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Biberach

Organist Stephen Debeur interpretiert Stoff neu — Vogelmotiv zieht sich durch Konzert

Biberach / Lesedauer: 3 min

„Justin Heinrich Knecht pur“ — das war ein Titel mit Zugkraft im landesfesttäglich gestimmten Biberach: Eine erfreulich große Schar von Musikfreunden hat den Weg vom sonnenüberfluteten und dicht bevölkerten Kirchplatz in die kühle und ruhige Stadtpfarrkirche St. Martin zum Orgelkonzert von Stephan Debeur gefunden.
Veröffentlicht:13.09.2023, 12:05

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„Justin Heinrich Knecht pur“ — das war ein Titel mit Zugkraft im landesfesttäglich gestimmten Biberach: Eine erfreulich große Schar von Musikfreunden hat den Weg vom sonnenüberfluteten und dicht bevölkerten Kirchplatz in die kühle und ruhige Stadtpfarrkirche St. Martin zum Orgelkonzert von Stephan Debeur gefunden.

Debeur ist nach Stationen in Aachen, Essen und Burtscheid seit dem Jahr 2000 Kirchenmusiker an der Basilika Weingarten und Organist der berühmten Gabler–Orgel. Für seinen Auftritt an der Riß hat er eine beachtliche Preziosen–Sammlung aus der Feder seines „Kollegen“ Knecht mitgebracht. Diese „Biberach–Weingarten–Connection“ habe, so erklärte der Hausherr Ralf Klotz in seinen Begrüßungsworten, schon im 18. Jahrhundert bestanden, und er zitierte aus den Erinnerungen Johann Baptist Pflugs an Auftritte Knechts in der Basilika.

Justin Heinrich Knecht hatte nach seiner Rückkehr aus Stuttgart an die Riß seinen schöpferischen Schwerpunkt auf Schriften zur Musiktheorie, Herausgabe von Lehrwerken und Unterrichtstätigkeit verlegt. In diesem Kontext entstand zum Beispiel die Sammlung „Neunzig kurze und leichte neue Orgelstücke“ (1794) oder — als Höhepunkt — die „Vollständige Orgelschule für Anfänger und Geübtere“ (1795 bis 1798). Einen Teil seines Konzertprogramms hat Stephan Debeur diesen beiden Werken entnommen und gekonnt zum Klingen gebracht, etwa die Rondos C–Dur und G–Dur, den Hymnus „Komm, Heiliger Geist“ oder die Suite C–Dur.

Wer den Weingartener Kirchenmusiker kennt, weiß, dass ihm der Schalk im Nacken sitzt. Um das reine Knecht–Programm mit seinen vielen kurzen Stücken so bunt und so vergnüglich wie möglich zu gestalten, hatte er vier Damen aus seinem Basilika–Chor mitgebracht, die den Orgelpart ergänzten: Mal klangschön und sauber den Cantus firmus singend, mal — ausgestattet mit Kuckucks– und Wachtelpfeifen, Glockenspielen, Becken und Triangeln — die Stadtpfarrkirche in eine riesige Voliere verwandelnd. Sogar ein Kuckuck in der Chororgel stimmte mit ein. An der Hauptorgel hatte Debeur eine Trompetenpfeife durch einen sechsteiligen „Pfeifenstrauß“ mit Vogelgezwitscher ersetzt. Der o rnithologische Höhepunkt war die Sonatine „La Chasse“, komponiert für Klavier, von Debeur für die Orgel arrangiert. Der Kopfsatz „Die Jagd“, mit Hörnerklang und Beckenschlag, geriet vielleicht ein wenig gemütlich, das folgende Andante „Lied von Kuckuck und Wachtel“ brachte das Publikum zum Schmunzeln, und so mancher Kuckucksruf wurde mitgesummt, mitgesungen und mitgebrummt, bevor das Presto–Finale den Spaß abrundete.

Begonnen hatte das Konzert „vogelfrei“ mit der Fantasie F–Dur als festlichen Auftakt: über einem einfachen Bassfundament ineinander verschlungene Melodielinien, im Moll–Teil neue Klangfarben und absteigende Figuren. Umfangreichster Programmbeitrag war der Finalsatz aus Justin Heinrich Knechts berühmter Pastoralsinfonie, von Stephan Debeur für Orgel bearbeitet und beim Konzert in St. Martin zum ersten Mal live zu hören. Die Schwierigkeiten einer solchen Transkription, etwa Tonumfänge, Klangfarben oder Bewältigung virtuoser Instrumentalstellen, waren überzeugend gelöst. Stephan Debeur präsentierte sich hier wie bei allen Werken als Könner seines Fachs.

Am Ende eines unterhaltsamen Orgelkonzerts gab es reichlich Beifall und einzelne, leider unerhörte Zugabe–Rufe.