Parität

Parität gestaltete sich nie harmonisch

Biberach / Lesedauer: 3 min

Andrea Riotte befasst sich in ihrer Doktorarbeit mit den Konfessionen in Biberach
Veröffentlicht:25.02.2018, 13:44
Aktualisiert:22.10.2019, 21:00

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Andrea Riotte hat am Freitag auf Einladung der „Gesellschaft für Heimatpflege“ ihre Dissertation „Diese so oft beseufzte Parität“ vorgestellt.

Vor dem Vortrag der Autorin überreichte Professor Thomas Zotz, Vorsitzender der Gesellschaft Oberschwaben , an sie den „Franz-Ludwig-Baumann-Preis“. Der Leutkircher Baumann war Historiker, dessen Lebenswerk in besonderer Weise der Erforschung Oberschwabens gewidmet war. Der mit 3000 Euro dotierte Preis wird für herausragende Arbeiten, Dissertationen oder vergleichbare Veröffentlichungen vergeben. Die Gesellschaft Oberschwaben fördert damit die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte Oberschwabens.

Andrea Riotte sprach über „Die Parität in Biberach . Wunschbild und Wirklichkeit“, schilderte sehr detailliert den schwierigen Weg der beiden christlichen Konfessionen. Laut Anordnungen der Obrigkeit dauerte die Parität von 1649 bis 1825. Die Vortragende stellte eingangs fest, dass konfessionelle Konfliktlagen keineswegs Kennzeichen einer längst vergangenen Epoche sind. Sie erinnerte an den Nordirland-Konflikt, ging auf die „ethnischen Säuberungen“ auf dem Balkan ein. Und Riotte weiter: „Infolge des 11. September 2001 schließlich kam es zur globalen Zunahme religiös-fundamentalistischer Bewegungen.“

Im Osnabrücker Friedensvertrag von 1648 war vier süddeutschen Reichsstädten die Parität auferlegt worden, darunter Biberach. Und diese Parität schrieb die gleiche Verteilung aller Ratsstellen und Ämter unter den Konfessionen vor. Das bedeutete für die Protestanten eine gewaltige Unterrepräsentation. Nach dem Dreißigjährigen Krieg waren unter den Einwohnern nur vierzehn Prozent Katholiken. Die Autorin: „Das Problem der Nachrangigkeit einer der beiden Konfessionen vor der anderen zieht sich wie ein roter Faden durch mein Buch mit einer Vielzahl von Themen der politischen, der Konfessions- und Mentalitätsgeschichte, die erst in der Zusammenschau die Parität ausmachen.“

Sie spricht ausführlich über den evangelischen Wortführer, den Ratsherrn Georg Gaupp, der nach Friedensschluss in Biberach Bürgermeister wurde. Die Katholiken schossen sich auf seine Schwester ein, wollten sie als „Hechs und Hur“ zum Scheiterhaufen verurteilt sehen. Ihr wortgewaltiger Bruder ließ die Intrige zusammenfallen. Insgesamt 25 Frauen waren bei den Hexenverfolgungen in Biberach zwischen 1647 und 1658 hingerichtet worden.

Katholiken lehnen Parität ab

Die Katholiken lehnten die Parität ab, standen damit politisch auf verlorenem Posten. Der inner-evangelische Konsens zur Parität zerbrach aber schnell.

Andrea Riotte entwickelte die sehr spannenden Geschehnisse weiter: „Die Konfessionen waren in einer hundertjährigen Abstoßungsreaktion, die mit Verletzungen verlief, voneinander abgerückt. Der Biberacher Oberamtmann Carl Ludwig Dizinger schrieb nach 1806 im Vergleich zum friedlichen Ravensburg: „Nur in Biberach schienen der Haß und das Mißtrauen, die seit dem 16. Jahrhundert die Katholiken und die Lutheraner daselbst getrennt hatten, erhalten worden zu sein.“

1825 endete die Parität. Das württembergische Innenministerium stellte verbindlich fest: „Es gibt keine evangelische und katholische Bürgerschaft, keinen evangelischen und katholischen Magistrat mehr daselbst, es besteht nur Eine Bürgerschaft und Ein Magistrat.“ Die Autorin: „Die Biberacher Parität gehörte damit der Geschichte an.“

Professorin Sabine Holtz, Vorsitzende der Kommission für geschichtliche Landeskunde und seinerzeitige Tübinger Kommilitonin von Andrea Riotte, übergab der Autorin im Auftrag des Kohlhammer-Verlags das erste druckfrische Exemplar ihrer 779 seitigen Dissertation.

Die Flötisten Sabina Mark und Martin von Woerkum sowie die Cembalistin Marlies von Woerkum gestalteten den musikalischen Part des Abends. Man hörte stilvoll barocke Trios von Erlenbach, Caldara, Telemann sowie auch Flötenduette von Justin Heinrich Knecht mit wohlgefälligen Harmonien und fein klingendem Melos.