Pflanzzeit

Weniger Fichte, mehr Eiche: Wie der klimastabile Wald entsteht

Bad Schussenried / Lesedauer: 5 min

Forst BW erklärt den Plan für den Umbau des Walds und für ein besonderes Insektenprojekt
Veröffentlicht:01.08.2022, 05:00

Von:
Artikel teilen:

Im Oktober startet wieder die Pflanzzeit im Wald. Dann sind die Teams der Forst BW im Einsatz und setzen auf freien Flächen und im sogenannten Vorbau unter Fichtenbeständen die Bäume der Zukunft: insbesondere Eichen, aber auch Buchen. So soll ein klimastabilerer Wald heranwachsen. Im Distrikt „Untere Schienen“ bei Bad Schussenried-Steinhausen kann man sehen, wie sich das Bild des Waldes dadurch verändert. Und wer genau hinschaut, entdeckt im Kleinen noch eine Veränderung: Denn die Forst BW hat dort das Projekt Schmetterlingswald gestartet.

Auf 50 Prozent der 13 400 Hektar Wald des Forst BW-Bezirks Oberland stehen momentan noch Fichten. „Die Fichte ist Fluch und Segen zugleich“, sagt der Leiter des von Ulm bis Isny reichenden Forst-Bezirks Felix Groß . Der Baum dominiere die Bewirtschaftung, er bringe die Erlöse. Aber: „Die Fichte ist auch sehr empfindlich.“ Ein einziger Gewittersturm im Juni vergangenen Jahres verursachte 55 000 Festmeter Sturmholz. Bei Sturm „Sabine“ im Jahr 2020 waren es sogar 100 000 Festmeter auf einmal.

Auf lehmigen Böden wurzelt Fichte sehr flach

Auch wenn seine Kollegen aus nördlicheren Bundesländern mit Hunderten Hektar toter Fichten Oberschwaben als Noch-Insel der Seligen bezeichnen: Trockenheit, Käferbefall und Stürme machen der Fichte hierzulande schwer zu schaffen. Die Fichte, sagt Groß, sei im Oberland nicht klimastabil. „Auf den lehmig-tonigen Böden wurzelt sie sehr flach“, erläutert Förster Hermann Miller . „Sie wird von Stürmen immer früher geworfen.“ Bei 25 Metern Oberhöhe sei der Hebel groß genug, dass es für den Baum kritisch werde, ergänzt Groß.

Fichtenanteil planmäßig senken

Der Anteil der Fichte werde rasch sinken durch Sturm und Käferbefall, erläutert der Forstbezirksleiter. Darauf warten, dass diese beiden Faktoren die Bestände reduzieren, will er nicht. Planmäßig gelte es den Anteil möglichst zügig zu senken, erläutert er. Denn wenn Schadensereignisse zu große Lücken im Wald verursachen, gerät auch die Möglichkeit, rasch wieder aufzuforsten, an ihre Grenzen. Dann fehlten Personal und Setzlinge, um schnell nachzupflanzen, weiß Groß.

Die Maßnahmen

Vier Maßnahmen zu Klimaanpassung nennt der Forstbezirksleiter. Erstens: „Erhöhung des Fichteneinschlags, insbesondere im Bereich von Beständen mit hoher Verwundbarkeit“. Zweitens: ein „aufwendiges Borkenkäfermonitoring“, bei dem der Wald systematisch kontrolliert und Käferbäume herausgeholt werden, um massenhaften Befall zu bremsen. Drittens: den Anteil von Bäumen wie Stieleiche, Edellaubholz, Lärche, Douglasie, Buche, die mit dem Stress des Klimawandels besser klarkommen, erhöhen. Und viertens: Zur Verbesserung des Wasserhaushalts Drainagen schließen und Weiher sanieren.

Ziel: fünf verschieden Arten

Wie der Umbau zum klimaresistenteren Wald aussieht, lässt sich an einem Waldstück bei Bad Schussenried-Steinhausen beobachten. Links des Wegs im Distrikt „Untere Schienen“ wachsen hohe Fichten. Rechts befindet sich eine umzäunte freie Fläche. „Dort standen zuvor nahezu 95 Prozent Fichten“, erzählt Hermann Miller. Jetzt wurden 90 Prozent Eiche gepflanzt, außerdem Hainbuchen. Fünf verschiedene Baumarten seien das Ziel, erläutert Groß. So wolle man verhindern, dass es zu größeren Ausfällen komme, wenn ein Art Probleme bekommt, sagt er und nennt das Beispiel Eschentriebsterben.Bäume, die auf natürliche Weise an der Stelle wachsen, bleiben deshalb als zusätzliche Arten stehen: Birke etwa, Lärche, Weißtanne – und auch Fichten, die dann aber nicht mehr in Monokultur, sondern ergänzend stehen und gegebenenfalls später entfernt werden.

3000 Setzlinge pro Hektar

3000 Pflanzen pro Hektar setzen die Trupps der ForstBW im Herbst. Die Eichensetzlinge stammen aus Baumschulen, die Saatgut aus anerkannten Beständen der Region verwenden. „Es passt zum Standort“, sagt Förster Andre Kappler. Um Überraschungen wie in den 1980er-Jahren, als sich die georderten Eichen als ungarische Futtereichen herausstellten, zu verhindern, gebe es heute Proben mit einem genetischen Fingerabdruck der Pflanze.

Das sind die Zukunftsbäume

Der neue Wald will gepflegt werden. Die Förster legen in den folgenden Jahren „Zukunftsbäume“ fest, die sie mit gelber Farbe markieren. Für sie werden gute Bedingungen geschaffen, indem zum Beispiel Konkurrenten gefällt werden. „Je nach Baumart muss man früher oder später eingreifen. Bei schnell wachsenden Birken oder Erlen nach zehn Jahren, bei Eichen ab 30, 35 Jahren“, so Miller.

Unter Fichtenbestand Buchen pflanzen

Neben der Bepflanzung auf Sturmflächen oder Arealen, wo Fichten gezielt gefällt wurden, erfolgt der Umbau des Waldes auch im Bestand. Vom Vorbau sprechen dabei die Forstleute. Konkret heißt das: In Fichtenbeständen – wie an besagtem Weg in den „Unteren Schienen“ – werden Buchen und Tannen gesetzt, die Schatten vertragen und im Frostschutz der hohen Fichten gut heranwachsen können.

Lichtdurchflutete Buchten für Schmetterlinge

Das Bild des Waldes verändert sich. Ein Stück weiter in den „Unteren Schienen“ wächst bereits sichtbar mehr Laubholz. Und wer genau hinschaut, entdeckt eine weitere Veränderung: Am Wegesrand finden sich aufgelichtete Buchten, in die die Sonne hineinscheint. Schmetterlinge finden dort Futter und passende Pflanzen zur Eiablage. Systematisch würden solche Lichtkorridore bis von den Federseewiesen her angelegt, berichtet Förster Andre Kappler.

Seltener Falter ist hier zu Hause

Bekannte Arten wie der Admiral oder das Landkärtchen flattern über die Buchten, der kleine Eisvogel und andere typische Waldarten finden hier einen Lebensraum. Auch den sehr seltenen Gelbringfalter, der Seegras für die Eiablage benötigt, kann man entdecken. „Das hier soll unser Schmetterlingswald werden“, erzählt Kappler. „Ein Vorzeigeprojekt.“