Teilhabe

Ein Kämpfer für Teilhabe und Gleichstellung

Ertingen / Lesedauer: 3 min

Behindertenrechtler Ottmar Miles-Paul aus Ertingen erhält das Bundesverdienstkreuz
Veröffentlicht:06.10.2022, 12:01
Aktualisiert:06.10.2022, 12:02

Von:
Artikel teilen:

Seit Jahrzehnten setzt sich Ottmar Miles-Paul für Selbstbestimmung und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen sowie für eine barrierefreie Umweltgestaltung ein. Für sein außergewöhnliches Engagment ist der gebürtige Ertinger jetzt mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.

Er hat maßgeblich zur Entwicklung eines großen Netzwerkes von gemeindenahen Beratungszentren beigetragen, die heute von Menschen mit Behinderungen für Menschen mit Behinderungen betrieben werden“, heißt es in der Laudatio. „Er versteht Information als Schlüssel zur Teilhabe und betreibt aktiv Öffentlichkeitsarbeit, als Buchautor, als ehrenamtlich arbeitender Publizist und als Initiator und Vorstand des Online-Informationsportals „kobinet-nachrichten“. Über das ,Netzwerk Artikel 3’, einem bundesweit arbeitenden Netzwerk von Gleichstellungsinitiativen, hilft er Menschen mit Behinderungen, ihre Rechte einzufordern und durchzusetzen.“

Der 56-Jährige ist selbst seh- und hörbehindert. Trotz des Handicaps besuchte er die Schule in Ertingen. Die mittlere Reife legte er an der Nikolauspflege in Stuttgart ab. Das Abitur absolvierte er in Marburg. Es folgte ein Diplomstudium zum Sozialarbeiter in Kassel . Während eines 15-monatigen Aufenthalts Ende der 1980er-Jahre in Berkeley, San Francisco, erlebte er den Kampf der dortigen Behindertenbewegung für rechtliche Gleichstellung und wurde mit dem Geist von Bürger- und Menschenrechten infiziert. Von 1993 bis 1999 baute er als Geschäftsführer die „Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e. V.“ auf. Der Verein macht sich sich für das Recht auf gesellschaftliche Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben von Menschen mit Behinderungen stark. Wesentlichen Anteil hatte Miles-Paul an den alljährlichen Protesttage für die Gleichstellung Behinderter am 5. Mai seit 1992, an der Grundgesetzergänzung 1994, an der Namensänderung der Aktion Sorgenkind zu Aktion Mensch 2000, am Behindertengleichstellungsgesetz 2002 und am Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz 2006. Miles-Paul war ebenfalls wesentlich an der Gründung des Deutschen Behindertenrats 1999 beteiligt. Ihm sind auch die inzwischen 20-jährigen kobinet-Nachrichten als behindertenpolitisches Nachrichtenportal zu verdanken.

In der Laudatio wird auch hervorgehoben, dass Ottmar Miles-Paul von 2001 bis 2008 das Thema Barrierefreiheit im Straßenverkehr als Stadtverordneter in Kassel aufgegriffen habe. Auf sein Engagement als Landesbeauftragter für die Belange behinderter Menschen in Rheinland-Pfalz von Januar 2008 bis Dezember 2012 sei es zurückzuführen, dass die rheinland-pfälzische Landesregierung als erstes Bundesland einen Aktionsplan zur Umsetzung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen entwickelte. Seit 2014 arbeitet er für behindertenpolitische Projekte und Kampagnen.

Die Auszeichnung konnte der Preisträger bei der Verleihungsfeier mit Hubertus Heil in Berlin selbst nicht entgegennehmen. Er war zur Hochzeit seines Sohnes in die USA gereist. Die Ehrung bestärke ihn in seinem politischen Engagement, äußerte er sich der Bundesverdienstkreuzträger: „In der Behindertenbewegung müssen wir zusammenhalten, wenn wir etwas erreichen wollen. Das ist unsere Stärke und das hat sich immer wieder gezeigt.“ Der Behindertenrechtler dankte allen, die seinen Weg gekreuzt haben und mit denen er zusammen etwas bewegen durfte.

„Diese Auszeichnung gebührt auch euch“, sagte er dem Berliner kobinet-Korrespondenten. „Vor allem müssen wir Druck machen, dass das Bundesteilhabegesetz umgesetzt und wo es noch nicht im Sinne der Selbstbestimmung behinderter Menschen greift, schnell weiterentwickelt wird.“