StartseiteRegionalRegion BiberachGebürtiger Biberacher prüft den Stresstest selbst

Bahnprojekt

Gebürtiger Biberacher prüft den Stresstest selbst

München / Lesedauer: 3 min

Gebürtiger Biberacher prüft den Stresstest selbst
Veröffentlicht:16.02.2012, 19:45

Von:
Artikel teilen:

Dass er einmal zu einem Kritiker des Bahnprojekts Stuttgart 21 werden würde, hätte sich Dr. Christoph Engelhardt anfangs nicht träumen lassen. „Als ich hörte, dass der Bahnhof unter die Erde soll, fand ich das eigentlich eine ganz gute Idee“, sagt der 46-jährige gebürtige Biberacher. Zweifel kamen ihm erst, als er sich näher mit dem Thema befasste. Engelhardt gehört allerdings nicht zu den Parkschützern, die mit Protesten das Fällen von alten Bäumen verhindern wollen, seine Kritik an S 21 ist eine, die auf Berechnungen beruht, die der promovierte Physiker selbst angestellt hat, und die ihn mittlerweile zu einem gefragten Experten des Aktionsbündnisses gegen S 21 haben werden lassen. Engelhardts These lautet: Der unterirdische Durchgangsbahnhof ist nicht so leistungsfähig wie die Planer beim Stresstest behaupteten. Unrealistische Annahmen im Stresstest hätten zu einer überhöhten Leistung des Durchgangsbahnhofs geführt. „Deren Korrektur führt in der Spitzenstunde statt der geforderten 49 Züge zu einer Leistungsfähigkeit von nur noch 32 bis 38 Zügen“, sagt Engelhardt.

Der Forscherdrang liegt ihm im Blut. Bereits als Pestalozzi-Gymnasiast belegte er beim Bundeswettbewerb „Jugend forscht“ einen dritten Platz. Nach dem Abitur studierte Engelhardt Physik und promovierte. Für Siemens in München war er im technischen Marketing, bei der Geschäftsplanung und für die Konzernstrategie mitverantwortlich. Über ein Fernstudium machte Engelhardt seinen Abschluss in BWL. Von 2003 an arbeitete der dreifache Familienvater als freier Programmierer.

Bis ihm S 21 in die Quere kam. „Als klar war, dass es die Volksabstimmung geben wird, hatte ich zunächst geplant, ein Buch über diesen Meilenstein in der Demokratie zu schreiben und habe mich deshalb intensiver mit dem Thema beschäftigt“, sagt Engelhardt. So wie er es in seiner Zeit als Analyst bei Siemens gelernt hatte, ging er die Sache an: „Dabei sind mir viele widersprüchliche Dinge und Argumentationstricks aufgefallen, wenn es um die Leistungsfähigkeit des Durchgangsbahnhofs ging“, sagt er. 32 bis 38 Züge – mehr könne auf den acht Gleisen des Durchgangsbahnhofs pro Stunde nicht gefahren werden. „Das ist ein stinknormaler Durchgangsbahnhof, der weniger als der heutige Kopfbahnhof leistet“, sagt Engelhardt.

Seine Ergebnisse hatte er zehn Tage vor der Volksabstimmung am 27. November 2011 publik gemacht. „Wir sind damit aber nicht durchgedrungen“, sagt Engelhardt. Die Bahn warf ihm und seinen Unterstützern vor, ein „billiges Wahlkampfmanöver“ zu betreiben. Mittlerweile hat Engelhardt seine Erkenntnisse auf der Internetplattform Wikireal ins Netz gestellt. Die hat er selbst gegründet. Durch seine anfängliche Idee, ein Buch über die Volksabstimmung zu schreiben, sei er mittlerweile zum „Bahnwissenschaftler“ geworden, sagt Engelhardt, der dadurch auch zu einem Experten des Aktionsbündnisses gegen S 21 unter anderem bei der Präsentation der Stresstest-Ergebnisse geworden ist. Was ihm eine gewisse Popularität eingebacht hat, da er oft in den Medien zitiert wird.

Das Buch ist nicht vergessen

Weil er die Arbeit zu S 21 mit solchem Eifer verfolgt, blieb keine Zeit mehr für andere Aufträge. „Es war ja eigentlich nicht geplant, dass sich das so lange hinzieht“, sagt Engelhardt, der deswegen auch seine Ersparnisse angegriffen hat. Er werde sein Buch nun inhaltlich erweitern, um den Schlichtungsprozess sowie den Stresstest und seine Folgen.

„Wenn man so überzeugt ist, dass der Bahnhof nicht funktionieren kann, tut’s einem natürlich weh, wenn man sieht, wie die Volksabstimmung ausgegangen ist“, sagt Engelhardt. Er sei überzeugt, dass am Ende nur eine Bauruine bleibe, weil das Projekt an den Kosten und der Geologie scheitere. „Unsere Gesellschaft lernt offenbar nur dann, wenn sie einen hohen Preis bezahlen muss“, ist sein Fazit.