Bayern

Zahl der Unfälle mit E-Scootern steigt sprunghaft an

Lindau / Lesedauer: 8 min

Die Zahl an E-Scootern hat in Deutschland deutlich zugenommen – die Zahl der Unfälle auch. Die Verkehrswacht fordert deshalb strengere Regeln.
Veröffentlicht:22.01.2023, 19:00
Aktualisiert:22.01.2023, 01:00

Von:
Artikel teilen:

Stockach. Eine 25-Jährige ist in den frühen Morgenstunden des 23. November mit dem E-Scooter auf einer Kreisstraße zwischen den Ortschaften Windegg und Raithaslach unterwegs. Kurz nach dem Ortsausgang von Windegg wird sie vom rechten Seitenspiegel eines vorbeifahrenden Autos gestreift.

Die E-Scooter-Fahrerin stürzt und verletzt sich schwer am Kopf. Ein Helikopter fliegt sie ins Krankenhaus. Die Polizei vermutet, dass die Frau am Steuer des Autos die E-Scooter-Fahrerin zu spät gesehen hat, weil es noch dunkel war. Aus dem Polizeibericht geht nicht hervor, ob die 25-Jährige einen Helm getragen hat.

Schwer verletzt ins Krankenhaus

Aalen. Beim Abbiegen übersieht ein 57-jähriger E-Scooter-Fahrer am 20. November ein entgegenkommendes Fahrzeug. Der Mann ohne Helm stürzt über den Lenker auf die Straße. Er wird schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht.

Ganze Flotte von Rollern

Meldungen aus den Presseberichten der Polizeipräsidien zeigen es: Die Zahl der Unfälle mit E-Scootern steigt. Das gilt vor allem in Städten und vor allem dort, wo Firmen eine ganze Flotte der Roller mit Elektroantrieb als Leihfahrzeuge in den öffentlichen Raum stellen. Zum Beispiel in Lindau. Dort hat das Berliner Unternehmen Tier 200 Leih-E-Scooter im Einsatz. In der Stadt am Bodensee gab es im Jahr 2020 noch keinen einzigen Unfall mit Beteiligung eines E-Scooters, im Jahr darauf waren es drei, im Jahr 2022 schon acht.

„E-Scooter sind eine relativ neue Fahrzeugart, insofern hat die Steigerung der Unfallzahlen auch mit dem vermehrten Vorhandensein im Straßenverkehr zu tun“, sagt Dominic Geißler, Sprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West. Mit der Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung hat der Bund im Sommer 2019 die E-Scooter auf deutsche Straßen losgelassen.

900.000 E-Scooter sind unterwegs

Der damalige Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hatte sich dafür starkgemacht. Für die Fotografen sauste der CSU-Mann mit einem E-Scooter durch die Gänge seines Ministeriums, am liebsten hätte er die Fahrzeuge bis zu einer gewissen Geschwindigkeit sogar für die Nutzung auf dem Gehweg zugelassen. Das verhinderten die Bundesländer.

Aber auch so lauern im Straßenverkehr genügend Gefahren für die Fahrer der bundesweit inzwischen 900.000 E-Scooter. Das zeigen Daten aus den Innenministerien der Länder. In Bayern stieg die Zahl der Unfälle in den ersten zehn Monaten des Jahres 2022 auf 1097 – ein Plus von 44 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. In Baden-Württemberg waren es 746 Unfälle, 46 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. In beiden Bundesländern endeten je zwei Scooter-Fahrten tödlich.

Zu schnell und zu wenig Ahnung

Nicht immer sind die Folgen so gravierend, oft bleibt es aber bei Prellungen und Schürfwunden. Doch bei über 80 Prozent all jener Unfälle, an denen E-Scooter beteiligt waren, wurden Personen verletzt, heißt es aus dem Stuttgarter Innenministerium. Die Scooter-Fahrer haben keinerlei Puffer oder Knautschzone. In aller Regel ist das Problem nicht das Gerät, sondern der Mensch.

„Wir haben ein klares Bild davon, was falsch gemacht wird und wo wir Aufklärungsbedarf sehen, und zwar bei mangelnder Verkehrstüchtigkeit, zu hoher Geschwindigkeit und Unkenntnis der Verkehrsregeln“, sagt der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl. Der CDU-Politiker findet den Trend zum Scooter zwar unterstützenswert – aber „freilich nicht zulasten der Verkehrssicherheit“.

Fahrer sind betrunken oder stehen unter Drogen

Das mit Abstand häufigste Problem: Die Unfallfahrer auf zwei Rädern waren betrunken, bekifft oder beides. Dies war in 125 von jenen insgesamt 555 Fällen so, bei denen E-Scooter-Fahrer im Südwesten einen Unfall selbst verursachten (Tabelle oben). Der Missbrauch von Rauschmitteln spiegelt sich auch in den Polizeiberichten wider.

Geislingen/Steige. Einer Polizeistreife fällt am 6. Januar ein Mann mit einem E-Scooter auf, der auf einem Radweg entgegen der Fahrtrichtung fährt. Als die Beamten den Fahrer kontrollieren, schöpfen sie Verdacht, dass er unter Einfluss von Rauschgift stehen könnte. Ein Drogentest bestätigt das. Der Fahrer muss in der Klinik eine Blutprobe abgeben und wird angezeigt.

Mit 1,8 Promille unterwegs

Biberach. Gleich zwei E-Scooter-Fahrer zieht die Polizei in Biberach am 3. Januar aus dem Verkehr. Zunächst einen Mann gegen 22 Uhr am Bismarckring, eine Stunde später einen weiteren an der Waldseer Straße. In den Taschen des Letzteren fanden die Beamten noch etwas Rauschgift.

Friedrichshafen. Um 3 Uhr nachts fällt Beamten am 10. Dezember ein E-Scooter-Fahrer mit extrem unsicherer Fahrweise auf. Eine Alkoholkontrolle ergibt 1,8 Promille. Außerdem hat der Mann Marihuana bei sich und gibt zu, auch schon welches geraucht zu haben. Er muss zur Blutabnahme in die Klinik und kassiert eine Anzeige.

Dass Alkohol und Drogen oft eine Rolle spielen, diese Erfahrung hat auch Polizeisprecher Geißler vom Präsidium Schwaben Süd/West gemacht. Allerdings gilt das nicht nur für E-Scooter-Fahrer, sondern für alle Verkehrsteilnehmer. Aber, so der Polizist: „Gerade am Anfang war vielen Nutzern vielleicht auch nicht bewusst, dass bei E-Scootern dieselben Promillegrenzen gelten wie für Autofahrer, man hat das intuitiv wohl eher auf eine Stufe mit dem Fahrrad oder mit dem Pedelec gestellt. Das ist aber nicht so.“

Es drohen hohe Strafen

Das bedeutet: Wer – wie der Scooter-Fahrer aus Friedrichshafen im Beispiel oben – mehr als 1,1 Promille im Blut hat, macht sich der Trunkenheit im Straßenverkehr und damit einer Straftat schuldig. Das kann zehn Monate Führerscheinentzug und zwei Monatsgehälter Strafe nach sich ziehen.

Sind schon bei weniger Promille deutliche Ausfallerscheinungen erkennbar – zum Beispiel wenn der Nutzer Schlangenlinien fährt – kann bereits eine Fahrt mit 0,3 Promille als Trunkenheit im Straßenverkehr gewertet werden.

Ansonsten handelt es sich im Bereich von 0,5 bis 1,1 Promille um eine Ordnungswidrigkeit, die beim ersten Verstoß mit 500 Euro Bußgeld und einem Monat Fahrverbot geahndet wird. In der Führerschein-Probezeit oder bis zum 21. Geburtstag gelten ohnehin null Promille.

Einer, dem die steigende Zahl an Unfällen mit E-Scootern besonders wenig gefallen kann, ist Patrick Grundmann. Er ist Sprecher des Unternehmens Tier, das E-Scooter nicht nur in Lindau, sondern unter anderem auch in Ulm und Neu-Ulm, Reutlingen, Tübingen und Überlingen verleiht.

Auch in Friedrichshafen will Tier nach einer abgeschlossenen Testphase gerne erneut einsteigen. Grundmann führt auf, was seine Firma alles unternehme für mehr Sicherheit im Straßenverkehr: Seine Firma unterstütze alle geltenden Grenzwerte und Richtlinien, ermuntere Nutzer zum freiwilligen Tragen eines Helms, mache bei Fahrsicherheitstrainings und in der für die Nutzung notwendigen Handy-App auf die Verkehrsregeln aufmerksam und befürworte Schwerpunktkontrollen der Polizei.

Im Verhältnis sogar weniger Unfälle

Mit Blick auf die Unfallzahlen ist Grundmann wichtig: „Die Anzahl der gestiegenen Unfälle rein auf die gestiegene Anzahl an E-Scootern und Fahrten zu reduzieren, greift zu kurz.“ Insgesamt habe die Mobilität der Menschen 2022 gegenüber dem Corona-Jahr 2021 deutlich zugenommen – ein Befund, den auch Polizeisprecher Geißler bestätigt. Daten von Tier und seinen Mitbewerbern würden außerdem zeigen, dass die Zahl der Unfälle im Vergleich zu 2019 sogar abgenommen habe, wenn man sie ins Verhältnis zur Flottengröße setzt, so Grundmann.

Der Tier-Sprecher weist außerdem darauf hin, dass E-Scooter-Fahrer sich nur äußerst selten schwer verletzen würden, wenn kein Auto in den Unfall verwickelt ist. Daher wirbt Grundmann für mehr Radwege: „Studien aus aller Welt belegen, dass Unfälle mit Fahrrädern und E-Scootern in denjenigen Städten dramatisch abnehmen, die in großem Stil separate Fahrbahnen für Zweiradfahrer, getrennt vom Autoverkehr, eingeführt haben.“ E-Scooter müssen den Radweg nutzen, wenn es einen gibt, und nur in anderen Fällen auf die Straße ausweichen.

Trotz allem: Die Unfallstatistik verschärft ein Imageproblem, das die Elektroflitzer bei einem Teil der Bevölkerung ohnehin schon haben – nicht jeder ist von dieser Art der Mobilität so angetan wie der ehemalige Verkehrsminister Scheuer.

Anbieter kämpfen mit Vandalismus

In Lindau beispielsweise entzündete sich Kritik von Anwohnern an einer E-Scooter-Stellfläche direkt vor einer historischen Kapelle im Ortsteil Schachen, andere mokierten sich über eine Riege umgekippter Roller am Straßenrand.

Bundesweit haben Anbieter immer wieder mit Vandalismus zu kämpfen, auch wenn Tier-Sprecher Grundmann für die Scooter am Bodensee beteuert: „Die Bürger und Gäste von Lindau gehen grundsätzlich gut mit unseren Fahrzeugen um.“

Womöglich auch um das Image aufzupolieren, geben sich die Scooter-Verleiher betont aufgeschlossen gegenüber allen Initiativen für mehr Sicherheit. Das Land Baden-Württemberg hat die Aufklärungskampagne „#rideitright“ gestartet, mit der Nutzer verstärkt auf die Verkehrsregeln hingewiesen werden.

Frankreich

Paris lässt Einwohner über Zukunft von E-Scootern abstimmen

qFrankreich

Verkehr

Anpassung der Promillegrenze für E-Scooter-Fahrer gefordert

qNiedersachsen

Abstellort

E-Scooter hängt an Schornstein von Supermarkt

qAus aller Welt

Die Deutsche Verkehrswacht wiederum, die das Thema zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit machen will, hat eine Partnerschaft mit vier Scooter-Anbietern geschlossen. Gemeinsam wollen sie nun überlegen, wie man das Fahren und Abstellen der Roller sicherer machen kann. Auch beim Deutschen Verkehrsgerichtstag, bei dem von Mittwoch bis Freitag dieser Woche Verkehrsexperten aus ganz Deutschland in Goslar zusammenkommen, werden E-Scooter ein Thema sein.

Die Verkehrswacht veröffentlicht dazu an diesem Montag ihre Vorschläge. Neben mehr Aufklärung und Trainings gehört dazu auch die Idee, das sogenannte Geofencing zuzulassen.

Dieses ermöglicht es mittels GPS-Tracking, Fahrzeugen in bestimmten Bereichen den Motor abzustellen oder die Geschwindigkeit zu drosseln – etwa in Fußgängerzonen, Parks oder auf Friedhöfen. Der Fahrer hätte darauf keinen Einfluss.

Das Kraftfahrtbundesamt hat Bedenken. Strittig könnte etwa die Frage werden, ob die Gefahr im Straßenverkehr nicht eher steigt, wenn der Fahrer über sein eigenes Fahrzeug nicht die volle Kontrolle hat.