Partnerstadt

Die ersten Geflüchteten sind im Landkreis Biberach angekommen

Biberach / Lesedauer: 5 min

Schnell müssen Unterkünfte gefunden werden, denn noch kommen die Menschen privat unter. Was die Suche dabei herausfordernd gestaltet und womit Biberacher jetzt wirklich helfen können.
Veröffentlicht:03.03.2022, 18:00
Aktualisiert:07.03.2022, 09:03

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Der Landkreis Biberach stellt sich auf die Ankunft flüchtender Menschen aus der Ukraine ein. Gleichzeitig bereitet die Stadt Biberach Hilfslieferungen vor, die von der polnischen Partnerstadt Schweidnitz aus in die Ukraine gebracht werden sollen.

Durch den seit rund einer Woche andauernden Krieg in der Ukraine befinden sich viele Menschen auf der Flucht in die EU. Die Rede ist bislang von rund 600 000 Vertriebenen. Um im Landkreis Biberach vorbereitet zu sein, hat Landrat Heiko Schmid eine Arbeitsgruppe Ukraine eingerichtet, in der sich das Landratsamt und weitere Institutionen der freien Wohlfahrtspflege im Landkreis darauf vorbereiten. Am Freitagvormittag findet außerdem eine Videokonferenz mit den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern statt, zu der der Landrat eingeladen hat.

Erste Geflüchtete bereits im Landkreis

„Viele Menschen bangen um ihr Leben und sind auf der Flucht. Gleichzeitig ist es überwältigend, wie viele Unterstützungsangebote von Menschen uns erreichen, die einfach helfen wollen. Als Landkreis werden wir darauf vorbereitet sein. Die Arbeiten dazu laufen auf Hochtouren und wir verspüren einmal mehr einen unglaublichen Zusammenhalt zwischen dem Landkreis, den Menschen, die hier leben, den Städten und Gemeinden, den Hilfsorganisationen und den Verbänden der Wohlfahrtspflege“, so Schmid.

Die ersten Geflüchteten aus der Ukraine seien auch schon im Landkreis angekommen. „Sie sind im privaten Umfeld untergekommen und werden von Privatpersonen versorgt.“ Höchste Priorität habe im Moment die Schaffung von Unterkünften im Landkreis, um eine große Zahl an Vertriebenen aufnehmen zu können. Das Landratsamt arbeite mit Hochdruck daran, und schaue sich nach größeren Liegenschaften um, sagt der Landrat.

In den sozialen Netzwerken wird aktuell zudem diskutiert, ob das alte Krankenhaus in Biberach für eine Unterbringung wieder aktiviert werden kann. Dies ist laut Landratsamt nahezu unmöglich und sei zurzeit auch nicht notwendig. Die Versorgungsnetze der Gebäude auf dem Klinikareal seien mit Ausnahme der Rettungswache des DRK abgetrennt und teilweise abgebaut. Ein „Hochfahren“ ohne umfangreiche Sanierungsmaßnahmen sei nicht mehr möglich, teilt das Landratsamt mit. Die Trafostation ist abgebaut, Wasserleitungen sind in großem Umfang beschädigt und undicht.

Brandschutztechnische Einrichtungen wie Brandschutzdecken und auch Brandmelder sind nicht mehr vorhanden. Eine Ertüchtigung wäre nur in einem absoluten Ausnahme- und Katastrophenfall sinnvoll. Es gibt laut Landratsamt im Moment noch weitaus bessere Alternativen. Dazu zählt das ehemalige Riedlinger Krankenhaus, das in Teilen mit Arztpraxen, dem Pflegeheim St. Elisabeth und Schülerwohnungen belegt ist und in dem die Versorgungsnetze noch intakt sind. Ein Stockwerk zur Belegung mit Flüchtenden aus der Ukraine sei in der Planung, sagt der Pressesprecher des Landratsamts auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“.

Landkreis rät von Sachspenden ab

Sofern die im Land eintreffenden Vertriebenen nicht bei Privatleuten wohnen können, sollen sie zunächst in den Landeserstaufnahmeeinrichtungen aufgenommen werden und von dort eine Weiterverteilung und Aufnahme in die vorläufige Unterbringung der Kreise erfolgen.

Den Landkreis erreichen derzeit auch zahlreiche Hilfsangebote von Initiativen und Privatpersonen. In Absprache mit den Wohlfahrtsverbänden und Hilfsorganisationen raten die Mitglieder der Arbeitsgruppe Ukraine zur Zurückhaltung. Nach Informationen der großen Hilfsorganisationen wird von Sachspenden abgeraten, es sei denn, es gibt ganz konkrete Kontakte und Wege in die Ukraine oder die Grenzgebiete. Sachspenden zur Ausstattung für Wohnungen im Landkreis sind derzeit auch noch nicht notwendig.

Biberach kooperiert bei Hilfstransport mit polnischer Partnerstadt

Einen Weg, Hilfsgüter in die Ukraine zu bringen, hat derweil die Stadt Biberach gefunden – über ihre polnische Partnerstadt Schweidnitz. In enger Abstimmung mit wurde eine Hilfsachse initiiert, über die dringend benötigte Güter direkt dort landen, wo sie gebraucht werden. Bereits am Samstag soll die erste Lieferung auf den Weg gebracht werden. Unterstützung ist derzeit vor allem in Form von Geldspenden gefragt. In einem nächsten Schritt ist auch die Annahme von ausgewählten Sachspenden geplant.

Neben Zeichen der Solidarität mit dem ukrainischen Volk sei es geboten, nach Kräften unbürokratische praktische Hilfe zu leisten, sagt der Biberacher Oberbürgermeister Norbert Zeidler : „Mir war dabei wichtig, dass unsere Unterstützung sich am Bedarf der Menschen vor Ort orientiert.“ Aus diesem Grund nahm Zeidler Kontakt zur polnischen Partnerstadt Schweidnitz auf, die nur 600 Kilometer von Lemberg (Lwiw) entfernt liegt und selbst Partnerschaften mit zwei Städten in der Ukraine pflegt. Im Austausch mit den Freunden in Schweidnitz sei schnell deutlich geworden, dass über diese partnerschaftliche Achse ziel- und bedarfsorientierte Hilfe möglich ist.

„In Schweidnitz leben rund 5000 ukrainische Bürgerinnen und Bürger, die im Moment Freunde und Verwandte bei sich aufnehmen“, so Zeidler. Zudem bereite man sich dort auf die Ankunft einer großen Zahl von Flüchtenden in kurzer Zeit vor. Es gebe auch noch Kontakt und Hilfslieferungen von Schweidnitz aus in die Ukraine. „Wir wollen unsere Biberacher Hilfsleistung daher eng an die unserer Freunde in Schweidnitz binden“, teilt der OB mit. „So ist sichergestellt, dass unsere Hilfe dort ankommt, wo sie derzeit benötigt wird.“

Abklären, was benötigt wird

In einem ersten Schritt gehe es nun darum, sehr schnell Waren und Hilfsgüter nach Schweidnitz zu bringen, die in Polen nicht mehr erhältlich sind, aber dringend benötigt werden. Um möglichst schnell agieren zu können, will die Stadtverwaltung diese Waren zentral in großer Menge beschaffen. In einem nächsten Schritt ist nächste Woche geplant, je nach Bedarf vor Ort ausgewählte Sachspenden zu sammeln. Nähere Informationen hierzu erfolgen, sobald klar ist, was gebraucht wird.

In einem kurzfristig anberaumten Termin mit Vertretern der Hilfs- und Blaulichtorganisationen sowie dem Verein „Städte Partner Biberach“ hat Zeidler die Pläne vorgestellt und dafür breite Zustimmung erhalten. „Insbesondere wurde nochmals deutlich, dass es wichtig ist, gut abzuklären, welche Hilfsgüter tatsächlich benötigt werden.“ Von unkoordinierten Sammlungen von Sachspenden rät auch Zeidler, genauso wie der Landrat, ab.