Mobilitätsstudie

Mehr Radler dank E-Bikes

München / Lesedauer: 3 min

Studie offenbart Unterschiede zwischen Stadt und Land – Auto ist nicht zu verdrängen
Veröffentlicht:28.06.2019, 12:00
Aktualisiert:28.06.2019, 12:01

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Erfreuliches, Erstaunliches und Ernüchterndes hält eine neue Mobilitätsstudie für die Verkehrspolitiker in Bayern bereit. Dazu wurden fast 104 000 Menschen im Freistaat befragt, wie sie sich täglich bewegen. Dabei stellte sich heraus, dass der Anteil des öffentlichen Verkehrs an den täglich 506 Millionen Personenkilometern von 2002 bis 2017 zwar von 13 auf 18 Prozentpunkte angestiegen ist, der große Anteil der im Auto zurückgelegten Verkehrsleistung aber bei 56 Prozent verharrte. Der als Mitfahrer in Pkw zurückgelegte Kilometeranteil sank sogar um sechs Prozentpunkte auf 20 Prozent.

Jeder müsse sein eigenes Verkehrsverhalten hinterfragen, bevor er auf andere zeige, sagte Bayerns Verkehrsminister Hans Reichhart (CSU) bei der Vorstellung der Studie am Donnerstag in München. Irritiert hat den Minister unter anderem die Erkenntnis, dass jeder dritte Schüler mit dem Auto zur Schule gefahren wird (29 Prozent). 31 Prozent benutzen öffentliche Verkehrsmittel, 14 Prozent das Fahrrad und 25 Prozent gehen zu Fuß. Der sogenannte Modal Split verändert sich allerdings stark, je ländlicher die Region wird. In den Metropolen (München, Nürnberg) werden nur 16 Prozent der Schüler mit dem Auto zur Schule gebracht oder fahren selbst dorthin, in den dörflichen Räumen sind es 31 Prozent.

Radler auf dem Vormarsch

Erfreulich fand Reichhart die Erkenntnisse zum Radverkehr. Die bayerischen Städte schnitten gut ab. In der bayerischen Radlhauptstadt Erlangen liege der Radverkehrsanteil bei 28 Prozent, in München bei 18 Prozent. Weil mit den E-Bikes weitere Strecken zurückgelegt werden, eröffneten sich auch in den ländlichen Regionen neue Möglichkeiten, so der Minister. Die durchschnittlich mit einem E-Bike zurückgelegte Strecke beträgt 7,3 Kilometer, 43 Prozent mehr als bei einem normalen Fahrrad. Die Staatsregierung will darauf mit dem Ausbau von Fahrradwegen entlang von Bundes- und Staatsstraßen reagieren.

Die Studie offenbart allerdings auch weniger erfreuliche Aspekte. Obwohl der öffentliche Verkehrs zulege und von einem wachsenden Berufsverkehr profitiere, wird er von den Befragten am ungünstigsten bewertet und am wenigsten gern benutzt. Favorit in beiderlei Hinsicht ist das Auto, dessen Fahrleistung gegenüber der letzten Erhebung wiederum etwas angestiegen ist. Die Verkehrswende, heißt es in einem Resümee der Studienverfasser, sei „in Ansätzen erkennbar, erreicht aber nicht die oft erwartete Gesamtdynamik“. Insgesamt und vor allem außerhalb der Städte bleibe das Auto mit großem Abstand Verkehrsträger Nummer 1.

Die bayerische Pkw-Flotte ist inzwischen auf 7,7 Millionen angewachsen. Damit kommt mehr als ein Auto auf jeden Haushalt. Wenig verwunderlich: Je ländlicher die Gegend ist, desto umfangreicher der Autobesitz. Im dörflichen Raum haben nur sechs Prozent der Haushalte kein Auto, in den Metropolen 43 Prozent. Bayernweit verfügen fünf Prozent der Haushalte über drei Autos und mehr, 22 Prozent über zwei und 55 Prozent über ein Fahrzeug. Ohne Auto sind 19 Prozent.

Mehr jugendliche Stubenhocker

Als „auffällig“ bezeichnet die Studie eine wachsende Unbeweglichkeit bei Kindern und Jugendlichen. 14 Prozent der Bewohner Bayerns verlassen ihr Haus am Tag überhaupt nicht. Vor zehn Jahren waren es elf Prozent. Durchschnittlich legt eine Person am Tag jetzt 3,2 Wege zurück. Vor zehn Jahren waren es 3,4. Das sei einem „überdurchschnittlichen Rückgang bei Kindern und Jugendlichen sowie bei Haushalten mit niedrigem ökonomischen Status“ geschuldet. Während Kinder und Jugendliche seltener unterwegs sind, als 2002 und 2008 gemessen wurde, wachse die Automobilität bei den Senioren insbesondere in den höheren Altersgruppen und außerhalb der Großstädte ganz erheblich. Hintergrund seien mehr ältere Frauen, die selbst am Steuer sitzen.