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Heldengedenken

Ein Allgäuer stirbt im Dschihad

Wangen / Lesedauer: 6 min

Marco G. aus Kempten ist zum Islam konvertiert und in den Krieg nach Syrien gezogen
Veröffentlicht:05.02.2014, 16:00

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Der Nachruf wird zum Heldengedenken. Abu Dawud al-Almani sei im Kampf gegen abtrünnige Muslime zwei Mal verwundet worden. Er habe sich verbinden lassen und weitergekämpft – bis zum Tod für seinen Glauben. So steht es im Internet bei einem Facebook-Auftritt.

Schauplatz des Gefechts war Syrien. Und die Nachricht bedeutet zuallererst, dass zu den bisher 130000 Toten in diesem Krieg ein weiterer hinzugekommen ist. Doch dieser Gefallene stammt aus Deutschland. Bereits der Zusatz al-Almani weist darauf hin. Hiesigen Sicherheitsbehörden sagt der Name sofort etwas. Dies gilt ebenso für deutsche Kreise extremistischer Muslime, Salafisten in diesem Fall. Zudem ist eine Familie in Kempten im Allgäu alarmiert. Sie kennt Abu Dawud nur zu gut. Hinter dem Kampfnamen versteckt sich Marco G. , ein 19-jähriger Bursche. Er ist der verlorene Sohn jener Familie.

Ob Marco G. wirklich so gestorben ist, wie es bei Facebook steht, lässt sich nicht überprüfen. Im Internet findet sich jedoch ein Bild, das offensichtlich seine Leiche zeigt. Kurz rasierte Haare, das Gesicht verschwollen, Blutspuren über Augen und Wangen, komischerweise aber ohne den bei Islamisten üblichen Vollbart. Die Eltern haben mitteilen lassen, sie hätten ihren Sohn erkannt. Die zitierte Todesnachricht stammt hingegen von einem Abu Asiya al-Turki. Das Namensanhängsel weist ihn als türkischstämmig aus.

Ob Abu Asiya Augenzeuge war, ist unklar. Ebenso wenig lässt sich ermitteln, wo er gerade ist. Die deutschen Behörden schweigen. Abu Asiya könnte im Norden Syriens sein, wo es zum Jahresbeginn Gefechte zwischen syrischen Rebellen und den Islam-Fanatikern der Nusra-Front gegeben hat, bei denen Marco G. angeblich umgekommen ist. Auf jeden Fall hat auch Abu Asiya eine friedliche Vergangenheit. Er kommt aus der nordrhein-westfälischen Stadt Dinslaken und hat dort das Berufskolleg besucht.

Sein Boxtrainer erinnert sich

Dieser geografische Bezugspunkt in Westdeutschland ist wichtig, um Marco G.s Spur zu folgen. Aber zunächst noch einmal zurück nach Kempten . Dort begann sein Weg in den Tod. Eine örtliche Journalistin hat Etappen davon recherchiert. Sie konnte dafür unter anderem mit der Schwester Marco G.s und seinem früheren Boxtrainer reden.

Offenbar hatte sich der junge Allgäuer bis vor ein, zwei Jahren kaum von anderen Kemptener Jugendlichen unterschieden. Er machte eine Lehre und boxte in einem ganz normalen Sportverein. Offenbar kam Marco G. dann unter den Einfluss eines islamischen Freundes mit Migrationshintergrund. Vor ein, zwei Jahren soll er zum Islam konvertiert sein. Sein Boxtrainer, ein älterer bodenständiger Herr, berichtet: Marco G. habe ihm mitgeteilt, er sei zum Islam übergetreten und werde nicht mehr gegen Menschen boxen. Irgendwann muss sich Marco G. aber radikalisiert haben. Das lässt sich auch in seinem Facebook-Auftritt ablesen. Es strotzt vor Dschihad-Propaganda und der Verachtung für die Kafir, die Ungläubigen.

Wo genau Marco G. in die Szene extremistischer Muslime abgerutscht ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Es dürfte aber eher nicht in Kempten gewesen sein. Aussagen aus dem Familienkreis und Spuren im Internet weisen Richtung Nordrhein-Westfalen. Dass ausgerechnet dieses Bundesland für Marco G. eine Zwischenstation wurde, ist kein Zufall.

War noch vor wenigen Jahren der Ulmer Großraum eine Hochburg militanter Islamisten, haben sich die Szene-Schwerpunkte Richtung Norden verlagert. Die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass dies mit dem jeweiligen Wirkungsort charismatischer Wortführer zusammenhängt. So war in der Ulmer Gegend bis etwa 2004 der ägyptische Arzt Yehia Yousif eine zentrale Figur. Inzwischen ist er verschollen. Der Arzt pflegte vor seinem Verschwinden Kontakte nach Nordrhein-Westfalen – und zwar zur sogenannten Sauerland-Gruppe. Sie bestand aus einem Kern von vier Männern, die 2007 verhaftet wurden. Das Quartett hatte Sprengstoffanschläge geplant.

Zur Sauerland-Gruppe unterhielt auch Eric Breininger Verbindungen. Dieser ursprünglich aus dem Saarland stammende Konvertit galt zwischen 2007 und 2010 als einer der gefährlichsten Islam-Fanatiker aus Deutschland. Er kam vermutlich im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet um. Noch ein Islamist war in Nordrhein-Westfalen aktiv: Abu Hamza alias Pierre Vogel, seit Jahren der wohl auffälligste Hassprediger in Deutschland. Er stammt aus der Kölner Gegend.

Wenige Kilometer weiter in Solingen befand sich wiederum für ein gutes halbes Jahr das Hauptquartier von Millatu Ibrahim, einer militanten Salafisten-Organisation. Sie wurde am 29. Mai 2012 wegen verfassungsfeindlicher Bestrebungen verboten. Millatu Ibrahim scheint für das Schicksal von Marco G. eine entscheidende Bedeutung gehabt zu haben. Es gibt bei Facebook ein Bild, auf dem er und zwei Freunde posieren. Auf ihren T-Shirts sind die Schriftzüge „Al-Kaida“ und „Millatu Ibrahim“ zu sehen.

Offenbar ist Marco G. irgendwann in der Solinger Eiferer-Bande angekommen. Sie hatte früh einen Hang zum Kampf in Syrien. Ihr Chef wurde auf dem Weg dorthin in der Türkei verhaftet. Ein weiteres Mitglied von Millatu Ibrahim hat es wohl ins Kampfgebiet geschafft. Gemeint ist der in Berlin geborene Rapper Denis Cuspert, auch als Deso Dogg oder Abu Talha al-Almani bekannt. Dass auch Marco G. Richtung Syrien aufbrechen würde, lag angesichts dieses Umfeldes nahe. Seine Familie hegte diese Befürchtung bereits früh. Sie hatte sich deshalb an die Polizei gewandt, woraufhin Marco G. ein Ausreiseverbot erhielt. Trotzdem verschwand er im September aus Kempten. Seine Schwester berichtet in der Allgäuer Zeitung: „Wir haben alles versucht, ihn aufzuhalten. Aber wir haben es nicht geschafft.“

Prinzipiell ist der Weg nach Syrien für Islamisten mit deutscher Staatsbürgerschaft einfach. Andere Kampfgebiete muslimischer Fanatiker sind schwieriger zu erreichen, etwa der pakistanisch-afghanische Raum oder Somalia. So erklärt sich die Vorliebe hiesiger Dschihad-Begeisterter für Syrien.

300 deutsche Islamisten in Syrien

Die Reiseroute führt über die Türkei, ein Pass ist nicht nötig. Der Personalausweis reicht. An der türkisch-syrischen Grenze organisieren Kontaktleute die Weiterreise. Geld sollte man aber haben. Vergangenen Juli hat Marco G. über den Internethandel Ebay versucht, diverse Habseligkeiten zu verscherbeln. Vielleicht wollte er so die Reise finanzieren.

Im Internet findet sich auch ein Foto von Marco G., auf dem er mit einer Kalaschnikow vor einer Landschaft zu sehen ist, die in der Levante im östlichen Mittelmeerraum liegen könnte. Es wurde wahrscheinlich im Spätherbst aufgenommen. Das Foto zeigt wohl einen jener knapp 300 Islamisten, die nach Angaben deutscher Sicherheitsbehörden allein im Jahr 2013 Deutschland Richtung Syrien verlassen haben. Der Verfassungsschutz geht davon aus, dass es hierzulande rund 1000 gewaltbereite Islamisten gibt.

Im Allgäu umfasst die militante Szene laut Polizeiangaben zehn Männer. Zwei davon konnten offenbar kurz vor einer Ausreise Richtung Syrien gestoppt werden – fürs erste. Nach dem Tod Marco G.s tauchten Facebook-Einträge aus diesem Umfeld auf. Einer stammt von einem Burschen aus Kempten. Er klagt über behördliche Restriktionen und preist Marco G.. Dessen letzter Facebook-Eintrag am 30. Dezember wirbt für die Al-Kaida-Untergruppe Islamischer Staat im Irak und der Levante. Was sie will, lässt sich in wenigen Worten beschreiben: ein neues islamisches Reich.