Koran

Engel fliegen durch Bibel und Koran

Bad Schussenried / Lesedauer: 3 min

In der Schussenrieder Krippenausstellung entdecken Muslime und Christen Gemeinsames
Veröffentlicht:12.12.2011, 20:35
Aktualisiert:25.10.2019, 13:00

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Türkische und deutsche Sätze vermischen sich im Schussenrieder Kloster zu einem munteren Stimmengewirr. Mehrere Frauen in farbigen Kopftüchern haben sich um eine der ausgestellten Krippen geschart und mustern die Szenerie mit einer Mischung aus Verwunderung und Faszination. All die Details, die kleinen Figuren: prächtige Könige und einfache Leute, die den verschiedensten Handwerken nachgehen, Hirten mit Schafen, die heilige Familie natürlich, Ochs’ und Esel – und Engel, immer wieder Engel.

Engel sind das Bindeglied zwischen den Besuchern, die sich zu dieser besonderen Ausstellungsführung eingefunden haben. Die Mitglieder der hiesigen Muslimischen Gemeinde, darunter auch die Imame aus Bad Schussenried, Biberach und Bad Saulgau, wollen sich mit Krippensammlerin Hansi Schmehle-Knöpfler , dem pensionierten Schussenrieder Pfarrer Anton Schmid und weiteren Gästen auf eine „Spurensuche im Islam“ begeben. Und die Himmelsboten, weiß Schmehle-Knöpfler, spielen sowohl in der heiligen Schrift der Muslime als auch in der christlichen Kultur eine große Rolle: „Im Alten Testament kommen ungefähr 100 Zitate über Engel vor, im Neuen Testament 150 – und im Islam unheimlich viele.“

Erinnerungen an die „alte Zeit“

Dennoch sind es vor allem Kamele, Palmen und das orientalische Flair, das Hacer Belge an den historischen Krippen entzückt. „Das erinnert mich an die alte Zeit, an die Karawanen und Basare“, sagt Hacer Belge auf Türkisch und lässt sich die Worte von Gemeindemitglied Osman Ayar übersetzen. Auch stecke gewiss viel Handarbeit in den kunstvoll geschnitzten Krippenfiguren, das sei schon beeindruckend, stimmen Belge und die anderen Frauen überein.

„Wir schauen die Krippen mit anderen Augen an“, vergleicht Yilmaz Babul. Der Vorsitzende des Türkischen Kulturvereins in Bad Schussenried betrachtet die Figuren wie kleine Kunstwerke, bewundert die Kunstfertigkeit des Schnitzers, die Vielfalt der Krippenensembles, die aus den verschiedensten Epochen und Erdteilen stammen. Religiöse, andächtige Gefühle aber sind dem gläubigen Muslim hier fremd. „Bei uns im Islam gibt es keine Bilder, keine Darstellung von tierischen und menschlichen Figuren – und deshalb keine Krippen“, erklärt Babul. Und gebe es nicht auch im Christentum das Gebot, sich kein Bildnis von Gott zu machen? „Aber wir wollen nicht streiten“, fügt Babul rasch hinzu: „Wir wollen heute die Gemeinsamkeiten betonen.“

Und die gibt es durchaus. Jesus, Maria, der Engel Gabriel – sie alle tauchen unter ihren arabischen Namen Isa, Meryem und Chebrail auch im Koran auf. Und Abraham oder Ibrahim gelte ohnehin allen monotheistischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam, als religiöser Urvater, stellt Schmehle-Knöpfler die Verbindung her.

Auch die Weihnachtsgeschichte selbst hat – unter muslimischen Vorzeichen – Eingang in den Koran gefunden. Zwar bringt Meryem Isa nicht im Stall in Betlehem, sondern unter einer Palme zur Welt. Und freilich nicht als Gottessohn, sondern als Prophet. Mitunter ähneln sich die Texe aus den heiligen Schriften aber auf derart frappierende Weise, dass nur die Bezeichnungen „Gott“ oder „Allah“ erkennen lassen, ob es sich um eine Passage aus dem Koran oder der Bibel handelt. Und als Vorbeter Abdullah Belge mit sonorer Singstimme Auszüge aus dem Koran vorträgt, die dann von Pfarrer Anton Schmid mit der entsprechenden Bibelstelle verglichen werden, da führt das bei Muslimen und Christen im gleichen Maße zu Aha-Erlebnissen.

Allah ist Gott, Gott ist Allah

Etlichen Besuchern ist dieses Gefühl jedoch schon vertraut. Eine Führung durch das Steinhauser Wallfahrtsmuseum habe vor sechs Jahren den Grundstein für den muslimisch-christlichen Austausch gelegt, blickt Schmehle-Knöpfler zurück: „Sie sprachen von Allah, wir von Gott.“ Mittlerweile scheint der Kontakt enger geworden. Warum auch nicht? Schließlich, so die Krippensammlerin, habe man eine gemeinsame Basis: „Gott ist Allah und Allah ist Gott, der Einzige.“