Südbahn

Schüler werden im überfüllten Zug in 1. Klasse gedrängt - Trotzdem sollen sie zahlen

Biberach / Lesedauer: 3 min

Schüler sollen Strafe zahlen für ungewollte Fahrt in erster Klasse – Bahn lenkt schließlich ein
Veröffentlicht:03.06.2022, 05:00
Aktualisiert:03.06.2022, 11:14

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Seit Jahren steht die Deutsche Bahn wegen überfüllter Züge auf der Südbahn in der Kritik. Zuletzt blieben immer wieder Schülerinnen und Schüler am Bahnsteig stehen, weil kein Platz mehr im Wagen war.

Nun wurden mindestens fünf Schüler erwischt, die offenbar versehentlich in die erste Klasse gedrängt worden waren. 60 Euro Strafe sollten sie zahlen. Dann gab es aber doch noch ein glückliches Ende.

Großvater Klaus Merten konnte kaum glauben, was ihm sein Enkel erzählte. 60 Euro sollte der 12-Jährige als „erhöhtes Beförderungsentgelt“ zahlen, wie es im Bahn-Verwaltungsdeutsch heißt. Der Grund war offenbar brisant: Zum Zeitpunkt einer Kontrolle befand sich der Junge in der ersten Klasse.

Nach seinen Schilderungen und den Aussagen anderer Schüler sei er dort aber eher unverschuldet gelandet. Klaus Merten jedenfalls ließ sich von seinem Enkel die Geschichte ausführlich erzählen und verfasste daraufhin einen Brief an die Deutsche Bahn.

Pulk von Schülern im Waggon

Darin beschreibt er das Gedränge, das sich allmorgendlich am Bahnsteig Schemmerberg abspielt:

Die Älteren versuchen sich vorzudrängen, die Jüngeren werden zurück gestoßen. Schaffen es die Jüngeren doch in den Zug, geht das Gedränge dort weiter.

Eine ganze Masse an Schülerinnen und Schülern dränge sich durch den Zug, um irgendwie noch einen Sitz- oder zumindest einen Stehplatz zu ergattern.

So sei es nach den Schilderungen der Kinder auch am Montag, 25. April, gewesen. „Der Pulk von Schülern ist so auch durch den Waggon der ersten Klasse katapultiert worden. Dann kam wohl gerade der kinderfreundlichste Zugbegleiter der Deutschen Bundesbahn und hatte nichts Schändlicheres zu tun, als die Gruppe aufzuhalten und als Schwarzfahrer der ersten Klasse zu betiteln“, schreibt Merten weiter.

Den älteren Schülern sei „die Flucht“ gelungen, „so griff er sich die Kleineren und bestrafte die drei mit einer Fahrpreisnacherhebung“. Merten hat ganz offiziell Einspruch eingelegt, den Vorgang der Bahn geschildert und um Kulanz gebeten.

Lösungen für den Einzelfall

Auch der Vater eines der anderen Kinder bestätigt den Vorgang. Die Kinder seien keine Wiederholungstäter, hätten mit Sicherheit nicht aus Vorsatz gehandelt und wären tatsächlich nur aus Versehen in der ersten Klasse gelandet. Daher sei das Verhalten des Schaffners und die Strafe nicht nachvollziehbar. Auch das Kundencenter der Bahn habe bestätigt, dass der Schaffner die Schüler hätte lediglich verwarnen sollen. Ausgereicht hätte ansonsten auch, wenn die Schüler die Preisdifferenz zur zweiten Klasse beglichen hätten.

Auf Nachfrage der Schwäbischen Zeitung hat die Bahn nun aber reagiert. Eine Sprecherin teilt mit, die Bahn wolle sich „jeden Einzelfall anschauen“. Fakt sei nun mal, dass das Ticket für die 2. Klasse auch ausschließlich zu einer Fahrt dort berechtige. „Bilateral“ wolle man aber mit den betroffenen Eltern eine Lösung suchen. Somit ließ die Bahn offen, wie mit ähnlichen Fällen verfahren werden könnte.

Gutscheine und Erinnerungen

Kurz darauf berichteten die Eltern der betroffenen Schüler dann aber von Telefonaten und einem „netten Gespräch“ mit der Deutschen Bahn. Mitarbeiter aus dem Kundendialog hätten sich für das Verhalten des Schaffners entschuldigt. Die Fahrpreisnacherhebung zurückzunehmen, sei zwar zu kompliziert.

Stattdessen aber bot die Bahn den Eltern einen Gutschein in Höhe von 60 Euro an. Darauf habe man sich schließlich geeinigt, berichtet auch Klaus Merten. „Für mich ist das in Ordnung“, sagt er. Als Schaffner für die Schülerbeförderung habe man es „sicherlich auch nicht immer leicht“.

Den 70-jährigen Großvater erinnert die Geschichte seines Enkels ein wenig an seine eigene Schulzeit. „Schon damals waren die Züge oft voll. Aber nicht einmal sind Schüler am Bahnsteig stehengeblieben“, sagt Merten. „Und soweit ich mich erinnern kann, gab es auch keine Erste-Klasse-Abteile auf der Strecke.“