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Arbeitgeber ist sauer

„Wie ein Stück Vieh“: Gambier wird direkt vom Arbeitsplatz abgeschoben

Kanzach / Lesedauer: 4 min

Musa Njie wurde von seinen Chefs seit Jahren als wertvoller Mitarbeiter geschätzt. Warum er nun in Handschellen abgeschoben wurde, ohne auch nur einen Koffer packen zu dürfen.
Veröffentlicht:06.08.2023, 17:00

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Sechs Jahre lang hatte der Gambier Musa Njie zur vollen Zufriedenheit seines Arbeitgebers in Kanzach gearbeitet und galt als gelungenes Beispiel für Integration.

Jetzt ist er nach Aufhebung seiner Duldung trotz unbefristetem Arbeitsvertrag abgeholt und abgeschoben worden — direkt vom Arbeitsplatz weg.

Polizei rückt mit sieben Einsatzwagen an

Freitagmorgens 9 Uhr im Kanzacher Sägewerk Reichert: Pünktlich zur Frühstückspause fuhren sieben Einsatzwagen der Polizei vor und baten den neuen Eigentümer Maximilian Martin um Übergabe seines gambischen Mitarbeiters Musa Njie zum Zwecke der Abschiebung.

Der Österreicher zeigte sich überrascht von Anzahl und Vehemenz der deutschen Polizei und konnte den Verwaltungsakt nicht verhindern. So wurde der langjährige Mitarbeiter in Handschellen mitgenommen und saß bereits um 17 Uhr im Flugzeug nach Gambia.

Geschätzter und zuverlässiger Mitarbeiter

Empört und enttäuscht zeigte sich im Nachgang auch Senior–Chef Erich Reichert, ehrenamtlicher 1. Bürgermeisterstellvertreter in Kanzach, über das Vorgehen der Behörden. Sie seien in der Annahme gewesen, so Reichert, dass eine Aufenthaltsgenehmigung nur eine Frage der Zeit sei.

Schließlich sei Musa Njie bereits seit 2017 ein geschätzter und zuverlässiger Mitarbeiter, er habe in Buchau eine eigene Wohnung und sein persönliches Konto bei einer örtlichen Bank.

Auch die Deutsch–Kenntnisse seien kontinuierlich gewachsen und er sei nie negativ aufgefallen. Reichert versuchte am Freitag vergeblich den Asylanwalt von Musa Njie zu erreichen, ebenso konnten die telefonisch informierten Abgeordneten Thomas Dörflinger und Josef Rief den Gang der Dinge nicht aufhalten.

Ohne Koffer und ohne Geld

„Wie ein Stück Vieh“, echauffiert sich auch sein Bruder Jörg Reichert, sei Musa Njie abgeschoben worden. Besonders unbegreiflich sei, dass er keine Chance erhalten habe, in seiner Wohnung einen Koffer zu packen oder noch auf sein Konto zuzugreifen. Beides liege nun brach und ohne Kümmerer da.

Maximilian Martin, der im Januar den Betrieb übernommen hat, beklagt sich mit deutlichem Vorwurf auch gegenüber der Politik, dass man zwar den Fachkräftemangel beklage, ihm aber nun ein wertvoller Mitarbeiter fehle, der aufgrund seiner Fertigkeiten so schnell auch nicht ersetzt werden könne. Martin hofft, dass Musa, wie er überall genannt wird, bald ein Visum erhalte und wolle ihm den Arbeitsplatz so lange freihalten.

Versäumnis führt zu Vorstrafe

Laut der Recherche der SZ sieht die Angelegenheit aber alles andere als gut aus: Seit kurzem gibt es zwar das Chancen–Aufenthaltsrecht, das geduldete Personen nach fünf Jahren in Deutschland erhalten können — Voraussetzung ist aber unter anderem die Straffreiheit.

Und hier liegt laut dem Biberacher Anwalt des Gambiers das Problem: Musa Njie sei anno 2021 wegen nicht rechtzeitiger Vorlage/Beantragung eines gambischen Passes zu einer Strafe verurteilt worden, die in der Folge ein Aufenthaltsrecht verunmöglicht habe. Zwar sei er sonst absolut straffrei, aber dieses Versäumnis führte zu einer aktenkundigen Vorstrafe und sei nicht heilbar.

Kein Grund für Aufenthaltsgenehmigung

Nach Auskunft der Pressestelle des für Abschiebung zuständigen Regierungspräsidiums (RP) Karlsruhe reicht aufgrund der Vorstrafe eine selbst langjährige Beschäftigung nicht als Grund für eine Aufenthaltsgenehmigung aus.

Aufgrund begrenzter Flugkapazitäten sei die Abschiebung erst zwei Jahre nach der Verurteilung vollzogen worden. Im Punkt Wohnung widerspricht das RP den Darstellungen des Arbeitgebers: Es sei sehr wohl üblich, dass Abzuschiebende sich umziehen und einen Koffer packen dürften.

In der schriftlichen Stellungnahme heißt es weiter, dass nach einer Abschiebung ein generelles Einreiseverbot über 30 Monate besteht. Erst im Anschluss kann der Betroffene wieder über ein Visum nach Deutschland zurückkehren.

Wohnung und Konto seien privatrechtliche Angelegenheiten, für die das RP nicht zuständig sei. So argumentiert auch das Landratsamt, das quasi nur „ausführendes Organ“ für die übergeordneten Behörden sei und über keine eigene Entscheidungs– oder Unterstützungsbefugnis verfüge.

Die Wohnung müssen Bekannte auflösen

Insgesamt bleibt dem Abgeschobenen nur die Möglichkeit, über Freunde oder Bekannte seine Wohnung aufzulösen. Das Konto, das bei Flüchtlingen als „Basiskonto“ (Girokonto auf Guthabenbasis) geführt wird, könne laut Mitteilung des Kreditinstitutes auch aus Gambia, wo Musa Njie aktuell bei seinem Bruder untergekommen ist, aufgelöst werden.

Dann erhalte er sein Erspartes nach Afrika überwiesen. Auch sein Rentenguthaben könne er nach Gambia ausbezahlt bekommen, so ergänzend die Informationsstelle Migration aus Berlin.

Und so schließt sich die Flüchtlingsgeschichte von Musa Njie, der 2016 voller Hoffnung nach Deutschland kam, sechs Jahre anstandslos im Land arbeitete und wegen eines fehlendes Passes die Chance auf Leben und Arbeit in Deutschland verlor.