Polizeiauto

Freundin Waltraud soll wilde Yvonne locken

Mühldorf / Lesedauer: 3 min

Im östlichen Oberbayern ist eine Kuh ausgebüxt und lebt nun wie ein Reh im Wald
Veröffentlicht:05.08.2011, 21:10
Aktualisiert:25.10.2019, 16:00

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Als „Kuh, die ein Reh sein will“ wurde sie bekannt: Nun soll das Rind, das seit gut zwei Monaten frei im Wald im Landkreis Mühldorf lebt, eingefangen oder notfalls abgeschossen werden. Nachdem das Tier beinahe mit einem Polizeiauto zusammengestoßen wäre, erließ das Landratsamt eine Anordnung zum Abschuss aus Sicherheitsgründen. Erich Kozel, Fachbereichsleiter öffentliche Sicherheit und Ordnung, hat dies nun bestätigt.

Zugleich versuchen Helfer des Gnadenhofs Gut Aiderbichl, die Kuh zu betäuben und nach Deggendorf zu bringen. Dort soll sie einen Platz bekommen — und wäre der Schlachtbank entronnen. Seit vergangenem Mittwoch ist gut ein Dutzend Helfer mit Aiderbichl-Experten und Tierärzten zu Fuß, mit Pferd und Geländewagen unterwegs, um das extrem scheue Rind aufzuspüren und zu betäuben. Zusätzlich sind zwei vom Landratsamt beauftragte Experten mit Betäubungs- und Jagdgewehr unterwegs.

Nur wenn aus Sicherheitsgründen nötig — etwa wenn die Kuh aufgeschreckt zur Straße läuft — soll sie erschossen werden. Die Helfer gehen mit großer Vorsicht vor. „Wir kennen die Wege, wo sie sich meistens aufhält. Aber momentan haben wir keine Spur“, sagt der Gutsverwalter von Aiderbichl, Hans Wintersteller . „Sie ist ja wie ein Reh, wie ein Wildtier.“ Die lange Zeit alleine im Wald habe ihre Instinkte geweckt — das sei aber nicht ungewöhnlich.

Am 24. Mai war die Kuh entwischt. Das sechsjährige Tier war von einem österreichischen Bauern an einen Kollegen bei Aschau am Inn verkauft worden, der sie mästen und schlachten wollte. Vielleicht merkte das Rind, dass seine Tage auf der Weide gezählt waren — es büxte aus und versteckte sich im Wald. Schon Anfang Juli berichtete die „Passauer Neue Presse“ von der sonderbaren „Kuh, die ein Reh sein will“. Denn wie ein Reh suchte sie einen festen Platz im Unterholz, an dem sie die Tage verbringt. Erst zur Dämmerung kommt sie aus dem Wald, wittert vorsichtig und beginnt dann erst zu grasen.

Seitens der Behörden hätte sie dieses Leben weiterführen können - wenn sie nicht am vergangenen Freitag ausgerechnet vor ein Polizeiauto gerannt und damit zum Sicherheitsrisiko für den Straßenverkehr geworden wäre. „Da konnte man nicht mehr zuschauen“, sagt Erich Kozel. „Es sind sofort Verkehrsschilder aufgestellt und alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden.“ Aiderbichl hat die Kuh inzwischen ihrem Besitzer abgekauft, um sie zu retten.

Das Rind erhielt den Berichten zufolge den Namen Yvonne — nach einer schwer kranken Frau aus Frankfurt, die sich sehr wünscht, dass das Tier lebend gefangen wird. Doch wie lange das dauern wird, ist offen — es kann, so sagen die Aiderbichl-Experten, Wochen dauern.

Eine Stallfreundin aus Österreich und ein Kälbchen sollen die ausgebüxte Kuh nun aus dem Wald locken. Die Helfer von Gut Aiderbichl, die Yvonne einfangen und auf den Gnadenhof bringen wollen, haben die Kuh Waltraud und den kleinen Waldi gekauft und nach Zangberg gebracht. Dort leben sie in einem eigens gebauten Gehege. Waldi soll Mutterinstinkte bei Yvonne wecken. „Sie hat ja selbst auch Kälbchen gehabt“, sagt der Salzburger Gutsverwalter von Aiderbichl, Hans Wintersteller. Erste Versuche schlugen indes fehl. „Wir versuchen es weiter.“

Nach mehreren Tagen vergeblicher Suche kommt nun auch neue Technik zum Einsatz. „Wir sind jetzt mit der Wärmebildkamera unterwegs“, berichtet Wintersteller. Bei Regenwetter hätten zum Beispiel am Donnerstag nur etwa 14 Leute bei der Suche geholfen, nötig seien aber 80 bis 100 Menschen, die dann das Unterholz durchkämmen könnten. Experten mit Betäubungsgewehren sollten die Kuh dann abfangen.

Seitens der Behörden hätte Yvonne das zurückgezogene Leben im Wald weiterführen können — wenn sie nicht vor einer Woche ausgerechnet vor ein Polizeiauto gerannt und damit zum Sicherheitsrisiko für den Straßenverkehr geworden wäre.