Zwangsumsiedlung

„Wir sind eine Nation ohne Heimat“

Dürmentingen / Lesedauer: 4 min

„Damals, als ...“ die Wolgadeutschen umgesiedelt wurden – Anna Böhm aus Dürmentingen erzählt
Veröffentlicht:27.08.2014, 18:13
Aktualisiert:24.10.2019, 11:00

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Der 28. August ist für die Russland-Deutschen ein Tag der Erinnerung und der Trauer. An diesem Tag erging 1941 der Befehl zur Zwangsumsiedlung der Wolgadeutschen nach Sibirien . Obwohl Anna Böhm zu der Zeit noch nicht einmal geboren war, ist dieser Tag auch für sie von Bedeutung. Dieser Tag steht für die Geschichte der Russlanddeutschen. Auch für die ihrige und die ihrer Kinder. „Wir sind eine Nation ohne Heimat“, sagt sie.

Anna Böhm kam 1999 als Spätaussiedlerin nach Deutschland. Heute lebt und arbeitet sie in Dürmentingen. Aber Heimat ist für Anna Böhm eigentlich woanders. Geboren wurde sie 1952 in Sibirien. Sie wohnte mit ihren Eltern und Geschwistern in der Stadt Woltschicha in der Altajregion. Zuhause wurde deutsch gesprochen. Bis dahin war es für sie eine eher normale Kindheit.

Das änderte sich schlagartig, als sie in die Schule kam. Es war wie ein Schock für sie – die Lehrerin sprach nur russisch. Die kleine Anna verstand kein Wort. „Da fühlt man sich fremd“, sagt sie heute. Und, dass die russischen Kinder sie als „Faschist“ bezeichneten, verstand sie nicht. Sie verstand nicht, was das hieß. Die Tränen, die sie am ersten Schultag vergoss, waren nicht die einzigen. Sie wollte nicht mehr in eine Schule gehen, in der sie kein Wort verstand und wo sie von anderen Kindern beschimpft wurde. Auch zuhause wurde ihr nicht erklärt, was ein Faschist sei. Das Thema war tabu. Im Gegenteil. Eines Abends kam ihr Vater vom Elternabend nach Hause und verkündete, dass ab dem nächsten Tag in der Familie nur noch russisch gesprochen werden dürfe. Antworten auf ihre Fragen um das Warum bekam Anna nicht. An die Tränen ihrer Oma denkt sie noch heute. „Wir sind doch Deutsche und sollen nun russisch sprechen“, sagte die Oma damals und Anna Böhm erinnert sich an ein altes Sprichwort: „Wenn ein Kalb im Schweinestall geboren wird, wird es trotzdem kein Schwein.“

Anna lernte russisch. Die kleine Schülerin war ehrgeizig und bekam dennoch keine guten Noten in der Schule. Sie fragte nach, wollte sich nicht damit zufrieden geben, dass sie einfach ruhig sein sollte. Tränen und Verzweiflung waren oft Wegbegleiter der jungen Anna. Erst in den 60er Jahren – Anna war 13 Jahre alt – erklärte ihr ein Onkel die Geschichte der Russlanddeutschen. Dass ihre Eltern beide als Kinder nach Sibirien verschleppt worden waren. Ihr Opa vom KGB abgeholt worden, die Familie hat nie mehr ein Lebenszeichen von ihm bekommen. Bis heute weiß sie nicht, was mit ihm geschehen ist.

Im Jahr 1999 kam Anna Böhm als Spätaussiedlerin nach Deutschland. Mit ihr kamen ihre beiden Söhne und deren Familien. Mit ihrem viereinhalbjährigen Enkel war sie damals auf dem Spielplatz. Er musste bitterlich weinen, weil er die Sprache der anderen Kinder nicht verstand. Nun ging es ihm in Deutschland so wie es Anna Böhm damals in Russland gegangen war. Heute ist ihr Enkel in Deutschland fest verwurzelt. Er hat Abitur gemacht und wird studieren.

Anna Böhm kann mit den Asylbewerbern, die nun in der Region ankommen, mitfühlen. Für sie müsste Integration aus mehr als einem Dach über dem Kopf und Sprachkursen bestehen. Das sei wichtig. Aber eben nicht ausreichend. Sie wünscht sich eine Begegnungsstätte für alle Nationen im Landkreis. Die müsse nicht zwangsläufig in Biberach sein.

In solch einem Zentrum könnten die Menschen ihre Traditionen pflegen und mit anderen teilen. Alte und junge Menschen können sich begegnen. Gesang, Theater und Kunst wären Brücken zueinander. Sie selbst hat so ein Projekt vor Jahren im Biberacher Landratsamt vorgestellt. Sie wurde angehört, geschehen sei aber nichts. Dabei würde sie sich sehr gerne engagieren, hat selbst solch ein Kulturzentrum in Russland geleitet.

„Wir sind eine Nation ohne Heimat“, sagt sie. Und alle Jahre am 28. August wird ihr das besonders bewusst. Weil ihnen damals die Heimat an der Wolga weggenommen wurde. Als Mutter sei sie glücklich, dass ihre Kinder in Deutschland ihren Weg gefunden haben. Als Mensch fühle sie sich aber immer noch fremd.