangenen Jahre. Was Laupheim betrifft, „hat Sana seit der Privatisierung 2013 eine Hinhaltetaktik gefahren“, sagt Rothe. „Ich persönlich gehe nicht davon aus, dass in Laupheim noch irgendwas auf die Beine gestellt wird.“ Kreis und Laupheim müssten aufpassen, dass sie keine Verhältnisse wie in vielen andern ländlichen Regionen bekämen.

Mangel an Hausärzten verschärft Situation

Wie Mohl erkennt auch Rothe den zunehmenden Mangel an Hausärzten als zusätzliches Problem in der Gesundheitsversorgung. Aber: Besonders durch die Schließungen kleinerer Krankenhäuser leide die Ausbildung der Allgemeinmediziner, sagt Rothe. „In den kommenden fünf Jahren gehen etliche Laupheimer Kollegen in den Ruhestand und wir kriegen hier keine Nachfolger.

Das wollen sich viele nicht mehr antun“, sagt Rothe. Und er nennt drastische Zahlen: Im Schnitt betreue jeder Laupheimer Arzt etwa 2000 Patienten. „Wenn fünf Ärzte in den kommenden Jahren wegfallen, sind 10 000 Laupheimerinnen und Laupheimer auf der Suche nach einem neuen Hausarzt“, rechnet Rothe vor.

Seiner Ansicht nach braucht Laupheim daher künftig ein großes Ärztehaus mit zehn oder mehr Praxen sowie Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten. „Die Sana will ihre Großklinik in Biberach, mehr nicht“, glaubt der Laupheimer Arzt. Daher seine Forderung:

Im ambulanten Bereich müssen wir weg von der Sana.

Defizit höher als erwartet

Am morgigen Freitag steht das Zentrum für Älterenmedizin (ZÄLB) sowohl in einer Sitzung des Kreistags, als auch in einer öffentlichen Sitzung des Laupheimer Gemeinderats auf der Tagesordnung. Nach einem Jahr Betrieb wird dort Andreas Ruland, Regionalgeschäftsführer der Sana-Kliniken AG, zur wirtschaftlichen Situation am Gesundheitszentrum Laupheim Stellung beziehen. Allerdings lässt sich der öffentlichen Sitzungsvorlage des Kreistags vorab entnehmen, dass die wirtschaftliche Situation des Standorts weit negativer ausfällt, als vor einem Jahr kalkuliert.

„Nach den aktuellen Prognosen der Geschäftsführung wird sich das für 2022 geplante Defizit in Höhe von rund 750 000 Euro deshalb deutlich erhöhen“, heißt es in der Vorlage. Grund hierfür sei, dass die Patientennachfrage und damit die Kapazitätsauslastung hinter den Erwartungen der Geschäftsführung zurückblieben. Derzeit können in Laupheim 56 Betten belegt werden, 34 davon in der Geriatrie und 22 Betten in der Inneren Medizin.

Derweil wurde diese Woche bekannt, dass der Kardiologe und bisherige Chefarzt der internistischen Abteilung in Laupheim, Dr. Hans-Ulrich Goos, die Klinik verlassen wird, um ab Januar 2023 als Teilhaber in einer Hausarztpraxis in Hochdorf einzusteigen. Seine kardiologische Praxis in Ochsenhausen wird er nicht weiterführen, bisherige Privatpatienten aber weiter kardiologisch betreuen.

Bericht in öffentlicher Sitzung

Was diese Vorzeichen konkret für die Zukunft des ZÄLB bedeuten, lässt sich vor der Gemeinderatssitzung am Freitag nicht konkret darlegen. Die Vorzeichen scheinen allerdings alles andere als rosig. Oberbürgermeister Ingo Bergmann priorisiert die Gesundheitsversorgung als Chefsache und als „eines der wichtigsten Themen, die wir haben“. Er wolle dem Bericht Rulands am Freitag im Rat nicht vorgreifen. „Aber wenn man die Puzzlestückchen zusammensetzt, erwarte ich nicht, dass die Sana mit einem neuen Konzept kommt“, sagt Bergmann der „Schwäbischen Zeitung“.

Für den Bericht habe man bewusst eine öffentliche Sitzung des Rats gewählt. „Das ist ein Thema, das bewegt, dann wollen wir auch, dass öffentlich berichtet wird“, sagt Bergmann. Die Sana müsse sich nun äußern, aber auch der Landkreis sei am Zug. „Wir müssen wissen, woran wir sind. Dann können wir weitermachen“, fordert Bergmann. Die Stadt müsse jetzt handeln. Es habe viele Pläne gegeben, „diese sind nicht verwirklicht worden“. Doch was die Klinik anbelangt, könne die Stadt nur wenig tun, „diese Entscheidung ist vor Jahren mit der Privatisierung getroffen worden“, sagt Bergmann. „Die Nachteile sehen wir in Laupheim.“