Progymnasium

Ein System, um Menschen zu entmenschlichen

Bad Buchau / Lesedauer: 2 min

Neunte Klasse des Progymnasiums Bad Buchau besucht Gedächtnisstätte Dachau
Veröffentlicht:28.04.2017, 18:51
Aktualisiert:23.10.2019, 06:00

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Geschichte vor Ort erfahren: Das ist das Ziel der Exkursion des Progymnasiums Bad Buchau gewesen. Die Schüler der neunten Klasse besuchten die Gedächtnisstätte in Dachau – eine besondere Ausfahrt, die auch dem Programm der Unesco-Schulen entspricht.

Bereits beim Betreten des Geländes durch das geschmiedete Eisentor mit dem pervertierten und zynisch wirkenden Sinnspruch „Arbeit macht frei“ fällt der Blick des Besuchers auf die weite Fläche des Lagers. Heute sind darauf nachgebaute Häftlingsbarracken zu besichtigen.

Die Weite des Appellplatzes, auf dem Häftlinge stundenlang regungslos ausharren mussten, kontrastiert stark mit der räumlichen Enge der Baracken. Die Anlage der „Baracke X“, die wegen stetig steigender Todesfälle um ein zusätzliches Krematorium erweitert werden musste, veranschaulicht die Ideologie der Nationalsozialisten.

In diesem System hatte das Fremde und Andersartige keinen Platz. Wer nicht in das Schema des „guten Deutschen“ passte, wurde in einem bürokratisch perfekt organisierten Ordnungssystem aussortiert, registriert, klassifiziert, uniformiert, etikettiert, renditeorientiert bewirtschaftet und zuletzt wie Abfall kostengünstig und hygienisch „entsorgt“: Juden, Homosexuelle, „Zigeuner“, Zeugen Jehovas, Adventisten, Kleriker, die sich nicht an die Stillhalteabkommen ihrer Kirchen hielten, Kommunisten, Pazifisten, Deserteure, „Wehrkraftzersetzer“, „Asoziale“, Rassenschänder wurden durch Arbeit und Unterernährung erniedrigt und vernichtet.

Eine wichtige Rolle bei ihrer Unterdrückung spielten die Opfer selbst. Jeder Zehnte, so erfuhren die Progymnasiasten, war ein sogenannter „Funktionshäftling“, die den reibungslosen „Betrieb“ des Lagers ermöglichten. Belohnt wurde man durch den Besuch eines Lagerbordells mit Zwangsprostituierten. Ziel dieser ausgeklügelten Herrschaftsordnung, die sich der Schwächen der Menschen perfekt bediente, um sie um so besser zu kontrollieren, war einmal die sichere Organisation des Lagers durch wenige Wachmänner, andererseits aber auch die Entwürdigung und Entmenschlichung der Häftlinge. Die Inhaftierten sollten sich selbst als der Abschaum fühlen und zu dem Abschaum werden, der sie in den Augen der anderen waren.

Gewalt ist auch heute gegenwärtig

Nicht zuletzt wurde damit auch die übrige Bevölkerung diszipliniert, da man kaum etwas mehr fürchtete, als an diesen Ort gebracht zu werden. Bedenklich muss es jeden Beobachter stimmen, dass ein solches System bis zuletzt reibungslos funktionierte und sogar noch eine ökonomische Rendite erwirtschafte, nicht zuletzt für namhafte deutsche Firmen.

Auf dem langen Weg über das Gelände zurück zum Eingangstor fiel der Blick der Schüler auf die Skulpturen und Gedenktafeln vor dem Wirtschaftsgebäude. Sie erinnern an die vielen Opfer unmenschlicher politischer Ideologien, mahnen eindrücklich zur Wachsamkeit und rufen gerade heute wieder zur Achtung der Menschenrechte auf. Denn ideologisch begründete Gewalt ist nicht vergangen, sondern gegenwärtig.