Sinfonieorchester

Sinfonieorchester wächst über sich hinaus

Biberach / Lesedauer: 3 min

Bruno-Frey-Musikschulteam ersetzt erkrankten Dirigenten Luderer
Veröffentlicht:29.03.2022, 16:31

Von:
Artikel teilen:

„Niemand hätte die beschwerliche Reise auf sich genommen, wenn es sich nicht um ein kulturelles Ereignis von erregender Einmaligkeit gehandelt hätte.“ So beginnt der Originaltext von Loriot, den er zu dem bekannten Bravourstück von Camille Saint-Saëns, dem „Karneval der Tiere“, gedichtet hat. Genau so begann auch das ungewöhnliche Konzert des Biberacher Jugendsinfonieorchesters unter der Leitung seines Dirigenten Günther Luderer. Doch manch einer der zahlreichen Besucher dieses kulturell tatsächlich herausragenden Ereignisses in der Biberacher Gigelberghalle rieb sich schon beim Erklingen dieser Worte, in unnachahmlicher Eindringlichkeit und Chuzpe intoniert von Corinna Palm, verwundert die Augen. Vor dem hochmotivierten jungen Orchester stand nicht dessen bewährter Leiter Günther Luderer sondern der Leiter der Bruno-Frey-Musikschule, Musikdirektor Andreas Winter , der nach Palms Worten als „Marabu“ vor seinen „64 Uhus“ den (nicht vorhandenen) Taktstock erhob, gleich nachdem sich der „Mond zum Zeichen des Beginns aus den Ästen des Mangobaumes erhoben“ hatte.

Nur zwei Tage vor Konzerttermin musste der langjährige Leiter des Orchesters ins Krankenhaus. Wie Andreas Winter in seiner Moderation erläuterte, war es nach dem ersten Schock vor allem dem Zusammenhalt und Einsatz seines Musikschulteams zu verdanken, dass dieses Konzert zur Freude aller Beteiligten so kurzfristig dann doch noch stattfinden konnte. Verstärkt durch eine ganze Reihe von Ehemaligen wuchs aber auch das Orchester selbst unter den erschwerten Bedingungen über sich hinaus und gab ein eindrucksvolles Zeichen seiner Flexibilität, Leistungsfähigkeit und künstlerischen Reife.

Angesichts der breiten Bekanntheit dieses Werkes, war es beileibe keine Selbstverständlichkeit seinem künstlerischen Anspruch, seinen Doppeldeutigkeiten, musikalischen Karikaturen und hintersinnigen Parodien gerecht zu werden. Die vielfach preisgekrönten Pianisten an den beiden Flügeln, Malina Geiselmann und Multitalent Julius von Lorentz, spielten als Solisten in der „Grande Fantaisie Zoologique“ des französischen Komponisten eine herausragende Rolle. Unter anderem als „Eichhörnchen“, „Kängurus“, „tibetanische Wildesel“ oder als „Pianistenkarikaturen“ wussten sie alle Schwierigkeiten souverän zu meistern. Aber auch virtuose Flötenpassagen (Vogelhaus), weiche Klarinettenklänge (Kuckuck) oder elegante und ausdrucksstarke Kantilenen im Violoncello (Schwan) erlangten solistische Bedeutung. Augenzwinkernd zusammengehalten und verbunden wurden die kurzen Stückchen der programmatischen Suite durch die Bühnenpräsenz von Corinna Palm. Als temperamentvolle Sprecherin, teils in theatralischer Überzeichnung vermochte sie es, den Hintersinn aus den teils nur in dezenten Andeutungen angelegten humoristischen Aphorismen heraus zu kitzeln.

In einer kurzen Umbaupause wurde die kammermusikalische Besetzung des ersten Programmteils durch weitere Bläser und Schlagwerk zum großen Sinfonieorchester erweitert. Es folgten drei Arrangements bekannter Filmmusiken unter wechselnder musikalischer Leitung. Das wilde Hin- und Herr der Piraten in „Fluch der Karibik“ von Klaus Badelt in einem eindrucksvollen Arrangement von Ted Rickett konnte Andreas Winter überzeugend verdeutlichen, während die Melodramatik der untergehenden „Titanic“ in der Filmmusik des Komponisten James Horner durch das präzise Dirigat von Chiara Tauber, Geigenlehrerin und Dirigentin des Nachwuchssinfonieorchesters an der Musikschule, vermittelt wurde. Zum Finale erklangen, dramatisch auch ohne die im Original dominierende Kirchenorgel, in schauriger Chromatik die bewegenden Klänge aus Andrew Lloyd Webbers „Phantom der Oper“. Von Calvin Custer effektvoll bearbeitet, flossen die bekannten Melodien organisch ineinander und forderten Orchester und Dirigent Andreas Winter gleichermaßen in der Gestaltung abrupter Übergänge, plötzlicher Tempowechsel und effektvollen dynamischen Aus- und Umbrüchen.

Langanhaltender, donnernder Applaus, der, nach den Worten Winters, bis zu Günther Luderer in der Klinik zu hören sein sollte, war der Lohn für einen Kraftakt und ein künstlerisches Highlight ohnegleichen, einem Ereignis von – mit den Worten Loriots – „erregender Einmaligkeit“.