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Fantasy

Von Elfen bis zur Hündin unterm Tisch: Ein Verein für „Geeks und Freaks“

Biberach / Lesedauer: 5 min

Die Mitgliederzahlen des Rollenspielvereins explodieren. Was der Verein macht - und warum das nichts mit 50 Shades of Grey zu tun hat.
Veröffentlicht:28.11.2023, 09:00

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Johannes Weber sitzt am Kopf eines alten Konferenztisches, der früher einmal einer Anwaltskanzlei gehörte. Jetzt steht er in einem Raum, in dem sich die Brettspiele in den Regalen stapeln.

Aus einem Bluetooth-Lautsprecher erklingt der Soundtrack eines Computerspiels und Johannes Weber blickt in die Runde seiner Freunde. „Ihr dürft alle mal auf Weisheit würfeln“, fordert er sie auf, bevor prompt das Klappern rollender Würfel ertönt.

Rollenspielverein wird immer beliebter

Der Tisch steht im Vereinsheim von Biberachs Rollenspielverein Palaver. Weber und seine Mitspieler spielen 13th Age, ein Pen and Paper (auf deutsch: Stift und Papier) Rollenspiel. Ein paar Bücher mit den Regeln dafür liegen auf dem Tisch zwischen Popcorn, Grissini und Chips.

Snacks, Würfel, Stift und Papier: Damit schaffen die Freunde vom Rollenspielverein eine gemeinsame Geschichte.
Snacks, Würfel, Stift und Papier: Damit schaffen die Freunde vom Rollenspielverein eine gemeinsame Geschichte. (Foto: Maike Daub)

Jeder übernimmt die Rolle eines Charakters und mithilfe von ein paar Würfeln, wollen sie gemeinsam eine Geschichte erzählen, von Drachen, Untoten und eventuell ein paar Heldentaten.

Der Verein Palaver besteht seit über 20 Jahren. In diesem Jahr hat er zum ersten Mal in seiner Geschichte die Zahl von mehr als 100 Mitgliedern überschritten. In den vergangenen zwei Jahren sind die Mitgliederzahlen explodiert. Daran hat Johannes Weber, der unter anderem für die Neumitglieder zuständig ist, mit einem Team hart gearbeitet.

Verein hat aktiv um neue Mitglieder geworben

Mehr als 30 Neumitglieder in einem Jahr, davon können viele andere Vereine derzeit nur träumen. Auch bei Palaver hatte die Corona-Pandemie für eine Krise gesorgt. Um nicht zu verschwinden hat der Verein danach an seiner Platzierung bei Google gearbeitet, die sozialen Medien stärker bespielt, Aktionen organisiert, aktiv um Neumitglieder geworben und sich dann weiter um sie gekümmert. „Und dann waren wir von unserem Erfolg selbst überrascht“, sagt Weber.

Rollenspiel hat nichts mit Theater zu tun, sondern die Spieler sitzen mit einem Charakterbogen um einen Tisch und erzählen.
Rollenspiel hat nichts mit Theater zu tun, sondern die Spieler sitzen mit einem Charakterbogen um einen Tisch und erzählen. (Foto: Maike Daub)

Verein bietet Rollenspiel, Brettspiel und mehr

Neben den Rollenspielen am Tisch bietet der Verein auch sogenannte Live Action Rollenspiele, Sammelkartenspiele und Brettspiele an. Ein Mal im Jahr veranstalten sie für Rollenspieler eine Zelt-Convention in Winterreute und organisieren mit dem Jugendwerk „Biberach spielt“ für die Brettspieler.

Im Regal hinter dem Konferenztisch stapeln sich die Brettspiele des Vereins.
Im Regal hinter dem Konferenztisch stapeln sich die Brettspiele des Vereins. (Foto: Maike Daub)

Das Rollenspiel sei aber die wichtigste Sparte - und die, für die es am meisten Zulauf gibt. Viele hätten während der Pandemie online mit dem Hobby angefangen und wollten es jetzt auch offline weiterführen.

Wir fangen hier normalerweise so um Viertel vor Neun an und spielen bis nachts um zwei.

Johannes Weber

Ein Zuhause für die, die sonst nirgendwo dazugehören

Johannes Weber ist hingegen schon fast seit Beginn des Vereins dabei und kann es sich nicht mehr anders vorstellen. „Mir würde in meinem Leben was Riesengroßes fehlen, wenn es den Verein nicht gäbe.“ Der Verein sei generationsübergreifend, die Mitglieder zwischen 11 und 59 Jahren alt.

Lukas hat für seinen Charakter in der Geschichte - einen Elfen, der immer mehr zum Drachen wird - sogar ein Bild in Auftrag gegeben.
Lukas hat für seinen Charakter in der Geschichte - einen Elfen, der immer mehr zum Drachen wird - sogar ein Bild in Auftrag gegeben. (Foto: Maike Daub)

„Wir sind für viele Leute in Biberach, die sonst nirgendwo Anschluss gefunden haben, ein Zuhause“, sagt Weber. „Die Nerds, die Freaks, die Geeks: die haben sich immer bei uns wohlgefühlt und sind auch geblieben.“

Eigene Räume für den Verein ein Luxus

Ihr Vereinsheim bei der Freiburger Straße ist für so viele Mitglieder eigentlich zu klein, doch die Raumsuche sei für Vereine schwierig. Weber habe viel Kontakt zu anderen Rollenspielvereinen in Süddeutschland - und die seien oft auch auf diese kleinen Räumlichkeiten neidisch.

Eine große Sammlung an Würfeln – auch mit mehr als sechs Seiten, gehören zum Spieleabend dazu.
Eine große Sammlung an Würfeln – auch mit mehr als sechs Seiten, gehören zum Spieleabend dazu. (Foto: Maike Daub)

Denn eigenen Räume bieten den Luxus zu jeder Zeit Spielrunden anbieten zu können - und die nicht abkürzen zu müssen. Denn eine Runde geht oft viele Stunden. „Wir fangen hier normalerweise so um Viertel vor Neun an und spielen bis nachts um zwei“, verrät Weber.

Was Barabein und ein magischer Wald gemeinsam haben

Die Geschichte, die er an diesem Abend mit seinen Freunden erzählt, erzählen sie bereits seit 2018 gemeinsam. Das große Ziel: Verhindern, dass der untote König seine Macht zurückerlangt. An diesem Abend geht es erst einmal darum einen Tempel zu finden, der sich jedem, der danach sucht, anders zeigt und an keinen festen Ort gebunden ist.

Mit ihrer Suche wollen sie auf jeden Fall nicht im Wald beginnen, denn viele von ihnen haben einen elfischen Hintergrund - das heißt: „Viele von uns haben ihr Leben lang im Wald gelebt“, meint der eine. Und da noch mehr Zeit im Wald verbringen? „Das ist wie wenn man Urlaub in Barabein bucht - das macht man auch nicht“, antwortet der nächste.

Hündin Rosa freut sich besonders über Popcorn, das vom Tisch fällt und Streicheleinheiten von den Mitspielern.
Hündin Rosa freut sich besonders über Popcorn, das vom Tisch fällt und Streicheleinheiten von den Mitspielern. (Foto: Maike Daub)

Das bringt alle um den früheren Konferenztisch zum Lachen. Denn auch wenn sie mithilfe von Würfeln, Stift, Papier und ihrer Vorstellungskraft eine Geschichte aus einer magischen Welt erzählen: In der Realität sitzen sie in einem kleinen Raum in Biberach, mit Snacks, einer nach Popcorn bettelnden Hündin unter dem Tisch und guten Freunden.