Biberach

Wie hält es Wieland mit der Religion?

Biberach / Lesedauer: 2 min

Regisseurin Cornelia Sikora stellte verschiedene Texte des Biberacher Dichters vor, um diese Frage zu klären
Veröffentlicht:31.03.2014, 17:35
Aktualisiert:24.10.2019, 15:00

Von:
Artikel teilen:

Cornelia Sikora hat vergangenen Sonntag bei der Wieland-Lesung ein faszinierendes fiktives Gespräch zwischen dem 1733 bei Biberach geborenen Dichter und einem Pfarrer zusammengestellt. Die Regisseurin nutzte dazu verschiedene Texte von Christoph Martin Wieland und baute daraus in der „Abteilung Weberei“ des Museums Biberach einen intellektuellen Leckerbissen der Sonderklasse.

Pfarrer Roland Groner gab eine Einführung in den Text, erzählte, daß der junge Wieland bei seinem Vater, einem evangelischen Geistlichen, eine sehr strenge Erziehung auch und besonders in religiösen Dingen gehabt habe. Betrachtungen zur Fastenzeit etwa waren ihm geradezu verhasst. Das äußert sich deutlich in seiner „Unterredung mit einem Pfarrer“ von 1775 als auch in seinem Text von 1788 „Über den freien Gebrauch der Vernunft“, die als Basis für die aktuelle Lesung dienten. Früh kam Wieland in einen Zwiespalt zwischen der pietistischen Frömmigkeit des Elternhauses und dem aufgeklärten Denken in seiner Studienzeit.

Gregorianischer Gesang eröffnete den Disput zwischen dem Dichter (Volker Angenbauer) und dem Pfarrer (Dieter Maucher). Wieland eröffnete knallhart mit der Frage nach den Lastern, denen der Mensch immer wieder nachgebe und zielte besonders auf den wenig tugendhaften Charakter der Geistlichkeit. Zur Frage der Sittlichkeit fragte der Pfarrer spitz, ob der Dichter seiner Tochter seine „Idris“ zu lesen gäbe. Der gab zu, er würde es nicht , das gelte aber auch für bestimmte Bücher der Bibel. Das Gespräch erhielt dann mehr und mehr philosophischen Charakter. Sie fragten nach dem Wesen der Vollkommenheit, leiteten den Vernunftbegriff scharfsinnig ab, stellten fest, dass Wahrheit und Irrtum stärksten Einfluss auf das menschliche Denken haben.

Und immer wieder scharfe Analysen der Kirche, ihrer Bräuche, ihrer Mißbräuche. Wieland plädiert für verheiratete Pfarrer auch in der katholischen Kirche – wie modern. Er schlägt in unbändiger dichterischer Phantasie vor, Pius VI, der damalige Papst, möge mit einer eigenen pompösen Eheschließung im Vatikan mit gutem Beispiel vorangehen. In jeder Sequenz zeigt der Dichter seine lustvolle Freude am Disput, an seiner grandiosen Sprachbeherrschung. Der Disput ist hochgradige Literatur. Die geschliffenen Statements beider Seiten gehen oft über den Anspruch hinweg, auf Argumente auch zu antworten.

Man kann als Zuhörer gar nicht genug von diesen sprachlichen Edelsteinen bekommen; das Ganze war ein intellektuelles Vergnügen der Spitzenklasse.