Rekordinflation

Was Banker im Landkreis Biberach ihren Kunden in der Krise raten

Biberach / Lesedauer: 11 min

Was VR-Bank Laupheim Illertal, Kreissparkasse Biberach und Volksbank Ulm-Biberach ihren Kunden in der Krise empfehlen
Veröffentlicht:17.11.2022, 12:30
Aktualisiert:17.11.2022, 12:59

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Rekordinflation, enorm gestiegene Kreditzinsen und eine drohende Rezession: Die aktuellen Krisen, allen voran der Krieg in der Ukraine, sorgen für eine große Unsicherheit in der Bevölkerung – und am Finanzmarkt. Vor allem der Traum vom Eigenheim rückt bei vielen Menschen in weite Ferne. Stattdessen stehen die Fragen im Zentrum: Reicht das Geld am Monatsende? Die „Schwäbische Zeitung“ hat bei den Verantwortlichen der Banken im Landkreis Biberach nachgefragt, wie sie die aktuelle Lage bewerten, was sie Bauherren raten und wie Sparer nach wie vor sinnvoll investieren können.

Die Inflationsrate galoppiert: Auf 10,7 Prozent stieg sie im Oktober, das ist gut doppelt so hoch, wie noch Anfang des Jahres. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat seit Juli dreimal den Leitzins erhöht, zuerst auf 0,5 Prozent, Anfang September auf 1,25 Prozent und nun Ende Oktober noch einmal um 75 Punkte auf zwei Prozent. Ein Paradigmenwechsel der EZB, nach Jahren von Nullzinspolitik und Verwahrentgelte für Vermögen.

Volksbank Raiffeisenbank Laupheim-Illertal

Nach elf Jahren der Negativzinsen auf Vermögen war für Dieter Ulrich , Vorstandsvorsitzender der VR-Bank Laupheim-Illertal, dieser Schritt der EZB mehr als überfällig. „Nach meiner Meinung erfolgte er viel zu spät“, so Ulrich. Denn vom Ziel, die Inflationsrate in der Eurozone bei rund zwei Prozent stabil zu halten, sei man aktuell meilenweit entfernt. Auch wenn es seit August Entspannungssignale gebe, sieht er die extrem gestiegenen Strom- und Energiepreise als Inflationstreiber Nummer eins, daher könne man bis ins kommende Frühjahr keine Entwarnung geben. Als weitere „Preistreiber“ nennt Ulrich „die drei D – Demographie, Deglobalisierung und Dekarbonisierung“. So sei beispielsweise der Wechsel auf erneuerbare Energien notwendig, aber er erhöhe auch die Inflation. Ulrich schätzt, dass sich diese mittel- bis langfristig zwischen vier und sechs Prozent einpendeln wird.

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Dieter Ulrich, Vorstandsvorsitzender der VR-Bank Laupheim-Illertal (Foto: Ingo Rack/VR-Bank Laupheim-Illertal/Schwäbische.de)

Ein Vorteil der Leitzinserhöhung: Durch die Anhebung des Zinsniveaus gehört auch das Verwahrentgelt bei der VR-Bank der Vergangenheit an. Das habe die Bank jedoch bisher sehr moderat angewandt. Von den 47.000 Kunden hätte dies gerade einmal 342 betroffen. Aus Sicht der Kunden sei es aber positiv, dass es wieder Zinsen auf Einlagen gebe. Aufgrund der hohen Inflationsrate sei der Realzins dennoch nach wie vor negativ. „Die Kaufkraft der Geldanlage nimmt markant ab“, sagt Ulrich.

Während der Pandemie sei die Sparquote in Deutschland im Jahr 2020 aufgrund der Einschränkungen auf 16 Prozent gestiegen. „Die Deutschen haben historisch hohe Reserven aufgebaut“, erklärt Ulrich. In den fünf Jahren zuvor sei die Quote im Schnitt bei 10,6 Prozent gelegen. Doch diese Reserven hätten sich im Jahresverlauf 2022 bei vielen Kunden deutlich reduziert – teils durch einen wieder gestiegenen Konsum nach dem Ende der Beschränkungen, teils durch die Inflation. Die zu erwartenden Nachzahlungen oder höheren Abschlagszahlungen bei Gas und Strom schmälern die Sparquote. Mit Blick auf zunehmende Rezessionstendenzen halten die Kunden ihr Geld wieder verstärkt zusammen, so Ulrichs Beobachtung.

Der Traum der Oberschwaben, das eigene Haus, ist für viele mittlerweile in weite Ferne gerückt.

Dieter Ulrich, Vorstandsvorsitzender VR-Bank Laupheim Illertal

Wie können Sparer ihr Geld derzeit sinnvoll investieren? Das Gebot der Stunde sei ein breiter Anlagemix mit Sachwerten, wie Gold, Aktien oder Immobilen, ist Ulrich überzeugt. Kunden, die eine größere Summe zur Verfügung haben, empfiehlt Ulrich, in Tranchen zu investieren. Fonds- oder Goldsparpläne seien in der derzeitigen Lage sinnvoll, auch festverzinsliche Wertpapiere seien eine interessante Anlage. Bei der VR-Bank Laupheim Illertal setze man daher verstärkt auf das aktive Kundengespräch, um mögliche Lösungen aufzuzeigen. Dieter Ulrich ist überzeugt: „Krisen und Kriege gehen vorbei, höchste Zeit nach vorne zu blicken.“

Ganz anders sieht die Situation im Bereich der privaten Bau- und Immobilienkredite aus. Hier haben sich die Zinsen seit Jahresbeginn mehr als verdreifacht. „Das ist mittlerweile für viele Kunden eine echte Herausforderung“, gibt Ulrich zu. Ein weiteres Problem sieht er für jene Baufinanzierungen, bei denen die Zinsbindung ausläuft. Hier sei die VR-Bank aber bestrebt, mit den Kunden gemeinsame Lösungen zu finden. Mit Blick auf die gestiegenen Kosten plädiert er für neue Ideen beim Wohnungsbau, wie das Doppel- oder Mehrgenerationenhaus. Denn Bauzins, gestrichene Fördergelder und gestiegenen Baukosten stellen vermehrt die Finanzierung eines Einfamilienhauses in Frage. Teilweise würden Bauplätze bereits zurückgegeben, weil Zins und Tilgung nicht mehr finanzierbar seien. „Der Traum der Oberschwaben, das eigene Haus, ist für viele mittlerweile in weite Ferne gerückt“, so Ulrich. Auch weil mittlerweile eine Eigenkapitalquote von mindestens 30 Prozent gefordert sei.

Generell beurteilt der Vorstand der VR-Bank die wirtschaftliche Lage in der Region aber als eher entspannt. „Die Wirtschaftskraft und die Einkommenssituation ist stabil“, urteilt Ulrich. Trotz anhaltender Probleme mit den weltweiten Lieferketten und dem angespannten Energiemarkt sei die Situation des Mittelstands gut und „stabil in der Krise“. Er ist überzeugt: „Die Stimmung ist schlechter als die Lage.“

Kreissparkasse Biberach

Eine gewisse Verunsicherung sei bei den Privatkunden zu spüren, sagt Martin Bücher , Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse (KSK) Biberach. „Ich würde aber keinesfalls von Panik sprechen. Dafür ist die finanzielle Situation bei den meisten gut und stabil.“ Allerdings steige der Bedarf an Beratung. „Das sehe ich aber eher als Vorteil für die Banken und Geldinstitute vor Ort, die mit ihrer Beratungsleistung in dieser Situation punkten können“, so Bücher.

Wenn es um Geldanlage gehe, gelte weiterhin der Tipp, der auch schon vor der Krise galt: „Niemals alle Eier in einen Korb legen.“ Der KSK-Vorstandsvorsitzende empfiehlt eine diversifizierte Anlagestrategie. So könne ein Sparplan auch in Zeiten fallender Kurse von Vorteil sein, weil der Anleger für seinen monatlichen Beitrag mehr Anteile erhält. „Wichtig ist im Moment, Ruhe zu bewahren und die Situation auszuhalten“, empfiehlt Bücher. Wer aktuell aber darauf angewiesen sei, mehr Geld zur Verfügung zu haben, könne Sparpläne auch reduzieren oder vorübergehend aussetzen.

Auch das klassische Sparbuch ist laut Bücher „nie wirklich out gewesen, schon gar nicht in Oberschwaben“. Es bilde beim Sparen nach wie vor eine wichtige Basis, „zumal wir die Zeiten von Nullzins hinter uns haben und sie vermutlich auch nicht mehr bekommen werden“. Ein Verwahrentgelt habe die KSK für Privatkunden ohnehin nie erhoben. Anleger sollten aber nicht damit rechnen, dass es mit den Zinsanstiegen im Tempo und in der Höhe der vergangenen Monate weitergehe, sagt der KSK-Vorstandsvorsitzende. Bei allen Geldanlagen müsse momentan auch klar sein: „Sie schlagen mit keiner Anlage aktuell die Inflation“, so Bücher.

Die Stimmung wird aber medial schlechter dargestellt als sie wirklich ist.

Martin Bücher, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Biberach

Diese werde sich 2023 aller Voraussicht nach auf etwa vier bis sechs Prozent abflachen, schätzt er. Erst zum Jahr 2024 rechnet Bücher mit einer Normalisierung mit einer Inflationsrate von drei bis vier Prozent. „Wichtig ist aber, dass die Europäische Zentralbank weiter eine strikte Zinspolitik fährt und wir möglichst schnell die Energiekosten in den Griff bekommen.“ Hier werde der Winter 2023/24 zu einer echten Herausforderung, „denn die Gasspeicher sind jetzt zum Großteil noch mit russischem Gas gefüllt.“ Außerdem dürfe es, beispielsweise über zu hohe Tarifabschlüsse, nicht zu einer Preisspirale kommen. „Dann wird die hohe Inflation zu einem Dauerthema.“

Aktuell stelle man bei der KSK außerdem fest, dass viele Kunden ihr Geld beisammen halten, „weil sie auf die Rechnungen ihrer Energielieferanten warten“, so Bücher. Dass wegen der gestiegenen Energiekosten aber mehr als 50 Prozent nicht mehr sparfähig seien, wie aus anderen Teilen der Republik berichtet wird, sei in Oberschwaben seiner Ansicht nach aber nicht der Fall.

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Martin Bücher, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Biberach (Foto: Yvonne Jung Fotografie/Schwäbische.de)

Zurückhaltung beobachtet KSK-Vorstandsmitglied Kurt Hardt auch im gewerblichen Bereich. Es würden weniger Investitionskredite durch die Firmen abgerufen. „Die Stimmung wird aber medial schlechter dargestellt als sie wirklich ist“, so seine Meinung. Im Vergleich zu früheren Krisen sei diesmal die Eigenkapitalausstattung der Firmen besser, meint sein Vorstandskollege Michael Schieble.

„Enttäuschung und Tränen“ gebe es aktuell bei manchen Kunden, die eine Baufinanzierung planen. Gestiegene Baukosten und höhere Zinsen stellten auch für Gutverdiener inzwischen echte Herausforderungen dar. „Vor einem Jahr lag der Zinssatz bei einem Prozent, jetzt sind es vier“, so Schieble. Bei einem Kredit von 500.000 Euro seien dies 15.000 Euro Unterschied. Dies führe dazu, dass inzwischen auch Bauplätze zurückgegeben werden. Maximal 80 Prozent des Bauvorhabens sollte über Kredite finanziert werden, empfehlen die KSK-Vorstände – abhängig von der Höhe eines hoffentlich sicheren Einkommens.

Vorbei sei dagegen die Zeit der „Fantasiepreise“, die jahrelang für nicht optimale Bestandsimmobilien aufgerufen worden seien, vorbei, so Bücher „Es zählen jetzt wieder Lage und der energetische Standard.“ Allerdings gebe es in Biberach noch immer einen Nachfrageüberhang. Insofern werde das Preisniveau in der Kreisstadt erst einmal nicht sinken.

Volksbank Ulm-Biberach

Es gebe aktuell durchaus seriöse Anlagemöglichkeiten, bei denen eine Rendite im höheren einstelligen Prozentbereich möglich sei, sagt Ralph P. Blankenberg, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Ulm-Biberach. Als Anleger oder Sparer müsse man sich aber vorher ehrlich folgende Frage stellen: „Welches Geld kann ich wie lange entbehren? Brauche ich es mittelfristig oder überhaupt? Bin ich bereit Risiken einzugehen?“ Die Banken wiederum seien angehalten, nur die Dinge anzubieten, die der Kunde auch versteht. „Dass muss schriftlich dokumentiert werden“, so Blankenberg.

Wer kein Risiko eingehen wolle, könne in deutsche Staatsanleihen investieren. Dafür gebe es im Gegenzug kaum Rendite. Etwas mehr Risiko seien Investitionen in Unternehmensbeteiligungen. Minimiert werde dies, wenn auch der Staat beteiligt sei, zum Beispiel bei Fluggesellschaften. Wer in Aktien investieren wolle, brauche eine gewisse Fachkenntnis, so Blankenberg. Alternativ böten sich auch Fonds an. „Da gibt es Tausende von Ausprägungen.“ Sinnvoll könne sein, sich vorab im Internet über die Vor- und Nachteile verschiedener Anlageformen zu informieren. Blankenberg empfiehlt jedoch, nie einsame Entscheidungen zu treffen, sondern dies vorab mit vertrauten Personen zu diskutieren und sich von der Hausbank beraten zu lassen. „Eine Grundregel ist auch, seinen Geldbetrag in verschiedene Anlageformen zu splitten. Man gehört dann nie zu den Spitzengewinnern, aber auch nie zu den Spitzenverlierern.“

Die Kreditinstitute könne es sich nicht leisten, auf Einlagen zu verzichten. Das ist positiv für die Sparer.

Ralph P. Blankenberg, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Ulm-Biberach

Unabhängig vom Zinsniveau werde Deutschland 2023 in eine Rezession geraten, ist der Volksbank-Vorstand überzeugt. „Es gibt im Moment so viele Krisen, da wäre im Normalfall jede einzelne schon eine ziemliche Herausforderung.“ Positiv sieht Blankenberg, dass dem eine mehrjährige Konjunkturhochphase vorausging. „Viele Unternehmen haben eine doppelt so hohe Eigenkapitalquote wir vor zehn oder 15 Jahren.“ Er glaube deshalb, dass die Rezession nicht so tiefgreifend sein werde wie in den 1970er-Jahren.

Das höhere Zinsniveau biete privaten Kunden die Möglichkeit auf Geldmarktkonten wieder höhere Habenzinsen zu erhalten. „Die Kreditinstitute könne es sich nicht leisten, auf Einlagen zu verzichten. Das ist positiv für die Sparer“, so Blankenberg.

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Ralph P. Blankenberg, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Ulm-Biberach. (Foto: Volksbank Ulm-Biberach/Schwäbische.de)

Bei Baufinanzierungen erlebe er durch die höheren Zinsen und die gestiegenen Baukosten momentan mitunter dramatische Szenen. „Da verwerfen Familien von heute auf morgen ihren geplanten Hausbau, anstatt zunächst mal zu überlegen und zu diskutieren.“ Eine Möglichkeit könne sein, zunächst eine Wohnung in vernünftiger Lage zu kaufen, auf eine Normalisierung der Situation zu warten und in zwei bis drei Jahren zu bauen.

Er sehe die Aufgabe der Volksbank Ulm-Biberach, aber auch der anderen regionalen Banken aktuell darin, die Menschen zu beruhigen. „Wir reagieren gerade mal wieder alle typisch deutsch“, findet Blankenberg, „läuft es gut, sind wir geradezu euphorisch, aber beim kleinsten Rückschlag verfallen wir in komplette Verängstigung.“ Die jetzige Situation werde kein Dauerzustand sein, ist er überzeugt. Man müsse sich aber, beispielsweise wenn es um eine Baufinanzierung gehe, auch mal mit einer Zwischenlösung anfreunden oder einfach etwas warten können.

Blankenberg rechnet bis Ende 2023 mit einer Entspannung der Situation. Die Inflation werde in den nächsten Jahren bei vier bis fünf Prozent bleiben, schätzt er. „2024/25 sollten wir eine wirtschaftliche Erholung erleben – immer vorausgesetzt, es kommen keine weiteren großen Krisen hinzu.“