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Was die Kinder dazu sagen

Mathe bei Minusgraden: Diese Schüler müssen bei jedem Wetter raus

Biberach / Lesedauer: 6 min

Seit diesem Schuljahr gibt es am Pestalozzi-Gymnasium eine Outdoor-Klasse. Bei Wind und Wetter draußen zu unterrichten - kann das funktionieren?
Veröffentlicht:30.11.2023, 18:22

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Seit diesem Schuljahr gibt es am Biberacher Pestalozzi-Gymnasium (PG) eine sogenannte Outdoorklasse. Immer dienstags haben die Fünftklässler vier Stunden Unterricht im Freien - egal bei welchem Wetter. Das Interesse an diesem Angebot, das zwei Schuljahre dauert, war bei Eltern und Schülern groß. Die SZ hat sich den Unterricht im Freien einen Vormittag lang angeschaut.

8.30 Uhr: 29 Schülerinnen und Schüler der 5d des (PG) stapfen mit ihren Lehrern Lisa Heinkele und Simon Ott von der Bushaltestelle an der Theodor-Heuss-Straße den Berg Richtung Hölzle hinauf. Die Temperatur liegt um den Gefrierpunkt, ein eisiger Wind weht und es regnet. „So schlecht war das Wetter bisher noch nie“, meint Lisa Heinkele. An ihr vorbei rennen die Fünftklässler, eingepackt in Schneehosen, Winterjacken, Mützen und Handschuhe. Ihre Rucksäcke stellen sie unter einer Überdachung im Ferienwaldheim Hölzle ab.

Mehr Interessenten als Plätze

Dort, wo im Sommer Ferienfreizeiten stattfinden, hat die 5d in den nächsten vier Stunden Unterricht. Jeweils 90 Minuten Erdkunde bei Frau Heinkele und 90 Minuten Mathe bei Herrn Ott. Bis es aber losgeht,haben die Schülen noch Zeit zum Herumtoben. Während einige Fangen und Verstecken spielen, üben sich andere mit aufgesammelten Holzstöcken im Schwertkampf.

Zu Beginn teilen die Lehrer die Klasse in zwei Gruppen ein.
Zu Beginn teilen die Lehrer die Klasse in zwei Gruppen ein. (Foto: Gerd Mägerle)

Die 5d des PG ist neben einer Klasse in Ulm die bisher einzige Outdoor-Klasse in der Region. Die vier Stunden im Freien sind bildungsplankonformer, regulärer Unterricht. Im ersten Schulhalbjahr werden Erdkunde und Mathematik unterrichtet, im zweiten Deutsch und Biologie. Für die 30 Plätze in der 5d gab es mehr Anmeldungen, so dass die Zuteilung über Auswahlgespräche erfolgen musste.

Schreiben mit Handschuhen ist gar nicht so leicht

8.45 Uhr: Lisa Heinkele gibt mit einer Trillerpfeife das Signal zum Unterrichtsbeginn. Die Klasse wird in zwei gleich große Gruppen eingeteilt. Die eine hat erst 90 Minuten Erdkunde, die andere 90 Minuten Mathe. Danach wird getauscht. „Frau Heinkele, darf ich noch aufs Klo?“, ruft ein Junge. Die Lehrerin nickt. Der Zugang zu den Toiletten ist das einzige Gebäude im Hölzle, das während des Unterrichts geöffnet ist.

Lisa Heinkele (r.) unterrichtet Erdkunde. Im Unterricht geht es um den Unterschied zwischen Leben im Dorf und Leben in der Stadt.
Lisa Heinkele (r.) unterrichtet Erdkunde. Im Unterricht geht es um den Unterschied zwischen Leben im Dorf und Leben in der Stadt. (Foto: Gerd Mägerle)

Die Erdkunde-Gruppe versammelt sich mit Lisa Heinkele zwischen zwei Bäumen. Die Lehrerin befestigt an jedem Stamm ein Schild: „Ich lebe im Dorf“ und „Ich lebe in der Stadt“. Die Schüler sollen sich jeweils um den Baum versammeln, der ihre eigene Lebenssituation widerspiegelt. Auf zwei großen Holztoren befestigt die Lehrerin mit einer Knetmasse danach weitere Schilder. Die Schüler sollen auf Zettel notieren, welche Vorteile und Nachteile das Leben auf dem Dorf bzw. in der Stadt hat und diese dann ebenfalls mit Knete an den beiden Toren befestigen. Mit dicken Handschuhen und etwas klammen Fingern fällt den Schülern das Schreiben zum Teil gar nicht so leicht.

Bewegung ist wichtig

Die Mathematik-Gruppe von Simon Ott hat sich am anderen Ende des Hölzle-Geländes versammelt. „Römische Zahlen“ lautet das Thema der Unterrichtseinheit. Auf Klemmbrettern, die mit einer ausklappbaren Folie vor den inzwischen vom Himmel fallenden Schneeflocken geschützt sind, lösen die Schüler Aufgaben auf einem Arbeitsblatt. Die einen hocken sich dazu auf die Treppe, ein Mädchen sitzt mit dem Rücken an einem Baumstamm und grübelt. Schulbücher gibt es im Outdoor-Unterricht nicht.

Die Schüler sollen Vor- und Nachteile des Lebens im Dorf bzw. in der Stadt aufschreiben.
Die Schüler sollen Vor- und Nachteile des Lebens im Dorf bzw. in der Stadt aufschreiben. (Foto: Gerd Mägerle)

„Wichtig ist, dass wir immer wieder Einheiten einbauen, in denen sich die Kinder bewegen, damit ihnen nicht kalt wird“, sagt Lisa Heinkele. Sie lässt ihre Schüler sich in einer Reihe hinter ihr aufstellen. Die Lehrerin vorneweg, rennen alle mehrere Runden um die Bäume herum. „Viele der Kinder haben noch einen starken Spieltrieb, da kommt ihnen der Unterricht hier draußen mit viel Bewegung entgegen.“

„Kalt erwischt“

Bei Simon Ott hat die Bewegungseinheit mit dem Dualsystem zu tun, das Zahlen mit den Ziffern null und eins bildet. Je nach Zahl, die vom Lehrer angesagt wird, müssen sich die Schüler hinter Schildern mit der entsprechenden Wertigkeit gruppieren, die zwischen dem Laub auf dem Boden liegen.

Mit Lehrer Simon Ott befassen sich die Schüler mit dem Dualsystem.
Mit Lehrer Simon Ott befassen sich die Schüler mit dem Dualsystem. (Foto: Gerd Mägerle)

11.10 Uhr: Immer wieder holen die Kinder ihre Thermosflaschen aus dem Rucksack und trinken einen Schluck warmen Tee. Einen Jungen friert es allerdings so, dass Lisa Heinkele ihn zum Aufwärmen in den Toilettentrakt schickt, wo sich eine Heizung befindet. „Wir hatten einen langen, warmen Spätsommer, da es in Sachen Kleidung relativ problemlos“, sagt sie. „Als es dann plötzlich kühler wurde, hat uns das beim ersten Mal buchstäblich kalt erwischt. Und manche sind offenbar immer noch etwas zu dünn angezogen.“

Natur statt digital

Aber nicht nur die Witterung hat Einfluss auf die Unterrichtsgestaltung. „Wir nutzen hier keine digitale Technik, sondern beziehen das mit ein, was uns Natur und Umgebung bieten“, sagt Ott. „Ich sehe das eher als Chance, denn als Herausforderung. Aufgrund der kleineren Gruppengrößen, kann ich mich um einzelne Schüler mehr kümmern.“

Die Schüler füllen Arbeitsblätter zu den römischen Zahlen aus.
Die Schüler füllen Arbeitsblätter zu den römischen Zahlen aus. (Foto: Gerd Mägerle)

„Man plant eine Stunde anders als wenn sie im Klassenzimmer stattfinden würde“, sagt Lisa Heinkele. „Und man muss flexibler sein.“ Sie empfindet vor allem die große Fläche als Vorteil. „Es ist hier längst nicht so laut wie im Schulgebäude.“

„Ich hab’ fünf Hosen an“

So sehen das auch viele der Schüler. „Der Unterricht draußen ist besser als im Klassenzimmer“, meint ein Junge. „Hier kann man herumtoben und wir sind an der frischen Luft, da kann man sich besser konzentrieren.“ Ob sie das kalte Wetter stört? „Nein“, antwortet eine Schülerin, „wir sind ja dick angezogen. Ich hab’ fünf Hosen an.“

Die Klemmbretter der Schüler sind durch Plastikfolien geschützt.
Die Klemmbretter der Schüler sind durch Plastikfolien geschützt. (Foto: Gerd Mägerle)

Beide Lehrer haben den Eindruck, dass die Schüler das Gelernte besser behalten als im Klassenzimmer. „Ich vermute, die Kinder verknüpfen das mit den Erlebnissen hier draußen. Nach dem Motto: Als wir über Dorf und Stadt gesprochen haben, das war doch an dem Tag, als das Wetter so eklig war“, meint Lisa Heinkele. Ob sich das generell in besseren Leistungen der Outdoor-Klasse gegenüber Indoor-Klassen niederschlägt, zum Beispiel in Klassenarbeiten, da ist sich Simon Ott nicht sicher. „Dafür fehlt uns noch die Erfahrung.“

Persönlicheres Verhältnis

„Ich glaube aber, dass die Kinder durch den Unterricht hier draußen und das Sich-Anpassen an wechselnde Bedingungen selbstständiger werden. Außerdem lernen sie den Umgang mit der Natur - und das ist heutzutage doch auch wichtig.“ Und weil man nicht nur den Unterricht, sondern auch die Pausen gemeinsam verbringe, entwickle sich ein persönlicheres Verhältnis zu den Schülern, sagt der Lehrer.

12.30 Uhr: Der Unterricht ist vorbei, die Rucksäcke werden gepackt, die Klemmbretter verstaut. Inzwischen hört man den einen oder anderen „Mir ist kalt“-Ruf der Schüler. Und auch die beiden Lehrer freuen sich jetzt aufs Warme, als sie mit der Klasse wieder Richtung Bushaltestelle marschieren.