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Experte verrät Tipps

Zu Weihnachten zurück in der Heimat: Das hilft gegen den Kulturschock

Baden-Württemberg / Lesedauer: 5 min

Wer an den Feiertagen seine Familie auf dem Land besucht, erlebt oft Überraschungen. Ein bisschen Vorbereitung kann helfen. Und laut eines Experten auch Glühwein.
Veröffentlicht:23.12.2023, 04:59

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Eigentlich war alles normal, und doch kam ich mir vor wie im falschen Film. Ich spazierte mit meinen Eltern und meinem Bruder im hügeligen Allgäu. Das Gras war saftig grün, die Kühe muhten und wir genossen den Ausblick auf Bodensee und Alpen. Doch mir kam das alles seltsam vor, ungewohnt, überraschend.

Zuvor hatte ich ein halbes Jahr lang in der mexikanischen Großstadt Puebla gelebt, wo sich der Alltag anders darstellt. Gras gibt es kaum, und wenn dann nicht so grün, Hügel sind in Mexiko eher Vulkane, und Kühe haben in Lateinamerika eine dunklere Hautfarbe als jene im Allgäu. Und so stand ich dort, umringt von aus mexikanischer Sicht blonden Kühen, und war erst einmal verwirrt.

Du hast dich verändert, du hast dein Wertesystem neu justiert und dann kommst du zurück und wirst wieder mit dem Alten konfrontiert, das nicht mehr deines ist.

Ulrich Dettweiler, Kulturschock-Forscher

Damals unterlag ich kurzzeitig einem umgekehrten Kulturschock. Umgekehrt, weil ich nicht ins Ausland ging und dort mit einer neuen Kultur konfrontiert wurde und mich anpassen musste, sondern weil ich zurückkehrte und wenig vorbereitet war auf die Kultur und Umgebung, die mich in meiner Heimat Oberschwaben erwarteten.

Auf einmal sind die Kühe blond - zumindest aus mexikanischer Sicht.
Auf einmal sind die Kühe blond - zumindest aus mexikanischer Sicht. (Foto: Andreas Gebert/dpa)

Rückkehrer erleben Kulturschock-Symptome

Menschen, die unter einem Kulturschock stehen, sind gestresst, haben Schlafprobleme, hinterfragen ihre Identität, erklärt der Erziehungswissenschaftler Ulrich Dettweiler, der zum Thema Kulturschock forscht.

Rückkehrer erleben oft genau dasselbe, sagt der Forscher, der in einem Dorf zwischen Nördlingen und Dinkelsbühl aufgewachsen ist und mittlerweile in Norwegen lebt. „Du hast dich verändert, du hast dein Wertesystem neu justiert und dann kommst du zurück und wirst wieder mit dem Alten konfrontiert, das nicht mehr deines ist.“

Die Stimmungskurve verläuft meist wie ein doppeltes U: Wer weggeht, fühlt sich erst einmal euphorisch. Nach der Ankunft im Zielland trifft derjenige auf die neue Kultur und Sprache und braucht Zeit, sich daran zu gewöhnen. Dann fühlt er sich wieder besser.

Man wird mit Tradition bombardiert.

Ulrich Dettweiler

Wenn man wieder ins Heimatland zurückkehrt, ist die Vorfreude oft groß, aber irgendwann kommt es zum ersten Missverständnis, wie Dettweiler erklärt: „Du warst lange in England und dann kommst du zurück und schaust auf der Straße in die falsche Richtung und wirst fast von einem Auto angefahren.“

Der umgekehrte Kulturschock nimmt seinen Lauf, und der Rückkehrer braucht wiederum Zeit für die Anpassung.

Warum der Glühwein helfen kann

Auch wer in einer Großstadt wie München oder Berlin wohnt und auf Besuch im elterlichen Dorf ist, erlebt mitunter einen umgekehrten Kulturschock – vor allem zu Weihnachten.

Das ist ein Extremfall, sagt Dettweiler und ergänzt: „Man kriegt die Überdosis Familie, man kriegt die Überdosis traditionelles Essen. Man wird mit Tradition bombardiert.“ Und das kann ganz schön schockieren, wenn man nicht vorbereitet ist.

Ulrich Dettweiler ist mit 18 Jahren aus seinem 300-Seelen-Dorf weggezogen.
Ulrich Dettweiler ist mit 18 Jahren aus seinem 300-Seelen-Dorf weggezogen. (Foto: privat)

„Da hilft dann vielleicht nur der Glühwein auf dem Christkindlesmarkt, weil der tatsächlich überall gleich ist. Das ist sozusagen eine Antidosis gegen den Kulturschock“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Der Glühwein habe etwas Integrierendes und Heilsames.

So könne man sich in ungezwungener Atmosphäre, am besten mit Freunden, auf das vorbereiten, was kommt: etwa das formelle Weihnachtsessen bei den Großeltern, am besten in Anzug und Krawatte. Oder der Gottesdienst, bei dem der Pfarrer die Besucher mit Weihwasser bespritzt.

Was nur der Oma erzählen?

Wer den weihnachtlichen Kulturschock überstanden hat und sich – trotzdem – dazu entscheidet, dauerhaft zurückzukehren, auf den warten größere und kleinere Schwierigkeiten. Dass man fünf Jahre Stadtentwicklung nicht mitbekommen hat oder die Auswahl im Supermarkt teils eingeschränkt ist, mag noch eine geringere Rolle spielen, sagt Forscher Dettweiler.

Vielmehr gehe es beim Kulturschock um Dinge, welche die eigene Identität bedrohen. Angenommen, die Rückkehrerin ist nach Berlin gezogen und ist dort in einer Beziehung mit einer Frau, hat das aber noch nicht der Oma auf der Schwäbischen Alb erzählt. Oder sie lebte in Indien und betet nun hinduistische Gottheiten an, kommt aber aus einem streng katholischen Elternhaus.

Diese Fragen sollten junge Menschen beantworten

Das birgt Konfliktpotential, macht aber eine Rückkehr nicht unmöglich. „Wenn es einen Raum für das gibt, was die Person sozusagen aus der Ferne mitbringt oder in der Ferne erst finden konnte, dann sehe ich da kein Problem.“

Der Forscher betont, vor allem für junge Menschen, die zum ersten Mal weg waren und dann zurückkehren, sei es wichtig, sich klarzumachen: Was akzeptiere ich und was nicht? Was erwarte ich, wenn ich wieder zurückkomme? Von der Familie, von der Gemeinde, dem Arbeitgeber?

Das, was den Kulturschock zum Schock macht, ist, dass man nicht vorbereitet ist.

Ulrich Dettweiler

Die gute Nachricht, auch für solche, die nur an Weihnachten zu Besuch in der Heimat sind: Man kann sich vorbereiten, um den Kulturschock abzufedern - nicht nur mit Glühwein. Denn: „Das, was den Kulturschock zum Schock macht, ist, dass man nicht vorbereitet ist“, sagt Dettweiler. Es helfe, es sich innerlich bewusst zu machen, was auf einen wartet. Dann bemerke der Rückkehrer zwar die Unterschiede, es schockiere ihn aber nicht.

So geht es mir mittlerweile auch. Ich bin schon öfters umgezogen und habe zahlreiche Kulturschocks erlebt. Mittlerweile bin ich darauf vorbereitet und kann darüber schmunzeln. Deshalb hat sich mein Kulturschock nach meiner Rückkehr aus Mexiko auch nach wenigen Tagen wieder gelegt. Mittlerweile gehe ich oft im Allgäu spazieren, genieße das Alpenpanorama und höre muhenden blonden Kühen zu.