Wielandhalle

Gedenktafel erinnert in Oberholzheimer Wielandhalle an den „bekanntesten Unbekannten“

Achstetten / Lesedauer: 4 min

Christoph Martin Wieland gehörte zusammen mit Goethe, Schiller und Herder zum Viergestirn der Weimarer Klassik. Nun erhält der gebürtige Oberholzheimer eine Gedenktafel. Was den Dichter bis heute unvergessen macht.
Veröffentlicht:13.11.2022, 05:00

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Eine neue Gedenktafel in der Wielandhalle in Oberholzheim erinnert an ihren Namensgeber Christoph Martin Wieland. Die Tafel soll vor allen Dingen dazu dienen, das Bewusstsein über den im Oberholzheimer Pfarrhaus geborenen Dichter und Übersetzer zu schärfen. Mit Goethe, Schiller und Herder gehörte Wieland zum sogenannten Viergestirn der Weimarer Klassik.

„Sie sehn den Wald vor lauter Bäumen nicht“, lautet sicherlich eines der bekanntesten Zitate Wielands. Dennoch trägt die Gedenktafel, die nun im Eingangsbereich der Wielandhalle hängt, den Titel „Christoph Martin Wieland – der bekannteste Unbekannte“. „Die wenigsten wissen, warum die Wielandhalle eigentlich so heißt“, erklärt der stellvertretende Bürgermeister und Gemeinderat Thomas Dürr. „Im Pfarrhaus gibt es zwar das Wielandzimmer, aber da gehen nur wenige hin. Mit dieser Tafel können sich nun Jung und Alt weiterbilden.“

Shakespare-Übersetzungen ohne Englischkenntnisse

Seit September hängt die Gedenktafel in der Halle. Darauf abgebildet ist ein langer Zeitstrahl, der Wielands Lebensgeschichte aufarbeitet, ebenso wie einige Bilder und Zitate. Auch einige Wortschöpfungen Wielands, die im Zuge seiner Shakespeare-Übersetzungen entstanden, wurden auf der Tafel vermerkt: „Heimatlos“, „Steckenpferd“, „Bettzeit“ oder „Anziehungskraft“.

Auf Wielands Shakespeare-Übersetzungen kommt auch der ehemalige Rektor der Grundschule Oberholzheim Peter Gugumus, der sich intensiv mit Wielands Geschichte befasst hat, zu sprechen: „Man muss sich das vorstellen: Er konnte kein Wort Englisch und hat alles mithilfe eines Wörterbuchs übersetzt.“ 22 Werke Shakespeares seien von Wieland übersetzt worden.

Wandelnde religiöse Einstellung Wielands

Auch Dominik Scholz , Bürgermeister von Achstetten, zeigt sich froh über die neue Gedenktafel: „Wieland ist ein großer Kopf, an den erst später gedacht wurde“, sagt er. Insbesondere freue Scholz, dass eine weitere Person, die ihrer Zeit voraus war, aus dem „Nest“ Oberholzheim stamme. Denn dort wurde Christoph Martin Wieland 1733 geboren. Um genau zu sein: Im Pfarrhaus in Oberholzheim.

Dies spricht auch der evangelische Achstetter Pfarrer Andreas Kernen an: „Für die Kirche ist er ein Pfarrerssohn“, sagt er und lacht. „Wieland selbst hatte eine sich sehr wandelnde religiöse Einstellung. Auch in dieser Hinsicht war er modern und hat das angenommen, was ihm gepasst hat.“

Vorreiter für eine offenere Ehe

Auch über Wielands Bescheidenheit wird im Zuge der Einweihung gesprochen: „Wie Goethe und Schiller hätte Wieland adlig werden sollen, hat das aber abgelehnt“, erklärt Gugumus.

Barbara Leuchten, Präsidentin der Wielandgesellschaft Biberach, erzählt, Wieland sei zudem als Aufklärer für die Ehe zwischen hohem und niedrigen Stand eingetreten. Eine Anspielung auf die unglückliche Liebesgeschichte Wielands mit der Chorsängerin Christine Hogel, genannt „Bibi“, mit der Wieland ein Kind hatte, sie allerdings nicht heiraten konnte. „Wieland hat die Frau finanziell unterstützt und hat zu seiner Liebe gestanden“, berichtet Gugumus. Bis zu seinem Tod ist Wieland seiner Zeit voraus, im Jahr 1813 stirbt er in Weimar.

Heimatnähe in Gedichtsammlung verewigt

Nun können sich die Menschen in Oberholzheim mithilfe der Gedenktafel über Wielands Leben und Wirken informieren. Die Gestaltung der Tafel, ebenso wie die historische Recherche, übernahm allen voran Grafikerin Anja Ilg, die ursprüngliche Idee hatte Thomas Dürr im Zuge der Renovierung der Wielandhalle. Der Vorschlag einer Silhouette Wielands neben der Tafel stammt von Kai Feneberg, dem ehemaligen Bürgermeister der Gemeinde.

Über den heutigen Stolz seines Geburtsortes auf ihn, hätte sich Wieland wohl sicherlich gefreut. Denn, wie Gugumus berichtet, habe sich der Dichter immer gerne an Oberholzheim zurück erinnert. Festzustellen sei dies in seinem Gedicht „Oberon“, das ebenfalls auf der Tafel erwähnt wird: „Du kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen, den ersten Schmerz, die erste Lust empfand, sei immer unscheinbar, unbekannt, mein Herz bleibt ewig doch vor allem Dir gewogen, fühlt überall nach Dir sich heimlich hingezogen.“