Presseerklärung

1:0 für die Integration

Laupheim / Lesedauer: 5 min

Sportfreunde Bronnen nehmen Flüchtlinge aus Gambia in ihr Vereinsleben auf
Veröffentlicht:07.08.2015, 17:45

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Sie sei „tief beeindruckt von der Bereitschaft der Menschen in Baden-Württemberg, sich ehrenamtlich für Flüchtlinge einzusetzen“, sagte Sozialministerin Katrin Altpeter in einer Presseerklärung am Freitag. Ein Beispiel für das Engagement liefern derzeit die Sportfreunde Bronnen, die vier junge Männer aus Gambia in den Verein und die Fußballmannschaft aufgenommen hat. Ein weiterer spielt inzwischen Handball beim HRW.

Montagabend, Training beim Kreisligisten SF Bronnen. Auf dem Sportplatz spielt sich ein Dutzend Kicker auf engstem Raum mit jeweils nur einer Ballberührung das Fußball-Leder zu. Eine ganz normale Übung, und doch anders als sonst, weil gleich vier dunkelhäutige Männer aus Gambia mitmischen. Und das gar nicht schlecht. Als einer den Ball in bedrängter Situation sogar mit der Hacke an den Mitspieler bringt, geht ein „Ohoo!“ durch die Gruppe.

Afrikanischer Fußball-Zauber auf dem oberschwäbischen Dorfsportplatz: Möglich macht dies der nicht alltägliche Einsatz einiger Vereinsmitglieder. „Es hat durch einen Zufall angefangen“, erzählt Armin Speidel . Mitte März seien Abraham Trawallys, Lamin Sanyang, Mamoud Nyang, Kankang Minteh und Musa Jagne abends vor der Kneipe seines Bruders rumgehangen. „Sie waren seit gerade mal zwei Wochen in Laupheim und hatten sich nicht hereingetraut. Da haben wir sie hereingebeten und uns mit ihnen bis tief in die Nacht unterhalten“, sagt Speidel. Schnell sei klar geworden: Abraham, Lamin, Kankang und Musa spielen gerne Fußball, Mamoud lieber Handball: „Wir haben ihnen versprochen, dass wir uns um sie kümmern.“

SFB-Kicker besorgen Ausrüstung

Armin Speidel nahm Kontakt zu seinem Fußballverein, den Sportreunden Bronnen, auf – und schon kam die Sache ins Rollen. „Unsere Spieler haben zu Hause geschaut, was sie an Fußballschuhen und Trainingskleidung übrig haben, und schnell waren die Jungs mit der ersten Ausrüstung versorgt“, erzählt Abteilungsleiter Tobias Wischnat . Dazu organisierte die Mannschaft einen Fahrdienst, um die „Neuzugänge“ zum zwei- bis dreimal wöchentlichen Training vom Wohnheim am Bronner Berg in Laupheim abzuholen. „Sie sind mittlerweile unsere fleißigsten Trainingsbesucher“, sagt Wischnat. Auch Mamoud Nyang wurde dank guter Kontakte zu den Laupheimer Handballern erfolgreich integriert, kürzlich absolvierte er sein erstes Training bei der dritten Mannschaft des HRW.

„Die Jungs sind eine absolute Bereicherung für den Verein“, schwärmt Tobias Wischnat, „sie sind freundlich und auch sehr zuverlässig. Da kann sich mancher eine Scheibe abschneiden.“ Und nicht nur innerhalb der Mannschaft, auch von Vereinsmitgliedern höre man nur Positives. „Viele sagen: super, dass ihr euch um sie kümmert“, erzählt der Abteilungsleiter. Sogar einige enge Freundschaften seien schon entstanden. Nach dem Training oder Spiel säßen die gambianischen Kicker gerne noch mit den Mannschaftskameraden zusammen, aber auch bei sonstigen Aktivitäten seien sie mit Begeisterung dabei. „Sie haben beim Zeltaufbau für den Zwickel-Night-Cup mitgeholfen und beim Turnier gleich noch in einer Mannschaft mitgekickt“, berichtet Wischnat. Die Mitglieds- und Versicherungsbeiträge werden vom Verein getragen. Der 28-jährige Abraham und der fünf Jahre jüngere Kankang haben sogar schon eine gültige Spielerlaubnis, für Lamin (26) liegt der Antrag beim Verband.

Sprachunterricht organisiert

Für den Verein habe die Geschichte auch eine pragmatische Seite. „Wir haben ein paar Spieler mehr – und verbessern nebenher unser Englisch“, sagt Tobias Wischnat und grinst. Damit die Afrikaner aber auch Deutsch lernen, hat der Verein einen regelmäßigen Sprachunterricht organisiert, um den sich Marion Müller aus Laupheim und weitere Freiwillige aus dem Umfeld des Vereins kümmern. Auf dem Fußballplatz sei die Sprachbarriere kein großes Problem, sagt Felix Schöffmann vom Spielerrat: „Man kann sich auch mit Händen und Füßen verständigen.“

Die Jungs aus Gambia selbst sind begeistert davon, dass sie in Bronnen kicken dürfen. „Es macht viel Spaß“, sagt der 28-jährige Abraham. In der Heimat hätten sie auch alle gekickt, aber nicht im organisierten Wettbewerb wie in Deutschland. Die Bundesliga hätten sie regelmäßig im Fernsehen verfolgt, sie sind Fans des FC Bayern und von Borussia Dortmund. „Vor allem Kankang ist total fußballverrückt“, sagt Tobias Wischnat. Und selbstbewusst ist der Gambianer auch: „Ich schieße 15 Tore“, hat Kankang versprochen. Beim ersten Testspiel gegen Bellenberg (1:1), bei dem er und Abraham mitwirkten, hat es freilich noch nicht geklappt mit einem Treffer.

Arbeitgeber gesucht

Neben der Möglichkeit zum Fußballspielen ist für Armin Speidel, der so etwas wie der „Pate“ für die Jungs aus Gambia geworden ist, und die Sportfreunde Bronnen noch etwas anderes wichtig: Sie bemühen sich um Jobs für die jungen Männer, damit sie auch den Tag über eine Beschäftigung haben. Lamin und Kankang haben 1-Euro-Jobs beim städtischen Bauhof beziehungsweise als Hausmeistergehilfe in einer Grundschule, für beide sucht Speidel jetzt eine volle Arbeitsstelle, da sie inzwischen eine Aufenthaltsgestattung haben. „Sie sind sehr fleißig und gewillt, richtig zu arbeiten. Lamin hat in Gambia in der Berufsschule Elektrotechnik und Schreiner gelernt, Kankang ist Taxi- und Kurierfahrer“, erklärt Armin Speidel. Fündig wurde man bei der Stellensuche für Abraham, der demnächst bei einer Baufirma anfangen soll. Und die Jüngsten des Quintetts, Maoud und Musa (21), gehen in die Berufsschule in Laupheim.

Nachahmer willkommen

„Vielleicht lassen sich von unserem Engagement auch andere Vereine inspirieren“, hofft Tobias Wischnat und verweist auf die von der DFB-Stiftung Egidius Braun gegründete Initiative „1:0 für ein Willkommen“. Sie unterstützt Vereine, die sich um Flüchtlinge kümmern, finanziell. „Wir haben einen Antrag auf Förderung gestellt“, sagt Wischnat.

Doch das Geld ist nicht der Antrieb für den Einsatz des Sportfreunde Bronnen, betont der Abteilungsleiter, zumal man von der DFB-Initiative erst später erfahren habe. Vielmehr gehe es darum, die eigenen Möglichkeiten zu nutzen, um Flüchtlingen den Alltag in der Fremde zu erleichtern. Und das scheint zu gelingen. Anfangs hätten sie sich schon ein wenig gelangweilt in Laupheim, sagt Abraham, „aber jetzt ist es schon viel besser“.