Stahltüre

Uli Hoeneß in Haft: Wenn die Welt sehr klein wird

Landsberg am Lech / Lesedauer: 6 min

Ein Besuch in jenem Gefängnis, in dem Uli Hoeneß wohl seine Haftzeit verbringen muss
Veröffentlicht:31.03.2014, 19:20
Aktualisiert:24.10.2019, 15:00

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Die schwere Stahltüre fällt mit einem leichten Rums ins Schloss. Von innen wirkt sie mit ihren gelben Farbtönen sogar freundlich. Nichtsdestotrotz ist die Tür nun zu und die Welt arg geschrumpft. „Gute acht Quadratmeter bleiben“, sagt ein streng blickender Justizvollzugsbeamter des Gefängnisses in Landsberg am Lech. So groß ist dort eine Einzelzelle. Das vergitterte Fenster liegt in rund 1,90 Metern Höhe und wirkt wie ein Oberlicht. Eine bedrückende Szenerie, wenn man sie nicht gewohnt ist. Fast drängt sich Platzangst auf.

Für Zeitgenossen, die korpulent sind, fängt die Enge schon bei der Türe an. Viel mehr als Schulterbreite von normal gebauten Herren messen sie nicht. Aber es hilft nichts, ein besonders prominenter Häftling wird sich demnächst an beschränkte Maße gewöhnen müssen. Gemeint ist Uli Hoeneß , der ehemalige Präsident des FC Bayern München.

Für dreieinhalb Jahre schickte ihn das Münchner Landgericht II hinter Gittern. Höchstwahrscheinlich wird er in die Landsberger Justizvollzugsanstalt kommen. Sie ist für den Oberlandesgerichtsberzirk München üblicherweise das Quartier für Häftlinge, die bisher nicht mehr als drei Monate in Haft gewesen waren.

Alle werden gleich behandelt

Die resolute Gefängnischefin Monika Groß darf zwar aus rechtlichen Gründen nichts zum Schicksal der gefallenen Fußballgröße sagen. Aber gerade wegen ihm hat sie am Montag morgen über 150 Journalisten hinter ihren grauen Mauern zu Gast. Das Medien-Interesse an Hoeneß’ möglichem künftigen Lebensmittelpunkt war so groß gewesen, dass sich die sonst eher verschlossene bayerische Justiz zu einem solchen Besuchertag durchgerungen hat. Wobei Monika Groß die Entwicklung gelassen sieht und meint: „Wir hatten schon öfter prominente Häftlinge.“ In jüngerer Vergangenheit war dies unter anderen der frühere Adels- und Jetset-Reporter Michael Graeter gewesen, das Vorbild für Baby Schimmerlos in der Journalistenkomödie Kir Royal.

Groß will letztlich sagen, dass bei ihr alle gleich behandelt werden – egal ob groß oder klein. „Einen Bonus bekommt keiner“, so die Anstaltsleiterin. Sollte also Hoeneß die nächsten Wochen eine Ladung nach Landsberg bekommen, läuft die übliche Routine an. Der Ex-Bayernchef wird sich vielleicht per Taxi nach Landsberg chauffieren lassen. Vielleicht fährt ihn auch seine Frau oder ein Kumpel.

Unter Denkmalschutz

Das Ziel liegt auf den Lechwiesen am Hindenburgring. Dort steht das Eingangsgebäude der Justizvollzugsanstalt. Es wird von zwei Ziertürmchen mit barock gehaltenen Dachhauben flankiert. Ein Hinweis darauf, dass das Gefängnis bereits älter ist. Erbaut wurde es, als Bayern noch ein Königreich war: von 1904 bis 1908.

Der zentrale Zellenkomplex sieht aus wie ein Windmühlenflügel: ein ausgedehnter Rundturm als Nabe in der Mitte, von dort ausgehend vier langgestreckte, dreistöckige Zellenblöcke, die von außen wie Festungskasernen wirken. Das Gros der Anlage steht unter Denkmalschutz. Die katholische Anstaltskirche ist sogar künstlerisch höchst wertvoll gemäß dem Stil der Kunstschule der Erzabtei Beuron gestaltet.

Den sonst eher traditionell geprägten Hoeneß dürfte dies aber wohl kaum aufbauen. Schnell wird sich die Rundbogentür des Eingangsgebäudes hinter ihm schließen. Dann ist er in einer anderen Welt. Persönlich bleiben ihm Ehering, Armbanduhr und ein Schmuckstück, sofern er auf so etwas Wert legen sollte. Ansonsten erhält jeder Häftling die Anstaltskleidung, eine Art Blaumann plus Hemd und Pulli. Dies ist der Anfang. Es folgen medizinische Untersuchungen, ebenso ein Psycho-Check. Die ersten beiden Wochen kommen die Neuankömmling dann in eine Zwei-Mann-Zelle, die zur Aufnahmeabteilung gehört.

Die Anstaltsleitung will den Häftling erst einmal beobachten. Wie ist er drauf? Wie reagiert er auf die Haft? Desweiteren sollen sich die beiden gegenseitig im Auge behalten. Mancher einer hat nach dem ersten Schock beim Gefängniseintritt Selbstmordgedanken gehegt. Wenn die Eingangsphase vorbei ist, geht es in den Routinevollzug. Dies bedeutete oft eine Einzelzelle, eventuell aber auch einen Raum, in dem vier Häftlingen seien, erklärt Franz Röck, Leiter des Allgemeinen Vollzugsdienstes in Landsberg.

Sicher ist nur, dass Hoeneß eine gewisse Zelle nicht erhalten wird. In ihr saß 1924 für knapp neun Monate Adolf Hitler, der bekannteste aller Landsberger Häftlinge. Der spätere deutsche Diktator war wegen seines Putschversuches im Jahr davor verurteilt worden – aber nur zu Festungshaft, einer Art lockeren Ehrenhaft, die damals verhängt wurde, wenn der Richter keine kriminellen Motive feststellte. Duellanten kamen üblicherweise in Festungshaft, oder auch politische Täter.

In Landsberg hatte man seinerzeit eigens ein abgetrenntes Gebäude für diese Art der Haft hergerichtet. Dort saß auch Hitler. Seine Zelle existiert aber nicht mehr. In dem entsprechenden Gebäude sind heute Gefängnisbetriebe untergebracht. Prinzipiell soll ein Häftling arbeiten. Wie viele dies können, ist konjunkturabhängig. Gegenwärtig sind in Betrieben wie der Druckerei oder Schreinerei knapp 60 Prozent der Inhaftierten für durchschnittlich zwölf Euro am Tag tätig.

Gefragt sind Handwerker

Gefragt sind vor allem handwerkliche Fähigkeiten. Schlecht für Hoeneß. Ein Scherzbold in der journalistischen Besuchergruppe hat deshalb die Küche als seinen Arbeitsplatz vorgeschlagen. Immerhin sei Hoeneß ja auch noch Wurstfabrikant. Seine Fans sehen ihn dagegen eher als Freigänger, der tagsüber am Schreibtisch in der Bayernzentrale arbeitet.

Doch hier warnt der extra nach Landsberg gekommene Frank Arloth, Leiter der Abteilung Justizvollzug im bayerischen Justizministerium: Vor einem solchen Freigang würden hohe Hürden liegen. Für die meisten Inhaftierten käme dies erst 18 Monate vor Haftende in Frage. Entsprechend dünn seien in Landsberg auch die Plätze für den offenen Vollzugs gesät, acht Prozent von den gegenwärtig 554 verfügbaren Haftplätzen.

Zumindest die erste Zeit wird sich auch ein Hoeneß auf 24 Stunden Knast einstellen müssen. Seine Gesellschaft: Mörder, Vergewaltiger, Kleinkriminelle, Steuerhinterzieher wie er. Deren Status wird in der Kriminellenwelt als mittelprächtig eingeschätzt. Ganz unten sind Kinderschänder. Hoeneß wird seine Haftkameraden beim Ausgang auf dem gepflasteren Hof treffen – oder auch auf den langen, düsteren Gängen der Zellenblöcke. Sie sind zu den anderen Stockwerken offen. Aufgespannte Netze verhindern, dass sich Häftlinge in die Tiefe stürzen. Suizide hat es in der Vergangenheit immer mal wieder gegeben.

Bekommt Hoeneß eine Einzelzelle, würde dies wenigstens einen intimen Rückzugsort bedeuten. Viel ist nicht drin: ein Bett mit Schaumstoffmatratze, ein Spind, ein Tisch, ein Stuhl, ein Waschbecken, ein Klo. Ein wenig individuelle Gestaltung gibt es jedoch, wie ein Blick in einige Zellen zeigt. Der eine hat Bilder von nackten Frauen an der Wand, beim nächsten liegt der Koran auf dem Kopfkissen, ein anderer hortet Klo-Papier. Jeder scheint aber einen Fernseher zu haben. Er lässt sich von der Anstalt ausleihen oder auch kaufen.

Fußball ist großes Thema

Fußball ist ein großes Thema im Landberger Gefängnis – zum einen im TV, zum anderen in der Wirklichkeit. Es gibt einen holprigen Anstaltsfußplatz und einige Gefängnisteams, die darauf herumbolzen. Der Sky-Kanal im Fernsehen fehlt aber, und damit ein Großteil der Berichterstattung. Hoffentlich plagt den ehemaligen Ober-Bayern während der baldigen Fußballweltmeisterschaft nicht die große Sehnsucht nach seinem bisherigen Tun. Eine Flucht ist ziemlich aussichtslos. Seit Menschengedenken ist dies nur einmal gelungen. 2007 hat sich ein Häftling in der schmutzigen Wäsche nach draußen geschmuggelt.