Demenz

Ein alltägliches Drama

Bad Buchau / Lesedauer: 4 min

Premiere: „Dave und der verlorene Blues“ zeigt, was die Volkskrankheit Demenz bedeutet
Veröffentlicht:19.03.2018, 18:26
Aktualisiert:22.10.2019, 21:00

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Das Herz begreift oft schneller als der Verstand. So erging es am Samstagabend wohl auch den Besuchern der Premiere von „Dave und der verlorene Blues“, dem Demenztheater-Stück auf Schloss Ehrenfels bei Hayingen. Mit ihrem emotionalen Spiel verstanden es die Schauspieler Kerstin Baum und Max Wiest unmittelbarer, eindringlicher begreifbar zu machen, was Demenz ist und was die Krankheit für Betroffene und Angehörige bedeutet. Eine anschließende Expertenrunde half, die Eindrücke einzuordnen und zu vertiefen.

Ein grünes Ledersofa, ein kleiner Couchtisch, Wohnzimmerteppich, Wäscheständer und eine in der Ecke abgestellte Gitarre: So schlicht, so alltäglich, so normal nimmt sich das Bühnenbild aus. Und ja: Auch die Handlung von „Dave und der verlorene Blues“ ist alltäglich, mit Szenen, wie sie sich wohl in Zeiten des demografischen Wandels in sehr vielen Haushalten abspielen. Und auch wieder gar nicht alltäglich. Denn für die Betroffenen ist alles zunächst überhaupt nicht normal. Da wird das behagliche Wohnzimmer häufig genug zum Spannungsraum, zum Kampfschauplatz und der Alltag gerät zum ganz großen Drama.

Im Mittelpunkt des Geschehens: der demenzkranke Dave (Max Wiest), einst cooler Bluesmusiker, und seine Tochter Paula (Kerstin Baum). Ihr alltägliches Drama fängt schon bei so etwas Banalem wie dem Mittagessen an. Dave will nicht, ihm schmeckt’s nicht. Paula redet mit Engelszungen auf ihn ein, fürsorglich, mütterlich. Schließlich behandelt sie ihn wie ein Kleinkind, ergreift den Löffel und möchte ihn zu seinem Mund führen. Dave wird unwirsch, wehrt ab: „Ich kann selber essen.“ Als Paula den Raum verlässt, folgt seine „Rache“: Flugs stülpt er den vollen Teller um und blickt mit einem Ausdruck kindischen Triumphs in die Runde.

Regisseurin Yasemin Kont mutet den Zuschauern mit ihrem selbstgeschriebenen Stück einiges zu. Schonungslos ehrlich lässt sie ihre Figuren ausagieren, wie die Krankheit Demenz beider Leben bestimmt. Paula ist den schwankenden Stimmungen ihres Vaters schutzlos ausgesetzt. Angst wechselt mit Wut, Hilflosigkeit mit Ablehnung oder dem Bedürfnis nach Nähe. „Ein Tanz auf dem Vulkan“ sei das, sagt Paula: „Er ist so unberechenbar. Ich lebe in ständiger Angst, etwas falsch zu machen. Man weiß nie, wie er reagiert.“

Wer pflegt, muss funktionieren

Immer wieder wechselt Paula im Stück auf eine Seitenbühne, um sich direkt ans Publikum zu wenden. Erst hier, in Distanz zu ihrem Vater, spricht sie über ihre Gefühle, die sie ihm gegenüber unter Kontrolle zu halten versucht. Denn als Pflegerin muss sie funktionieren, auch wenn sie daran fast zerbricht. Wird sie sich dann doch einmal ihrer eigenen Bedürfnisse bewusst, quält sie sich mit Selbstvorwürfen: „Es ist falsch, dass ich so denke; falsch, dass ich so fühle. Das darf ich nicht.“ Schließlich ist Dave noch immer „mein starker Papa“.

Für die Besucher ist Paula die Identifikationsfigur. Die junge Kerstin Baum vermittelt ihre innere Zerrissenheit glaubwürdig und verleiht ihrer Figur eine Verletzbarkeit, die das Publikum rührt – und auch wütend macht: Wie kann der Staat, die Gesellschaft pflegende Angehörige so alleine lassen?

Auch Max Wiest hat als Dave die Sympathien auf seiner Seite. Seine Wutausbrüche vermitteln dem Zuschauer immer auch die darunter verborgene Hilflosigkeit, seine Verlorenheit. Zuweilen auch die Trauer um einen Verlust, den er mehr spürt als begreift: „Der Sänger der angesagtesten Bluesband, der hieß Dave. Und Dave, das war ich. Wir waren angesagt. Und cool. Und hip.“ Die Anzeichen der Demenz spielt Wiest verblüffend authentisch – da ist der Amateurschauspieler, der sonst eher in den leichten Komödien zuhause ist, gehörig über sich hinausgewachsen.

Besonders berührend ist Daves Monolog zum Schluss, eine Innenschau in seine Gefühlswelt, in der er zu seiner Tochter spricht. Demenz ist nicht heilbar. Der Blues bleibt für Dave verloren. Doch was bleibt, sind Liebe und Verständnis, auch dann, wenn die Sprache uns verlässt.